Hotel Alpha

STORY 1: Im Restaurant und anderswo (1964)

In den nächsten 15 Jahren werden sich Anthony und Rosalynn nicht mehr begegnen, doch heute Abend, im Restaurant des Alpha, trennten die beiden nur wenige Meter. Anthony und Rosalynn, zwei Siebenjährige, die später einmal als Tony und Roz miteinander schlafen werden, haben sich heute Abend zwar gesehen, aber keine größere Notiz voneinander genommen. Schon eigenartig, wie einen das Leben immer wieder mit solchen Andeutungen foppt, als sehe man im Kino eine kurze Vorschau seiner Zukunft.
Heute Abend haben die beiden Kinder einen Blick auf den fast fertiggestellten neuen Post Office Tower geworfen. Ein Außenskelett aus schimmerndem Stahl verbirgt nun sein einer Wirbelsäule mit Bandscheiben ähnelndes Innenleben, das vor Kurzem noch dieser skeptischen graubraunen Stadt seine Verwundbarkeit offenbarte. Doch nun sieht es nicht mehr verwundbar aus, nun sieht es aus wie eines jener seltsamen, aufregend neuartigen Ungetüme, denen anscheinend die Zukunft gehört. Zurzeit wird viel gebaut. Auch das Hotel Alpha ist neu. Genaugenommen ist das Gebäude selbst alt, es wurde in den 1870er-Jahren errichtet, und sein Äußeres ist mehr oder weniger unverändert geblieben. Aber in seinem Inneren ist alles ganz modern: das lässige, informelle Auftreten des Besitzers, die demonstrativ langen Öffnungszeiten des Restaurants, die knallbunten, geblümten Hemden und langen Haare des Barpersonals. Selbst das, was dem traditionellen Stil anderer Grandhotels entspricht – der Marmorboden, der klobige Rezeptionstresen, die Kronleuchter –, strahlt etwas leicht Subversives aus. Abgesehen von seinem Anspruch hat das Alpha auch gar nicht so viel mit einem Grandhotel gemein.
Doch all das tangiert die beiden Kinder Anthony und Rosalynn, deren Wege sich heute Abend kreuzten, überhaupt nicht. Nicht nur, weil sie zu jung sind, um sich über das Ambiente von Hotels Gedanken zu machen, sondern auch, weil sie unglücklich sind.
Anthony liegt auf einem Zustellbett und stellt sich schon seit Stunden schlafend, während seine Eltern ununterbrochen streiten. Die Stimmung zwischen den beiden war schon den ganzen Tag über angespannt. Sie waren nach London gekommen, um seinen Onkel Ken zu besuchen, den Bruder seines Vaters. Doch Ken hat Ärger mit seinem Vermieter und konnte sie deshalb nicht bei sich unterbringen. Das ärgerte Anthonys Mutter, weil sie in letzter Minute umdisponieren mussten. Dann hatten sie Schwierigkeiten, ein Hotel zu finden, und da sie sich in London überhaupt nicht auskannten, landeten sie schließlich im Alpha. Obwohl die Preise (nach Ansicht seiner Mutter) ganz vernünftig waren, lagen sie (nach Ansicht seines Vaters) deutlich über dem, was sie sich leisten konnten, weswegen dieser sich ebenfalls ärgerte. Sie aßen im Restaurant zu Abend, praktisch ohne ein Wort zu wechseln, und Anthony wagte es nicht einmal, nach einem Nachtisch zu fragen, obwohl er sein gesamtes Sparschwein für so einen Eisbecher geopfert hätte, wie ihn das Mädchen am Nebentisch bekam. Dann gingen sie wieder hinauf ins Zimmer, wo sich die Lage weiter zuspitzte. Sein Vater schrie seine Mutter an, weil sie im Badezimmer zu lange zum Abschminken brauchte. Sie wiederum machte deutlich, dass sie diese Reise sowieso nicht gewollt hatte, und sagte dann noch etwas über seine Familie, das Anthony nicht verstand. So schnell er konnte, wusch er sich das Gesicht und putzte sich die Zähne, legte sich auf die Liege, die der Hotelportier für ihn aufgestellt hat, drehte sich von seinen Eltern weg zum Fenster und wünschte, er würde schlafen.
Aber das gelang ihm nicht. Sein Hirn schien in seinem Schädel Pirouetten zu drehen und bei jedem Laut – einer Sirene von der Straße unten, einer in irgendeinem Winkel summenden Fliege – zusammenzuschrecken wie ein verängstigtes Kätzchen. So ging das eine halbe Stunde. Seine Mutter las ein Buch, während sein Vater zu schlafen versuchte. Anthony hörte, wie die Fliege summte, wie seine Mutter umblätterte und wie sein Vater sich immer wieder verdrossen räusperte. Als seine Mutter dann ihre Nachttischlampe ausmachte, fingen sie im Flüsterton an zu streiten, da sie wohl davon ausgingen, dass Anthony schlafe.
»Bist du endlich fertig mit deinem Scheißbuch?«
»Was soll denn das jetzt?«
»Ich dachte schon, du willst die ganze Nacht lesen.«
»Was geht es dich an, wie lange ich lese? Ich tue es jedenfalls nicht, um … dich zu provozieren.«
Dieser kurze Wortwechsel endete mit einem sarkastischen Schnauben seines Vaters, einem Geräusch, das er über die Jahre dahingehend verfeinert hat, dass es seine Mutter regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Erwartungsgemäß stieg sie auch diesmal darauf ein.
»Was zum Teufel soll denn dieses Geschnaube jetzt bedeuten?«
Anthony merkte, wie ihm immer heißer wurde. Er drehte sich von der Seite auf den Rücken und starrte an die Decke, während ab und an Verkehrsgeräusche von draußen an sein Ohr drangen. Seinen Eltern schien es inzwischen egal zu sein, ob er wach war oder schlief. Er rollte sich auf den Bauch und vergrub sein Gesicht in dem Kissen, das eigentlich ein Sofakissen war, so wie dieses Bett kein richtiges Bett war, sondern eine Campingliege. Er schien irgendwie allein schon durch seine Anwesenheit im Weg, eben jemand, für den man ein zusätzliches Bett herbeischaffen muss. Er presste sein Gesicht hinein, sodass er nur noch das Kissen und die leicht raue Struktur seines Bezugs spürte. Einige Minuten blieb er so liegen, damit sie nicht merkten, dass er weinte. Seine heimlichen Tränen sickerten in die Kissenfüllung, die sein Gesicht umschloss. Ein paarmal musste er schniefen, aber keiner der beiden reagierte darauf. Als er zu ersticken glaubte und seinen Kopf hob, um ihn nun auf dem Kissen abzulegen, statt ihn darin zu vergraben, hatte das Gespräch eine andere Richtung eingeschlagen, der Tonfall war ruhiger, aber zugleich bedrohlicher.
»Kannst du nachvollziehen, warum ich dir nicht vertraue?«, fragte sein Vater.
»Himmel, Arsch und Zwirn«, sagte seine Mutter, und auch wenn Anthony die Formulierung nicht kannte, war ihm klar, dass sie das Falsche gesagt hatte. Die Reaktion seines Vaters bestätigte seine Einschätzung.
»Sprich gefälligst nicht so, wenn er dabei ist!«
»Er schläft.«
»Kannst du nachvollziehen, warum ich dir nicht vertraue?«, wiederholte sein Vater, und diesmal antwortete seine Mutter mit einem tiefen Seufzer, aus dem mehr Verzweiflung sprach, als Worte ausdrücken können.
»Ich sage dir nur, was ich empfinde«, sagte sein Vater.
»Wann wirst du endlich damit aufhören?«, fragte seine Mutter. »Wann wirst du endlich akzeptieren, was vorgefallen ist?«
»So einfach ist das nicht«, sagte sein Vater.
Danach war es still, zumindest sagten sie nichts mehr. Kurz hatte Anthony den Eindruck, er höre durch die Wand jemanden im Zimmer nebenan weinen. Dann begriff er, dass die Geräusche aus dem Badezimmer kamen und von seiner Mutter stammten. Was immer sein Vater ihr auch vorgeworfen hatte – und Anthony konnte nicht einmal ansatzweise erahnen, worum es sich handelte –, war er doch überzeugt, dass ihre Tränen im angrenzenden Badezimmer bewiesen, dass er im Recht war. Was auch geschieht, sein Vater ist Anthonys Held: Er hat eine Sammlung von Zigarettenbildern mit Spielern von Leeds United; er hat diesem furchterregenden zehnjährigen Jungen deutlich gemacht, dass er ihn »zu Brei schlagen« wird, wenn er sich je wieder mit Anthony anlegt; und er kann so gut Fred Feuerstein imitieren.
Also muss seine Mutter an allem schuld sein: daran, dass seine Eltern streiten, und daran, dass Anthony sein Kissen nass weint. Er hat seine Mutter lieb, aber irgendwer muss schließlich Schuld haben, dass er sich so schrecklich fühlt, und dann ist es wohl sie.
Das Mädchen, das vorhin am Nebentisch den Eisbecher bekommen hat, ist nun zu Hause in Barnet in seinem Kinderzimmer. An der Zimmertür hängt ein Schild, auf dem gemalte Rosenblätter den Namen »Rosalynn« formen, ein Name, den sie jetzt schon hasst. Auch hier ist eine Auseinandersetzung im Gange, doch über ihren Gegenstand besteht in diesem Fall kein Zweifel.
Etwas früher an diesem Abend hat Rosalynn in einem Konzert der Sieben- bis Elfjährigen des North-London-Schulorchesters mitgespielt (sie selbst in der Gruppe der unter Achtjährigen). Die Eltern waren zahlreich anwesend, und ihr Enthusiasmus reichte von verhalten bis geradezu überschäumend. Eigentlich hätte auch Rosalynns Vater dabei sein sollen. Er habe hoch und heilig versprochen zu kommen – das ist die Formulierung, die ihre Mama nun benutzt, als sie unten ins Telefon schreit. Die Wände dämpfen die Lautstärke, sodass Rosalynn die Wut ihrer Mutter nur aus dem Tonfall schließen kann. Rosalynn spielt die zweite Geige. Daraus hatte ihr Vater, als er zum letzten Mal vor etwa zwei Wochen hier war, ein Wortspiel gemacht, das sie nicht verstand. Ihr Vater ist viel unterwegs, weil er so eine wichtige Arbeit hat – was immer das auch sein mag. Aber auf jeden Fall war vereinbart, dass er heute Abend zum Konzert kommt.
Als die Lichter auf der Bühne angingen, war Rosalynn überrascht von ihrer Helligkeit, und während sie spielte, konnte sie in der Dunkelheit des Zuschauerraums überhaupt niemanden ausmachen. Erst als sie fertig war und auch dort unten die Lichter angingen, sah Rosalynn ihre Mutter, die mit ihrem neuen Haarschnitt ein paar Reihen entfernt saß, und es bestätigte sich, was sie bereits vermutet hatte: Ihr Vater war nicht da. Er hatte das Konzert verpasst, genauso wie das Sportfest und das Krippenspiel, in dem ihr Bruder Simon der Josef gewesen war. Immer mit der gleichen Ausrede, die ihre Mutter auch jetzt zwischen zusammengepressten Zähnen hervorbrachte, als sie den Mini vom Parkplatz lenkte, ohne mit den anderen Eltern Kaffee getrunken und ihre mitleidigen Blicke entgegengenommen zu haben: Arbeit.
»Wo ist er denn?«, fragte Rosalynn.
»Er ist wohl aufgehalten worden«, antwortete ihre Mutter, ohne den Blick vom Spiegel abzuwenden.
»Aber er hat doch gesagt …«
»Er ist wohl aufgehalten worden!«, schnauzte ihre Mutter. Dann tat es ihr leid, Rosalynn angeschrien zu haben. Zur Belohnung und als Entschädigung für die Abwesenheit ihres Vaters gingen sie mit Simon zusammen in ein Hotel zum Abendessen. Sie sprachen darüber, wie gut das Konzert gelaufen war, und Rosalynn genoss es sehr, dass sie so spät zu Abend aßen und dass sogar ihr drei Jahre älterer Bruder Simon von ihrem Geigenspiel beeindruckt war. Sie sprachen über das Konzert und die anderen Musiker und über alles Mögliche, nur nicht über ihren Vater und dessen Abwesenheit.
Nun stellt Rosalynn leise ihre Füße vors Bett und schleicht im Nachthemd zum Treppenabsatz. Sie versteift jeden Muskel und versucht sogar das federleichte Geräusch zu unterdrücken, das ihr Atem macht, wenn er aus ihren Nasenlöchern strömt. Wie ein Stein so starr steht sie da. Darin ist sie sehr gut, bei den Partys von Flora und Linda war sie beim Versteinern-Spielen praktisch unschlagbar. Das Telefonkabel führt bis ins Arbeitszimmer. Ihre Mutter hat den Apparat dorthin mitgenommen, aber von hier aus kann Rosalynn hören, was sie sagt.
»Tja, wenn deine Tochter keine Priorität für dich hat.«
Was heißt Priorität?, fragt sich Rosalynn, und die Frage schnürt ihr die Kehle zu, sodass ihr ein leises Geräusch entfährt. Und warum hat sie die nicht?
»Das ist mir egal, Patrice.«
Patrice ist ein ungewöhnlicher Name für einen Vater. Er ist in Montreal geboren. Rosalynn mag den Ton nicht, in dem ihre Mutter den Namen jetzt sagt, als wolle sie seine Fremdheit betonen.
»Ich … hör zu, Patrice, das ist mir egal. Die Frage ist doch: Kannst du für deine Tochter dieses Opfer bringen oder nicht? Können wir uns auf dich verlassen – kann sich diese Familie auf dich verlassen – oder nicht?«
Rosalynn weiß, was »sich auf jemanden verlassen« heißt. Es heißt, dass man jemandem vertrauen kann, dass man weiß, dass man geliebt wird. Bei dem Ton, in dem ihre Eltern miteinander reden, stockt ihr kurz der Atem. Sie sieht herab auf ihr Nachthemd mit den hellblauen Ponys und findet es plötzlich grässlich, weil es so kindlich aussieht. Sie fühlt sich nicht wie sieben Jahre alt, sie fühlt sich viel älter, auf eine traurige Art älter, niedergedrückt von der Last der Realität. Dieses Gespräch lässt alles in ihrem Kinderzimmer absurd erscheinen, vom Puppenhaus mit seinen allzeit glücklichen Bewohnern bis zu der in den Grundfarben gehaltenen Enid-Blyton-Buchreihe im Regal. Das einzig Reale ist die Tatsache, dass ihre Eltern sich nicht mehr mögen. Es gab eine Zeit, es gab viele Zeiten (am Strand in Brittany, beim Ostereiersuchen bei Oma), da mochten sie sich, da liebten sie sich sogar, aber das ist jetzt vorbei.
Rosalynn tritt vom Treppenabsatz zurück. Ganz vorsichtig, aus Angst, ertappt zu werden, denn ihrer Mutter entgeht nie etwas. Sie krabbelt zurück in ihr Bett, das sich selbst dann noch kalt anfühlt, als sie sich ganz fest in ihre Decke gewickelt hat. Vergeblich denkt sie an den Ausdruck »eingemummelt wie ein Eskimo«, der sie immer aufgeheitert hat, ihr aber plötzlich kindisch und veraltet vorkommt wie alles, was sie umgibt. Wieder erinnert sie sich an den Urlaub in Brittany, der erst ein Jahr zurückliegt: Wie erwachsen sie sich fühlte, als sie mit der ganzen Familie zusammen Kakao trank. Kurz überlegt sie, ob sie bei Simon klopfen soll, aber er wird sie nicht verstehen. Dass sie sich auf Dad nicht verlassen können, damit muss sie ganz alleine klarkommen, denn nur sie weiß davon.
Sie starrt an die Decke mit den im Dunkeln leuchtenden Sternen, die ihr Vater dort für sie angebracht hat, und denkt über das nach, was sie gerade erfahren hat. 15 Kilometer weiter südlich liegt auch Anthony noch immer wach, im Gegensatz zu seinen streitenden Eltern, die inzwischen eingeschlafen sind. Die beiden, die heute beim Abendessen an zwei benachbarten Tischen gesessen haben, starren nun in unterschiedliche Erscheinungsformen von Dunkelheit. Anthonys Dunkelheit ist gesprenkelt vom verschwommenen Orange der Großstadtlichter draußen, Rosalynns Dunkelheit ist übersät von winzigen weißen Flecken an der Decke.
Wenn sie sich dann in fünfzehn Jahren kennenlernen, werden die Geschehnisse der heutigen Nacht noch immer eine wichtige Rolle spielen. Anthony – Tony – wird Frauen instinktiv misstrauen. Auch wenn es ihm nicht bewusst sein wird, wird dieses Misstrauen sein Verhältnis zum anderen Geschlecht häufig beeinträchtigen. Rosalynn – Roz – wird genauso unbewusst Männer als Schufte und Betrüger ansehen, als Menschen, die nie da sind, wenn man sie braucht. Erschwerend werden noch ihr geringes Selbstwertgefühl und eine nur aufgesetzte Trotzhaltung hinzukommen, die daher rührt, dass sie von zu Hause weggelaufen ist. Diese Beziehung wird erwartungsgemäß nicht lange halten, aber es wird ein Kind namens Chas aus ihr hervorgehen. Roz wird es mit der abgöttischen Hingabe lieben, die sie in jede Gefühlsbeziehung investiert, und Tony wird dieses Kind bedauerlicherweise nie kennenlernen, weil er sich vorher davonmacht und damit Roz’ Meinung über Männer bestätigt.
Doch bis dahin ist es noch Jahre hin. Heute Nacht liegen die beiden Siebenjährigen in ihren Betten und warten verzweifelt auf den Schlaf.


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