Hotel Alpha

STORY 10: Zimmer 23 (1965)

von Jenny Gal Or

Clarice stürmt durch die Tür in ihr Zimmer und wirft ihren Regenmantel und die ledergebundene Mappe aufs Bett. Die Notenblätter rutschen heraus, verteilen sich auf der Steppdecke und über dem Fußboden. Sie betritt sofort das Badezimmer, und während sie darauf wartet, dass sich das Waschbecken mit kaltem Wasser füllt, betrachtet sie im Spiegel ihr Gesicht, dessen untere Hälfte von dem riesigen Blumenstrauß in ihren Armen eingerahmt wird.
Das Make-up, das sie vor dem Auftritt aufgelegt hat, ist weitgehend intakt geblieben. Sie mustert das Gesicht ihr gegenüber: das Rouge, den Lippenstift, die schwarzen Augen, die leuchtend gelben Rosen und roten Gerbera. Kurz bevor das Wasser den Beckenrand erreicht, legt sie behutsam den Strauß hinein.
»Na, wen haben wir denn da?«, hat Ted sie aufgezogen, als sie heute Morgen aufgeregt und nervös auf die Straße trat. »Die göttliche Greta Garbo, wie sie singt und tanzt.«
»Hör bloß auf, Ted«, sagte sie strahlend. »Mich wird garantiert nie jemand tanzen sehen.«
»Ich schon«, flüsterte Ted in ihr Ohr und kam ihr dabei so nahe, dass seine buschigen Augenbrauen ihre Haut kitzelten.
Clarice tätschelte das Revers seiner Cabanjacke und gab ihm spielerisch einen Schubs. »Sei ein braver Junge, Teddy, oder ich schick dich zurück in den Chor.« Ted zog ein Gesicht.
Sie gingen rasch durch die Kälte vom Hotel zur Akademie. Als das Vorsingen vorbei war und alle Kandidaten entlassen, war Ted aus dem Zuschauerraum geschlüpft und hatte Clarice im Foyer mit einem riesigen Strauß geradezu phosphoreszierender Blumen erwartet.
»Wo hast du die denn aufgetrieben?« Clarice war entzückt. Aus Teds Sicht hatte sie die Konkurrenz ausgestochen, auch wenn sie noch auf die Bestätigung des Direktors, Sir Armstrong persönlich, warten muss.
Nach einem Zwischenstopp für ein spätes Mittagessen sind sie ins Hotel zurückgekehrt. Die völlig überdrehte Clarice ist aufs Zimmer vorausgegangen, wo sie auf Ted wartet, der immer für alles so ewig braucht: Gerade quatscht er mit dem Portier an der Rezeption und macht ein Tamtam wegen ihrer abendlichen Reservierung. Doch ohne ihn kommt Clarice das Hotelzimmer leer und die Stille ernüchternd vor. Sie würde so gerne singen, was sie auch täte, wenn sie zu Hause wäre.
Als Ted endlich kommt, wirft er seinen Mantel auf ihren und direkt daneben die Hutschachtel, die er auf Clarices Drängen mitnehmen musste. Darin befindet sich ihre brandneue federgeschmückte Kappe, die sie aus einer Laune heraus für den heutigen Anlass gekauft und genau fünf Minuten getragen hat, weil sie sie für ihren Auftritt selbstverständlich nicht gebraucht hat.
»Du warst wunderbar, Clarice.«
»Meinst du wirklich? Aber er hat noch immer nicht angerufen.«
»Wir sind ja auch gerade erst zurückgekommen. Er könnte in unserer Abwesenheit angerufen haben.«
»Aber das hätten sie mir doch unten an der Rezeption gesagt.«
»Er wird anrufen, Schätzchen, mach dir keine Sorgen.«
»Können wir nicht wieder rausgehen? Den Rest des Tages in der Stadt verbringen? Hier fühle ich mich so eingesperrt.«
»Aber dann verpasst du seinen Anruf, Dummerchen.«
Ted legt Clarice seinen Arm um die Schulter und dreht sie zum Spiegel. Seite an Seite blicken sie ihr spiegelverkehrtes Hotelzimmer und einander an, wie sie da inmitten der auf dem Boden verstreuten Notenblätter für Delibes’ Les filles de Cadix stehen, ein bisschen zerzaust und atemlos. An Haut und Haaren haftet noch immer die kühle Luft von draußen.
»Lass uns was trinken«, sagt sie und »Telefonier nicht zu lang«, fügt sie noch hinzu, als Ted nach dem Apparat angelt, um gut gelaunt gleich mehrere Flaschen von dem Wein, den der Portier empfiehlt, zu bestellen.
Nachdem sie sich eingeschenkt haben, suchen sie einen Musiksender auf Teds Radiowecker, und wider besseres Wissen und anfangs mit gespieltem Widerstand lässt Clarice sich von Ted zum Tanzen verleiten, erst am Boden, dann auf dem Bett.
Genau um zehn nach vier schrillt das Telefon. Clarice robbt über das Bett und greift nach dem Hörer, bettet ihn in ihre Hand, drückt ihn gegen ihre Wange. Ein perlmuttfarbener Fingernagel klopft auf das Bakelit. Ted hört, wie sie erst den Atem anhält, dann ausatmet. Kaum hat sie aufgelegt, dreht sie sich um und zeigt ihm in einem breiten Lächeln ihre weißen Zähne.
»Ich wusste, dass du es schaffen würdest, und ich sag dir was: Alle wussten es. Du hättest ihre Gesichter sehen sollen, Clarice. Du hast diesen ganzen Trantüten gezeigt, wo’s langgeht.«
»Das habe ich wirklich, oder?«, sagte sie, als würde sie es erst jetzt glauben.
»Na, worauf wartest du denn?« Ted beugt sich zu ihr hinüber, nimmt den Telefonhörer wieder von der Gabel und drückt ihn ihr in die Hand. »Das schreit nach Champagner!«
Sie ist inzwischen so betrunken, dass sie ihren früheren Wunsch, das Hotel zu verlassen, vergessen hat, und nach einem Übermaß an Wein und Champagner wollen sich beide nicht mehr von ihrem Zimmer einengen lassen. Etwa gegen sieben Uhr reißen sie die Tür auf und lassen ihre Feierlaune auf den Flur hinausschwappen.
Der Portier ist alles andere als angetan, dass die Bestellung weiterer Flaschen nun nicht mehr über das Telefon getätigt, sondern von der Galerie in der ersten Etage zur Rezeption hinuntergeschrien wird. Also wirklich, denkt er sich, und bestätigt ihre Wünsche mit einem gequälten Lächeln.
Am späteren Abend, als der Portier gerade die Gäste des Hotelrestaurants verabschiedet, taucht der junge Mann wieder auf der Galerie auf. Diesmal hat er seine Gefährtin mit sich aus dem Zimmer gezerrt und verkündet: »Die Menge verlangt nach dir!« Das trifft zwar nicht ganz zu, doch inzwischen haben ihre Possen zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und eine kleine Runde verwunderter Zuschauer versammelt sich in der Halle.
Clarice ist längst nicht mehr angemessen gekleidet, sondern wie ein Geschenk in einen langen blauen Morgenrock gewickelt, der recht züchtig knapp unterhalb ihres Schlüsselbeins von einer riesigen Schleife zusammengehalten wird. Mit einer schwindelerregenden Drehung befördert Ted Clarice in seinen Armen an die Brüstung, wo sie auf ein Foyer voller Gesichter schaut. Manche sehen gleich aus. Ich sehe doppelt, denkt Clarice. Ein Tourist, der gerade von draußen hereingekommen ist, hebt seine Kamera, und aus der silbernen Kugel darauf kommt ein heller Blitz. »Singen Sie doch was«, hört sie jemanden von unten rufen. Woher weiß er, was ich mache, wundert Clarice sich, aber man muss sie selten zweimal bitten. Nach einem Blick auf Ted, der schelmisch lächelnd nickt, holt Clarice tief Luft und beginnt zu singen.


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