Hotel Alpha

STORY 100: In einem Taxi auf dem Weg zum Alpha (2005)

Anmerkung: Diese Geschichte enthält Spoiler für den Roman.

Es ist schon lange her, dass Tony zuletzt ein Taxi gerufen hat, wirklich sehr lange. Zwanzig Jahre, wenn nicht mehr. Er hatte nie das Geld dafür oder war zumindest nicht geneigt, es dafür auszugeben. Noch jetzt, mit fast fünfzig, beherrscht ihn die Angst vor dem Geldausgeben, die er mit sieben entwickelte, als er schüchtern nach einem Eisbecher fragte und sein übellauniger Vater ihm vorwarf, er würde sie »sowieso schon genug kosten«. Das war in genau dem Gebäude, zu dem er jetzt unterwegs ist. Im Hotel Alpha. Damals gefiel es ihm dort nicht, und er ist sich nicht sicher, ob es ihm heute, 41 Jahre später, besser gefallen wird. Aber er muss hin.
Ungerührt läuft das Taxameter, und mit jedem Atemzug erhöht sich der Fahrpreis um 20 Pence. Es ist wirklich erstaunlich teuer. Es wird auf 25 Pfund hinauslaufen, vor allem, wenn sie hier noch länger festhängen. Bei den letzten paar Ampeln reichte die Grünphase gerade mal für drei Autos, was Tony geradezu lachhaft fand. Den Taxifahrer scheint die grässlich lange Fahrzeit nicht zu stören, sie scheint ihm nicht einmal aufzufallen. Im Radio läuft eine Talksendung, und auf dem Beifahrersitz liegt geöffnet ein arabisches Buch, in das er jedes Mal, wenn sie anhalten, einen Blick wirft.
Seit wann gibt es eigentlich in London so viele Autos? Seit wann so viele Menschen, die nicht Tonys Sprache sprechen? Seit wann spielen Radiosender keine Musik mehr und lassen stattdessen Krethi und Plethi ihre Meinung über alles und jeden kundtun? Momentan drehen sich die Gespräche um die Bombenanschläge in der U-Bahn letzte Woche, was wenig überraschend ist. Gerade ist jemand aus Croydon auf Sendung, eine männliche Stimme, die über Jahre hinweg darauf getrimmt wurde, extreme Wut zu transportieren. Diese Stimme würde immer wütend klingen, egal was sie sagt. »Worauf es hinausläuft, unterm Strich, letzten Endes, ist Religion. Religion ist die … es ist eine Plage, James, eine moderne Plage.« Tony blickt verstohlen den Fahrer an, aber dessen Glaube scheint durch diese Verurteilung nicht erschüttert zu werden.
Endlich gelingt es dem DJ doch noch, sich einzuschalten: »Findest du nicht, Neil …«
»Niall.«
»Niall, findest du nicht, dass du mit dieser Aussage die gleiche Unflexibilität im Denken an den Tag legst, die du der anderen Seite vorwirfst? Ist es nicht wichtig, alle Formen von Glauben gleichermaßen zu respektieren?«
»Nein, James, tut mir leid, aber meiner Ansicht nach sind wir da viel zu weit gegangen. Wenn du von Respekt sprichst, also unterm Strich, dann sind doch diese Leute, die mit muslimischem Glauben, also mit, äh, islamischem Glauben, da runter in die U-Bahn gegangen und haben Unschuldige getötet …«
Alle reden, alle haben es eilig, irgendwo hinzukommen, und stehen einander dabei im Weg. Alle sind wütend oder nervös. Tony ist nun seit zwei Jahren wieder in London und fühlt sich immer noch unwohl. Die Stadt kommt ihm größer und lauter vor als damals, als er mit sieben Jahren zum ersten Mal hier war. Wann hat sie sich so verändert? Noch während er sich diese Frage stellt, kommt sie ihm dämlich vor. Er hat zwischen 1981 und 2002 keinen Fuß mehr in dieses Land gesetzt. In 21 Jahren kann sich eine Menge ändern.
23,20 steht auf dem Taxameter, 23,40 einen Augenblick später. Tony erinnert sich, dass er früher immer die Beano-Comics für zwei Pence kaufte. Heute kann man sich für zwei Pence eine Viertelsekunde in diesem Gefährt kaufen, das sich nicht vorwärts bewegt. Er muss aufhören, an den Fahrpreis zu denken. Es war richtig, ein Taxi zu nehmen, jedenfalls theoretisch. Er wollte mit seinen Gedanken allein sein, nicht mit lauter Schulkindern und Zwillingskinderwagen in einem Bus eingequetscht sein, und auch nicht in der U-Bahn, wo alle sich nur noch nervös umsehen. Er dachte, dass das Auto ihm ein wenig Privatsphäre verschaffen würde, in London etwas sehr Wertvolles. Aber jetzt ist er allein mit den Gedanken anderer Leute.
»Der Islam ist eine sehr friedliebende Religion«, erklärt gerade jemand im Radio. »Das Wort ›Islam‹ kommt aus dem Arabischen und bedeutet Frieden.«
»Das stimmt«, bekräftigt der Taxifahrer und bricht damit ein Schweigen, das er durchgehalten hat, seit sie über Tonys Ziel gesprochen haben. »Das stimmt, Frieden ist zentrale Sache im Islam, wussten Sie?«
Tony hört nur mit halbem Ohr hin, so wie er auch nur die Hälfte des Geplappers aus dem Radio gehört hat, und ist unangenehm überrascht, dass nun eine Antwort von ihm erwartet wird. »Äh, ich bin sicher, Sie haben recht«, murmelt er und angelt in seiner Tasche nach dem Ausdruck der Zeitungsstory, die ihn zu seiner heutigen Fahrt veranlasst hat.
»Ist richtig nicht wegen mir, sondern wegen Wahrheit. Sie haben Koran gelesen?«
»Das kann ich nicht behaupten … nein«, sagt Tony, dem nun sein Magendrücken, seine feuchten Handflächen, seine zitternden Hände und zappelnden Füße bewusst werden.
Der Taxifahrer rattert nun herunter, wo im Internet man Videos von Imamen findet, die die Wahrheit verkünden, wie er sagt. Er rezitiert die Internetadressen mit dem routinierten Gesichtsausdruck eines Handelsvertreters. Er hat dieses Gespräch heute wahrscheinlich schon mehrfach geführt.
»Ich werde es mal damit versuchen«, lenkt Tony ein, um dem Gespräch ein Ende zu setzen, aber der Taxifahrer hat sich nun warmgeredet und erteilt weitere Ratschläge, darunter viele Sprüche aus dem Koran, wobei er sie anders bezeichnet, mit einem Wort, das Tony nicht kennt. Auch das alles ist offensichtlich »online« verfügbar. Noch vor vier Jahren hat Tony das Wort »online« überhaupt nicht gekannt. Er lebte in Queensland und arbeitete in einem Laden für Surfer-Bekleidung. Er war zwanzig Jahre lang nicht in England gewesen und hatte auch nicht vor, je dorthin zurückzukehren. Die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht nur zurück nach London, sondern auch wieder in dieses Hotel gehen würde, wo angeblich sein Sohn lebte …
Sein und Roz’ Sohn. Aber Roz ist tot. Es ist ihm unbegreiflich, aber Roz ist schon seit 1984 tot.
Er hätte behauptet, die Chancen stünden bei null. Aber dann lief ihm Anna über den Weg und lockte ihn zurück nach Großbritannien. Eine solche Frau hätte ihn überall hinlocken können. Nun ist ihre Beziehung zerbrochen, aber sie haben immer noch Kontakt. Sie hatte ein Auge auf Tony, als diese neue Phase in seinem Leben begann. Sie telefonieren gelegentlich miteinander und schicken sich SMS. Es war Anna, die ihm den Artikel gemailt hatte. Er faltet den zerknitterten Ausdruck nun auseinander. Er weiß nicht, warum er ihn ausgedruckt hat, wo er ihn doch inzwischen auswendig kann.
SKANDAL: DER »LEBENSRETTER«, DER KEINER WAR
Eines von Londons Nobelhotels, das Alpha, wird von der Enthüllung erschüttert, dass der millionenschwere Besitzer Howard York …

Tony war schon fast entschlossen, nicht dort aufzutauchen, keine schlafenden Hunde zu wecken. Und dann dieser Artikel. Darin stand, dass York, der Chas – seinen Sohn! Tonys Sohn! – adoptiert hat, nur vorgegeben hat, ihn bei dem Brand gerettet zu haben. Der Brand, in dem Chas sein Augenlicht verlor. Und in Wahrheit war es der Portier oder so. Die meisten Details klangen recht vage. Howard York hatte eine lange, recht selbstmitleidige Entschuldigung veröffentlicht. Chas York und der Portier waren »für eine Stellungnahme nicht erreichbar«. Der Artikel endete mit der Vermutung, dass die letzten Enthüllungen das öffentliche Interesse an einem Hotel, »das immer schon vom Glück gesegnet schien«, nur noch steigern würden.
Das Hotel ist ihm egal. Sogar Howard York ist ihm egal. Er will sich nicht bei ihm bedanken, dass er Chas die vielen Jahre aufgezogen und ihm ein Zuhause geboten hat, das Tony ihm nie auch nur im Entferntesten hätte bieten können. Er will ihm auch keine Vorwürfe machen, weil er zugelassen hat, dass Roz stirbt und Chas leidet, und alle Welt belogen hat. Genauer gesagt, will er all das zugleich, aber das ist nicht der Grund, warum er sich nun etwa 400 Meter vom Hotel Alpha entfernt befindet. Er will einfach nur zu Howard York sagen: Ich bin Chas’ Vater. Ja, ich hätte viele Jahre früher zurückkommen sollen. Oder vielleicht gar nicht erst gehen sollen. Ja, ich habe viele Fehler gemacht. Aber das haben Sie auch. Wir sind zwei Männer, die viel auf dem Gewissen haben. Wir haben fast nichts gemein, aber das, was wir gemein haben, ist etwas ungeheuer Großes. Roz Tanner, der man nicht mehr helfen kann. Und Chas.
Wohnt er noch im Hotel?
Und wenn er weggegangen ist, wohin?
Kann ich seine Telefonnummer haben?
Wie kann ich ihn kontaktieren? Wo muss ich hin? Ich gäbe Ihnen alles nur für die Möglichkeit, ihm ein paar Worte zu sagen, selbst wenn er mir antwortet, dass er nie mehr von mir hören will, selbst wenn er mich wieder ans andere Ende der Welt verbannt. Ich würde alles, was ich erarbeitet habe, dafür geben, einmal meine Hand auf die Schulter meines Sohnes legen zu können, mein Fleisch an seinem zu spüren, nur eine Sekunde lang.«
»… um den letzten Anrufer zu korrigieren. Es ist in der Tat ein weit verbreitetes Missverständnis, dass ›Islam‹ Frieden bedeutet. Es beruht auf der Übersetzung des Wortes ›al-salaam‹, was häufig verwechselt wird …«
All diese Leute mit ihrer Version der Wahrheit. Für Tony gibt es jetzt nur noch eine Wahrheit, die zählt. Sein Blick bohrt sich einen schnurgeraden Tunnel, er sprengt sich einen Weg durch all das Geplapper, die Meinungen, die Hintergrundgeräusche, und löst alles außer ihm und seiner Mission in Luft auf. Die Angst kriecht noch immer über seinen Körper und wütet in seinem Inneren, aber sein Herz ist ruhig und entschlossen. Er denkt, er sei ruhig und entschlossen, bis der Taxifahrer zwei Wörter sagt: »Hotel Alpha.«
Die Fahrt hat so lange gedauert, viel zu lange, doch dass sie nun vorüber ist, versetzt Tony in Panik. Er muss schlucken und wühlt in seiner Tasche nach den Scheinen, die er für diese Fahrt vorgesehen hat. Es sind jetzt fast 30 Pfund geworden, doch diese Zahl bedeutet ihm nichts. Er bedankt sich beim Fahrer, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Die Leute im Radio setzen ihre endlose Diskussion fort. Er schließt die Wagentür.
Das Hotel steht noch genauso da, wie es – soweit er sich erinnern kann – vor 41 Jahren aussah. Das große A auf der Tür. Die hohen Bäume. Das selbstbewusste viktorianische Mauerwerk, das den Eindruck von Zeitlosigkeit und Solidität erweckt. Tony muss an seine Eltern denken, an den Eisbecher und daran, wie er schlaflos da oben in einem der Zimmer lag. Und sein Geist fischt weitere Erinnerungen aus diesem Strom, der von damals nach heute fließt: Er in einem Flugzeug nach Phuket, das in einem Sturm derart auf und ab hüpfte, dass er zu sterben glaubte. Ein malaysisches Mädchen, mit dem er geschlafen und an das er seither nicht ein einziges Mal gedacht hat. Ein Hemd, das er besessen hat. Das Great Barrier Reef. Damit könnte er nach Belieben weitermachen, um dem aus dem Weg zu gehen, was er nun vor sich hat.
Aber er will dem nicht mehr aus dem Weg gehen. Er legt eine Hand auf die Tür. Indem er sie aufdrückt und das Alpha betritt, lässt er die Vergangenheit hinter sich. Nicht, dass sie unbedingt einer strahlenden Zukunft Platz machen wird. Was noch passieren wird, ist ungewiss. Aber jetzt ist er hier, im Hotel Alpha. Das ist die Gegenwart. Ja, er lebt jetzt in der Gegenwart.


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