Hotel Alpha

STORY 11: Zimmer 63 (2002)

Alles, was passiert ist, war … man muss fairerweise sagen, dass es ein langer Tag war, und irgendwann hat man genug davon, immer wieder das Gleiche zu brüllen. Und wie einen die Leute dabei anschauen. Sie sind irgendwohin unterwegs, sie halten sich bestenfalls zwei, drei Minuten auf dem Bahnsteig auf, und man selbst muss schließlich den lieben langen Tag dort stehen. Also schauen sie einen an wie ein Tier, das man in einen Zookäfig gesperrt hat, während sie selbst frei rumlaufen dürfen und tun, was sie halt als Nächstes so Spannendes vorhaben.
Die Türen schließen. Bitte machen Sie die Türen frei. Achtung, die Türen schließen. Und manchmal auch: Der Zug kann nicht abfahren, solange nicht alle Türen frei sind.
Wenn man, na ja, sagen wir, wenn man ein bisschen versnobt ist, sieht man leicht auf jemanden herab, der den ganzen Tag so was schreien muss, und denkt sich: Der Kerl hat es im Leben ja nicht gerade weit gebracht. Aber das ist mir gleichgültig. Ich erwarte nicht, dass die Menschen, also dass sie mir, äh, sonderlich viel Aufmerksamkeit schenken. Genau genommen ist es mir sogar lieber, sie tun es nicht, sondern tun einfach das, was ich ihnen zuschreie. Nämlich dass sie sich nicht in die Zugtüren werfen sollen, so als käme monatelang keine Bahn nach, wenn sie diese verpassen. Oder dass sie sich, wenn sie im Zug sind, nicht von innen an die Türen lehnen sollen. Na ja, eigentlich sollte das alles ja nicht so schwer sein.
Und deshalb ist alles, was passiert ist … ein ganz schön langer Tag. Heiß. Zu der Jahreszeit wird es da unten immer richtig heiß. Schon um die Mittagszeit haben sich Betrunkene rumgetrieben. Einmal hätte ich fast Steve zu Hilfe rufen müssen. Und weil Aaron um vier nicht aufgetaucht ist, um mich abzulösen, habe ich letztlich noch nicht mal eine Pause machen können. Na ja egal, ich fange schon an zu schwafeln. Es war ungefähr sechs, als es irgendwo auf der Strecke Probleme gab. Eine Signalstörung oder – uns haben sie nicht gesagt, was es war, jedenfalls gab’s Verspätungen. Auf einmal dauert es acht oder neun Minuten bis zum nächsten Zug, und wenn dann einer kommt, dann sind die Leute drin bereits zusammengequetscht wie in einer Sardinenbüchse. Und in solchen Fällen schlägt die Stimmung da unten ganz schnell um. Der Bahnsteig wird dann viel zu voll.
Bitte verteilen Sie sich auf dem gesamten Bahnsteig.
Aber das machen die Leute nicht. Sie kommen runter und bleiben stehen wie festgewachsen, egal, wie oft man sie bittet, Platz zu machen für die, die nachkommen. Sie schauen einen dann an, als wolle man sie veräppeln. Oder sie kapieren es einfach nicht. Viele von denen sind ja zugegebenermaßen Ausländer.
Bitte machen Sie die Türen frei!
Dann endlich kamen zwei Züge innerhalb von einer Minute. Einer direkt nach dem anderen. Der erste war natürlich viel voller als der zweite. In so einem Fall habe ich die Anweisung, diese Durchsage zu machen: Der nächste Zug folgt unmittelbar. Bitte nicht einsteigen. Bitte steigen Sie nicht in diesen Zug, wenn er überfüllt ist. Bitte warten Sie auf den nächsten, er kommt in einer Minute. IN EINER MINUTE!
Ich habe das ganz deutlich betont, damit sie kapieren, wie blöd es ist, zu rempeln und zu drängeln. Aber ohne Erfolg. Also fährt der Zug ein, man sieht schon, wie die Leute darin zusammengequetscht sind, Schulter an Achsel, Kopf an Brust, kennt man ja. Die Türen gehen auf. Ein paar steigen aus.
Bitte erst aussteigen lassen!
Vor ein paar Wochen war da so ein Blinder, ich erinnere mich zufällig, weil das an dem Tag mit dem Fußballspiel Irland gegen Deutschland war, das ich programmiert hatte, damit ich es nach dem Dienst ansehen kann, aber natürlich brüllt so ein Arsch das Ergebnis über den Bahnsteig. Jedenfalls war da dieser Blinde, er war glücklicherweise mit einer Freundin unterwegs, er hatte zwar keinen Blindenstock oder Hund dabei, aber es war offensichtlich, dass er blind war, und nicht mal den haben die Leute zuerst aussteigen lassen.
Lassen Sie die Fahrgäste erst aussteigen, bitte.
Bitte an allen Türen zusteigen.
Dieser Zug ist voll, bitte warten Sie auf den nächsten in einer Minute.

Aber natürlich hörte niemand zu, und ich hatte dieses komische Gefühl, fast so was wie eine außerkörperliche Erfahrung oder wie man das nennt. Ich sah mich selbst – als wenn ich ein paar Schritte entfernt auf dem Bahnsteig gestanden und mich beobachtet hätte, wenn Sie verstehen, was ich meine: den Mann mit der blauen Kappe, der blauen Uniform mit dem U-Bahn-Logo. Große Schuhe. Und ich sah aus, als hätte ich im Leben nie was anderes gewollt als hier unten rumhängen und einen Job machen, bei dem man praktisch nie das Tageslicht sieht. Und ich dachte …
Vorsicht an den Türen! Aber die versuchten immer noch, sich in den Zug hineinzudrängen, und die Türen gingen schon zum dritten oder vierten Mal wieder auf und machten Piep-piep-piep.
Da dachte ich mir, wenn ich hier unten schon endlose Stunden verbringe und es wenigstens zu was nütze wäre, dann würde es mir ja nichts ausmachen, aber letztendlich hört kein Schwein auf das, was ich sage. Es ist völlig egal, was ich tue, will ich damit sagen. Ich fühlte mich plötzlich sehr müde, richtig erschöpft, würde ich sagen, bei dem Gedanken, dass die Leute sowieso machen, was sie wollen, auf die Bahnsteigkante achten oder auch nicht, von den Türen zurücktreten oder auch nicht. Ich bin für die letzten Endes nur ein Hintergrundgeräusch.
Wieder ein Versuch, die Türen zu schließen, aber das Gewicht der Leute drückt dagegen, und zum fünften Mal gehen sie wieder auf und piepsen. Die Fahrgäste nahe an der Tür fallen dabei beinahe auf die Gleise und schimpfen. Alle schimpfen, und es ist heiß, und da brülle ich einfach in mein kleines Sprechfunkgerät: »BLEIBEN SIE JETZT SCHEISSE NOCH MAL ENDLICH VON DEN SCHEISSTÜREN WEG!«
Zuerst höre ich Gelächter, Gesprächsfetzen. Durch die Fenster sehe ich ein paar lächelnde Gesichter, als die U-Bahn sich endlich in Bewegung setzt. Damit habe ich wenigstens ein paar Leute aufgeheitert.
Aber gut fühle ich mich nicht dabei, ich bin vor mir selbst erschrocken. Die haben mich über die Betriebssprechanlage gehört, und Steve meldet sich über Funk. Ich werde erst mal abgelöst und kriege einen Tadel. Werde verwarnt. Natürlich hätte ich mich so nicht ausdrücken dürfen.
Trotzdem ist erst mal nichts weiter passiert, bis sich ein paar Tage später eine Frau beschwert hat. Sie hat eine offizielle Beschwerde eingereicht. Und die ganze Angelegenheit, meine »unflätigen Äußerungen«, landen in der Zeitung. Zu meinem Pech war sie auch noch irgendein hohes Tier bei der Tate Gallery zu tun, hat Freunde ganz oben, also steht es in der Zeitung. Ich werde zwei Wochen freigestellt, während die Sache »untersucht« wird. Was gibt es da zu untersuchen? Die wissen doch, was ich gesagt habe. Sie brauchen jetzt nur noch herauszufinden, wie viele Menschen ich dadurch verärgert habe. Sie müssen herausfinden, wie unhöflich der Ausdruck »Scheiße noch mal« ist. Wie unhöflich kann er schon sein, wenn sie das erst noch herausfinden müssen?
Aber ich bin suspendiert und könnte meinen Job ganz verlieren. Von den anderen Jungs hab ich viel Unterstützung bekommen, aber die Frage ist, ob die riskieren würden, selbst gefeuert zu werden. Wenn es hart auf hart kommt und die mich rausschmeißen wollen, nur wegen dieser einen Dame, der das Wort »Scheiße« nicht gefällt, dann werden die anderen bis zu einem gewissen Punkt zu mir halten. Aber sie müssen auch an sich selbst denken. Klar müssen sie das.
So bin ich hier gelandet, sie geben mir das Zimmer ein paar Nächte lang gratis. Weil Howard York darüber in der Zeitung gelesen hat. Der Mann ist echt ein Lebensretter. Die haben mich eingeladen, hier zu wohnen, und er lässt eine PR-Frau nachforschen, ob sie nicht was »ausgraben« können, was die Verkehrsbetriebe zwingt, die Suspendierung rückgängig zu machen. Keine Ahnung, was mit »ausgraben« gemeint ist. Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht so genau, was PR bedeutet.
Dankbar bin ich trotzdem, denn ich weiß nicht, was mein Vater sagen würde, wenn er wüsste, dass die mich wegen Fluchens drankriegen, und erst mein Großvater, und das nach achtzehn Jahren zuverlässiger Pflichterfüllung – nur weil eine Frau sich angegriffen fühlt wegen eines Wortes, wegen ein paar Wörtern, behandeln die einen, als würden sie einen nicht kennen. Wo doch alles, was passiert ist … eigentlich ist gar nichts passiert. Tja, also deshalb muss ich echt dankbar sein für Leute wie Howard York, die sich um so einen Fall wie meinen kümmern. Wie ich schon sagte, der Kerl ist ein Lebensretter.


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