Hotel Alpha

STORY 12: Zimmer 10 (1964)

Das wird ja immer peinlicher, denkt Lisa. So hat sie sich einen Dreier eigentlich nicht vorgestellt – wenn sie auch nicht genau sagen kann, wie sonst. Mit ein bisschen mehr … na ja, Beteiligung vermutlich. Howard York macht sich wieder über seine Frau her, die ihn mit seinem ganzen Gewicht kraftvoll wie ein Wrestler auf den Rücken wirft. Ihr Haar ist überall. Voller Neid betrachtet Lisa diese Pracht, die Sarah-Jane als eine Art Sichtschutz dient, als sie ihr Gesicht in Howards muskulösen Bauch vergräbt und sich weiter nach unten arbeitet. Sie machen sich so gut zusammen. Warum auch nicht, sie sind schließlich ein Paar.
Das war wohl der Grund, hatte Lisa vermutet, sie waren sich gewöhnt und wollten Abwechslung. Sie folgte ihnen in dieses üppig möblierte, orientalisch anmutende Zimmer. Als Howard die Tür aufstieß, überprüfte sie ihren Anblick in dem mannshohen Spiegel: Ihr Eyeliner war noch intakt. Als sie sich umwandte, waren die beiden schon auf dem Bett zugange und Sarah-Jane streckte Lisa ihren wohlgeformten Hintern entgegen. Du liebe Güte, dachte Lisa. Sie und Sarah-Jane hatten sich kennengelernt, als sie einen Vormittag lang Nerzhandschuhe in Seidenpapier wickelten, in Schachteln verstauten und in Regale räumten.
Eigentlich möchte sie nicht jemand sein, der beim Anblick des Hinterns einer Freundin »du liebe Güte« denkt. Sie möchte viel lieber ganz ungezwungen mitmachen, als sei es das Normalste von der Welt. Sie hat nur leider keine Rolle in dem Spiel. Sie kommt sich beinahe wie ein Eindringling vor, wie sie da so neben den beiden auf dem Bett liegt und sich wünscht, sie wäre schon beteiligt gewesen, als sozusagen der Startschuss fiel. Sie hatte erwartet, dass einer der beiden ihr irgendeine Anweisung geben würde. Aber sie hatten kaum Pause gemacht, um überhaupt Atem zu schöpfen.
Läuft das immer so?, fragt sich Lisa. Vielleicht soll sie sich anfassen, während sie weitermachen, oder etwas sagen? Soll sie sich räuspern, so wie es die Kunden bei Liberty machen, um die Aufmerksamkeit eines Verkäufers zu erregen?
Das ist verdammt peinlich, denkt Lisa, als Howard einen Schrei ausstößt.
Ich hätte nicht stehen bleiben sollen, um in den Spiegel zu sehen, wirft sie sich vor. Ich hätte mehr »bei der Sache« sein sollen. Sie sieht auf die Uhr und wünscht, sie hätte den Typen mit dem Muttermal nicht abgewiesen. Sie hatte Angst, dass sie die ganze Zeit an das Muttermal denken würde, während er auf ihr läge, aber wenigstens wäre sie beteiligt gewesen.
»Bleib hier, bleib so, beweg dich nicht«, sagt Howard in dem Augenblick, und kurz denkt Lisa, sie sei gemeint. Da weht sie sein Geruch nach Schweiß und Sex an, und die Härchen auf ihrem Arm stellen sich auf. Aber er greift an Lisa vorbei nach einer Polaroidkamera, die irgendwo neben dem Bett liegt. Sarah-Janes Gesicht erstarrt in einem Ausdruck schierer, animalischer Lust, wie bei den Models in den Magazinen. Als er sich die klobige silberne Kamera angelt, landet sein Ellbogen mit einem heftigen Schwung auf der Bettdecke, und Lisa, die noch nicht mal richtig ausgezogen ist, muss zur Seite rutschen, um ihm auszuweichen. »Sorry, Süße«, murmelt er, als sei sie eine Fremde auf der Straße und nicht eine Frau, die davon ausgegangen war, in diesem Moment mit ihm und seiner Gattin Sex zu haben.
Das ist wirklich unerträglich, denkt Lisa und fragt sich, ob der Kerl mit dem Muttermal noch unten in der Bar ist.


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