Hotel Alpha

STORY 13: Zimmer 9 (2005)

Aufgrund seiner Nähe zum Eingang der Alpha-Bar war Zimmer 9 bei den Gästen nie sehr beliebt, was am Lärm liegt. Als irgendwann ein paar verschrammte und ramponierte Möbel vorübergehend untergebracht werden mussten, war es naheliegend, dass die Wahl auf Zimmer 9 fiel. Doch aus »vorübergehend« wurde »dauerhaft«, und nach und nach landete immer mehr Ausrangiertes dort, bis der Raum zu dem wurde, was er jetzt immer noch ist: ein Friedhof für Gegenstände. Oder ein Fundbüro, in dem die Dinge nie abgeholt werden, weil niemand nach ihnen sucht. Zu den Bewohnern gehören:
–   Ein Schreibtisch, dessen Beine gewaltsam amputiert wurden, ein zerbrochener Spiegel, ein Telefon mit schwer beschädigtem Hörer, ein Ölgemälde der Kathedrale von Winchester mit gesprungenem Rahmen: allesamt Opfer des Wutausbruchs eines einzigen Mannes.
–   Ein Verlobungsring mit Saphir.
–   Ein Notizbuch mit eng beschriebenen Seiten; die Handschrift würde ein Grafologe als die eines dreißig- bis vierzigjährigen Linkshänders identifizieren; es enthält unzählige detaillierte Aufzeichnungen über die Servicequalität in diversen Hotels.
–   Ein Stapel computergeschriebener Lebensläufe in einer Pappmappe, die auf dem Boden der Herrentoilette gefunden wurde; entweder hat sie ein zerstreuter Mensch dort vergessen, oder es war jemand so enttäuscht von einem Vorstellungsgespräch, dass er beschloss, die Mappe auf der Stelle loszuwerden.
–   Prospekte für ein Projekt zur Konservierung menschlicher Organe nach dem Tod, großteils unzerknittert, also vermutlich ungelesen.
–   Eine amerikanische Flagge, zusammengerollt in einem zylindrischen Behälter verstaut.
–   Eine Liste mit Ideen für Brettspiele, von denen keines je in Produktion ging.
–   Ein rotgoldenes Taftkleid mit Puffärmeln für die vollschlanke Dame.
–   Ein Lehrbuch für eine Fremdsprache, dessen erste Seite fehlt; das Idiom der Texte ist nicht zu identifizieren.
–   Diverse persönliche Gegenstände – darunter ein Zigarettenetui, ein Reisenecessaire mit Monogramm und ein kostbarer Füller – eines im Hotel verstorbenen Mannes, die seine Angehörigen nie reklamierten.
–   Eine Metallwasserflasche, wie sie Wanderer benutzen, mit den eingravierten Initialen W. H.
–   Ein Poster mit einem Hund, der in eine Fleischerei läuft; es schmückte einst eine Wand des Hotels, wurde aber von der zuständigen PR-Chefin irgendwann für zu altmodisch befunden.
–   Ein Liebesbrief in eher blumigem Stil, auf inzwischen vergilbtem Hotelbriefpapier verfasst.
–   Ein Paar Boxhandschuhe.
–   Die Aufzeichnungen eines Gasts über »übernatürliche Erscheinungen« in seinem Hotelzimmer; sie hätten eigentlich zusammen mit den Reservierungsbüchern im Keller des Hotels archiviert werden sollen, wurden aber von Howard, der sie einem jüngeren Angestellten vorlas, versehentlich hier hereingebracht und vergessen.
–   Mehrere Flaschen des Energydrinks Lucozade, deren Haltbarkeitsdatum bereits vor Jahren abgelaufen ist.
–   Ein mindestens vierzig Jahre alter Schlüpfer, bunt gemustert, ungetragen.
Und vieles mehr. Alles, was diese Gegenstände gemein haben, ist die Tatsache, dass sie einst jemandem etwas bedeutet haben. Nun besteht ihre Bedeutung nur noch in einem langen, aber zweckfreien Dasein in diesem Raum.
Howard erinnert sich an eine seiner früheren Weihnachtsansprachen. Eigentlich könnte er sie in jedem Jahr gehalten haben. Er sagte bei dieser Gelegenheit – es ist vielleicht zehn Jahre her –, dass ihm jemand eine Zitatesammlung geschenkt habe, in der er auf folgenden Spruch gestoßen sei: »Die Hölle, das sind die anderen.«
»So ein Haufen Schwachsinn!«, hat er seiner Erinnerung nach seinen Zuhörern verkündet. »Ich sage Ihnen, was die Hölle ist. Die Hölle, das ist die Abwesenheit der anderen.«
Er hatte Recht, denkt er, das ist die Hölle. Und genau dort ist er nun.


Entdecken Sie das »Hotel Alpha« von Mark Watson: Zum Katalog