Hotel Alpha

STORY 14: Zimmer 35 (1975)

Dr. Stefan Karagounis entsteigt der Dusche und betrachtet sein aufreizend nacktes Spiegelbild. Gemächlich trocknet er sich ab und wirft das Handtuch auf den Boden. Er fühlt sich überhaupt nicht müde; da er erst seit ein paar Tagen hier ist, funktioniert sein Körper noch nach Melbourne-Zeit. Dort müsste es jetzt erst zehn Uhr morgens sein. Ich könnte runter in die Bar gehen und mir noch einen Drink genehmigen, denkt er, und er weiß, dass er einige der anderen Delegierten dort antreffen wird – und ob sie wollen oder nicht, werden sie sich in Gedanken mit dem Vortrag beschäftigen, den er vorhin gehalten hat. Er ist derart euphorisiert von seinem Erfolg, von seiner mitreißenden Rhetorik und dem Zuspruch, den er bekommen hat, dass er sich gut vorstellen könnte, einfach so splitternackt aus der Tür zu treten und mit dem Lift hinunterzufahren. Bei dem Gedanken muss Stefan grinsen. Vor seinem geistigen Auge drehen sich alle nach ihm um. Auch Sarah-Jane York, die Besitzerin oder Frau des Besitzers oder was auch immer, mit ihrem langen, vollen Haar, das wie ein Umhang über ihren Rücken fällt. Die würde er liebend gerne vögeln. Es würde ihm sogar reichen, ihr mit einem Blick zu sagen: Du weißt, dass du es auch willst.
Er lässt sich aufs Bett fallen, streckt sich auf dem Rücken aus und bewundert seine gebräunten langen, fast kaffeefarbenen Gliedmaßen. Auf seiner Brust wächst ein Busch pechschwarzer Haare, der sich zu einer feinen vertikalen Linie verjüngt, die hinunterläuft bis zu seinem Gemächt, wo das Haar wieder üppiger wuchert. Lustig, denkt er, die da unten mit ihren Hemden und Krawatten, ihren Hosen und Schuhen – in Wahrheit sind sie alle ebenso nackt wie er. Angesichts dieses naiven Gedankens muss er schon wieder grinsen. Du bist ein Genie, Stef, sagt er sich. Du hast einen großartigen Vortag abgeliefert, den besten des ganzen Wochenendes, und jetzt auch noch diese Tiefsinnigkeit.
Als Stefan nach oben zur Decke schaut, fällt sein Blick auf einen sich schnell bewegenden Punkt. Es handelt sich um eine Ameise, die sich wie auf Schienen entlang eines genau festgelegten Kurses bewegt. Sie krabbelt ein paar Zentimeter in eine Richtung, dreht sich um neunzig Grad, rennt – während Stef ihr dabei zusieht – weiter die Decke entlang, um parallel zu ihrer ersten Spur zurückzulaufen, bis sie schließlich ein großes Rechteck vollendet hat. Die ganze Runde dauert etwa eineinhalb Minuten, und danach läuft die Ameise sofort auf derselben Strecke wieder los.
Was zum Teufel wohl in ihrem Kopf vorgeht?, fragt sich Stefan. Sie startet schon wieder, zweifellos mit einem festen Ziel vor Augen, wie ein Läufer auf seiner Bahn. Was denkt man, wenn man eine Ameise ist? Das Gleiche immer wieder und wieder zu tun, mehr kann sie von diesem Abend doch nicht erwarten. Oder doch? Hofft sie vielleicht, unter einer Leiste, durch eine Spalte in ein anderes Zimmer zu gelangen, eine andere Wand hinaufzulaufen, um dort genau dasselbe zu tun? Oder gibt es hier im Hotel irgendwo einen Ameisenhaufen?
Was denkt sie bloß?, fragt er sich wieder. In ihm wächst ein seltsames Unbehagen. Ohne Zweifel muss die Ameise ein Gehirn haben, sie handelt sehr überlegt. Weiß sie, dass sie eines Tages sterben wird und ihr bisschen Gelaufe hier völlig belanglos gewesen sein wird? Dass in ein paar Jahren – wie lange lebt eine Ameise, ein Jahr vielleicht? – dass dann irgendwer wieder an diese Decke starren wird und ein anderes Insekt dort laufen sehen wird? Oder auch gar keines … dass es jedenfalls völlig irrelevant sein wird, dass heute Nacht diese spezielle Ameise hier war?
Stefan wird plötzlich so mulmig, dass er sich im Bett aufrichten muss. Er geht in den Fersensitz. Was ist der Unterschied zwischen mir und der Ameise?, denkt er. Alles, was ich gerade über die Ameise gedacht habe, trifft ebenso auf mich zu.
Zum ersten Mal in seinem 29 Jahre währenden Leben, das bisher ausschließlich von seinen brillanten Leistungen, seiner Beliebtheit und seinem Selbstvertrauen geprägt war, fühlt Dr. Stefan Karagounis die Bürde eines Problems auf sich lasten, das er nicht lösen kann.
Hier wird eines Tages ein anderer liegen, denkt er, und ich werde tot sein. Die Ameise, ich, auch alle anderen, die sich heute Abend in diesem Gebäude aufhalten, überhaupt alle in London und in Melbourne. Vorhin in der Bar, als er vor seinem Vortrag einige Kernaussagen noch einmal durchging, fiel sein Blick auf ein Gemälde der Westminster Bridge von 1871. Abgelenkt wie er war, nahm er es in diesem Moment kaum zur Kenntnis, doch nun hat er es klar vor Augen. Alle auf diesem Bild, die Hunderte wuselnder Figuren mit ihren Pferdewagen, die Fischer in ihren Booten, die Damen, die ihre Hüte festhielten, alle mussten sich so lebendig gefühlt haben. In jenem Augenblick mussten sie von der Wichtigkeit ihrer Tätigkeit ebenso unerschütterlich überzeugt gewesen sein wie diese Ameise, die sich gerade auf der vierten oder fünften Runde ihres selbst gewählten Kurses befindet. Doch ebenso wie der Maler sind sie jetzt von diesem Planeten getilgt. Alle Menschen, die 1871 existiert haben, sind nun verschwunden, und was macht das schon aus. Trotz der ungebremsten Dynamik seines bisherigen Lebens ist es auch Dr. Stefan Karagounis bestimmt zu sterben, und auch das Bett, auf dem er gerade sitzt, wird nicht mehr sein, genau wie all die anderen Objekte in diesem Raum. Selbst dieser Planet kann nur eine begrenzte Zeit lang existieren – und was kommt danach?
»Verfluchte Scheiße«, sagt Stefan, rutscht vom Bett und stürzt ins Badezimmer, wo er eine Minute lang fürchtet, er müsse sich übergeben. Das Handtuch ist noch da, wo er es gelassen hat, er kann es an seinen Füßen spüren, als er am Waschbecken steht, um ein Glas Leitungswasser zu trinken. Mit seinem Spiegelbild verbindet ihn ein verständnisloser Blick. Er ist bleich geworden, wie er feststellt.
Er nimmt einen Schluck Wasser und dann – warum, weiß er nicht – noch einen, gurgelt und spuckt ihn ins Waschbecken. Diese belanglose Handlung ist irgendwie beruhigend. Noch lebt er, und wie er lebt! Es gibt keinen Grund, angesichts eines so abstrakten Blödsinns panisch zu werden. Nach und nach normalisiert sich seine Atmung.
Zurück im Zimmer kniet er sich neben seinen Koffer und zieht eine Unterhose, ein T-Shirt und eine Jeans heraus. Er wird hinunter in die Bar gehen. Er hat das Bedürfnis, unter Leuten zu sein, nicht unbedingt welchen, die er kennt, er will einfach nur dastehen und einen Drink in der Hand halten.
Es ist schließlich nichts Neues, was ich gerade gedacht habe, weist er sich zurecht. Ihm war schließlich auch schon vorher klar, dass der Tod unausweichlich, dass alles vergänglich ist. Das weiß schließlich jeder, der älter als neun Jahre alt ist. Bisher war es ihm nur wie den meisten Menschen gelungen, so zu leben, als hätte diese Tatsache keinen direkten Bezug zu seiner eigenen Existenz. Vielleicht hatte er, ohne dass es ihm bewusst war, in seinem Hinterkopf immer die Vorstellung genährt, er könne dem Zahn der Zeit, der an allem anderen nagt, irgendwie entwischen. Aber das war, bevor er die Ameise sah.


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