Hotel Alpha

STORY 15: Zimmer 51 (1993)

Egal, wie einsam du dich in diesem Augenblick fühlst, es wird nicht ewig so bleiben. Schalte den Fernseher im Zimmer ein. Los. Das Zimmermädchen hat die Fernbedienung an eine Stelle gelegt, die den Angestellten selbstverständlich vorkommen muss, da sie es jeden Tag so machen, die aber viele Gäste vor ein Rätsel stellt. Sie liegt in dem Fach neben Korkenzieher, Flaschenöffner, Wasserkocher und Teebeuteln hinter der linken Tür des Kleiderschranks.
Halte sie so, dass sie auf den Videorekorder unter dem Fernseher gerichtet ist. Aus unerfindlichen Gründen funktioniert sie so am besten. In nicht einmal zehn Jahren wird das Hotel komplett neue Fernseher installiert haben. Jene Geräte aus finnischer Produktion werden sich einschalten, wenn man nur einen Blick in ihre Richtung wirft. Jetzt jedoch musst du noch so lange auf einen Knopf drücken, bis ein Punkt auf dem Bildschirm erscheint und dann das Bild zweier Menschen, eine Frau mit Dauerwelle und ein rotgesichtiger Mann, die sich aus vollem Halse, aber in merkwürdig gewählter Ausdrucksweise anschreien. Es handelt sich um die Fernsehserie EastEnders. Sieben oder acht Millionen Leute sehen sich diese Szene in diesem Moment ebenfalls an. Sie wird mit einem kleinen Synthesizer-Trommelwirbel und einer sanften Erkennungsmelodie enden, die nicht zur Intensität der eben ausgedrückten Gefühle passt. Danach solltest du dich bereits ein bisschen weniger einsam fühlen, da doch Ursache deiner Einsamkeit deine Überzeugung ist, alle außer dir hätten heute Abend etwas Besseres vor. Aber das haben sie nicht. Sie haben sich gerade EastEnders angesehen. Und das war erst der Anfang.
Nimm die Fernbedienung und drück auf den Knopf mit der Aufschrift »PR +«, wodurch die kleine grüne Anzeige in der Ecke des Bildschirms auf 2, 3 und 4 springt. Vor deinen Augen ziehen Bilder vorbei: ein Billard-Turnier, ein solariumgebräunter Mann in einem hellerleuchteten Studio, ein Kriegsgebiet in Afrika. Nimm dir die Zeit, dir klarzumachen, dass jedes dieser Bilder die Aufmerksamkeit von Tausenden deiner Mitmenschen fesselt. Weil du jung bist und es in letzter Zeit ziemlich schwer gehabt hast, denkst du, alle anderen hätten Besseres zu tun. Aber das Fernsehen ist ein großer Gleichmacher. Es erinnert dich daran, dass du zu jeder beliebigen Zeit mit zahllosen anderen verbunden bist.
Mag sein, dass ihnen die Sendungen besser gefallen, mag sein, dass sie in Gesellschaft fernsehen, mit ihren Lieben, ihren Freunden. Es wäre zwecklos, zu leugnen, dass einige Menschen vermutlich unter deutlich angenehmeren Lebensumständen fernsehen als du. Doch selbst wenn – auf jeden Fall haben sie gerade auch nichts Besseres zu tun. Wenn du dir das bewusst machst, wirst du auch begreifen, dass es nicht nur von den Umständen abhängt, wie gut es dir in einem bestimmten Moment geht. Du kannst selbst entscheiden, dass es dir gut geht.
Schalte durch die Programme, und die grüne Nummer wechselt dabei unablässig ihre Gestalt. Du hast Glück, erst kürzlich hat das Hotel einen Vertrag mit einem relativ neuen Anbieter von Satellitenfernsehen geschlossen, sodass du dir Dutzende Programme jeweils nur eine Minute oder auch fünf Minuten ansehen kannst. Ein Tierarzt, der ein Lamm mit der Flasche füttert. Eine Wettervorhersage, die mit den Worten »Der Tag heute war eher enttäuschend« beginnt, als müsse der Meteorologe sich dafür entschuldigen. Werbung für ein Shampoo, aus der ein Außerirdischer, der die Erde besucht, schließen könnte, dass Shampoo tatsächlich von immenser Wichtigkeit ist. Werbung für Hundefutter, in der ein Hund mit außerordentlich glänzendem Fell in Zeitlupe über eine Hürde springt, deren Höhe für einen Menschen unüberwindbar scheint. Ein unsäglicher, aber zu seiner Zeit sehr populärer Film über den Sturm auf die Bastille. Eine Quizshow, in der ein grimassierender junger Mann gerade 500 Pfund verloren hat. Eine Art Podiumsdiskussion auf (mutmaßlich) Spanisch. Eine Gruppe von langhaarigen Musikern, die sich auf einer Open-Air-Bühne verausgabt. Irgendwann landest du dann wieder bei BBC 1, auch wenn es einen Augenblick dauert, bis du es merkst.
Selbst das unbeliebteste all dieser Programme hat in der Sekunde, in der du es dir ansiehst, eine Zuschauerzahl von einigen Tausend, was deine (nicht verbalisierte, aber doch gefühlte) Ansicht, du seist »der Einzige«, dem es so ergeht, ziemlich lächerlich erscheinen lässt. Ich weiß das, weil auch ich schon in so einer Situation war. Ich bin älter als du. Ich weiß, wozu ein Hotel in der Lage ist. Jetzt bin ich weit weg, aber ich gebe noch immer auf dich acht.
Wenn du all das berücksichtigst – all die anderen Menschen, die sich in genau der gleichen Situation wie du befinden – und einen Blick aus dem Fenster über Bloomsbury wirfst, ist es sehr wahrscheinlich, dass sogar innerhalb deines Blickfeldes, aus irgendeinem anderen Hotelfenster, jemand in deine Richtung sieht und das gleiche undefinierbare Grauen vor der bevorstehenden Nacht empfindet. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass hier im Alpha jemand die gleichen Sendungen ansieht, durch die du dich gerade gezappt hast, und sehr ähnliche Gedanken denkt. Geh raus und klopf an ein paar Türen. Ja, natürlich, das klingt albern, aber versuch es trotzdem. Irgendwo wartet jemand darauf, auch wenn er es gar nicht weiß.


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