Hotel Alpha

STORY 16: Zimmer 45 (1988)

Ich kann sie da draußen hören, diese Frau aus der Karibik. Sie hat gerade sehr laut etwas gesagt, aber vielleicht ist ihre Stimme grundsätzlich sehr laut. »ICH MACH NÄCHSTE DREI ZIMMER UND DANN KANNST DU REST ÜBERNEHMEN.« Und dann hat sie noch etwas gesagt, was im Staubsaugerlärm untergegangen ist, sie aber dazu gebracht hat, in brüllendes Gelächter auszubrechen. Sie hat auch gelacht, als ich eingecheckt habe, oder besser gesagt, hinterher, als ich auf dem Weg zum Lift war. Aber es klang freundlich, nicht wie ein Lachen auf meine Kosten. Eher ganz einfach glücklich, so, als sei sie ein glücklicher Mensch. In diesem Moment dachte ich: Die will ich!
Sie ist jetzt im Zimmer nebenan. Wenn sie an die Tür klopft, hat man den Eindruck, sie wolle sie eintreten. Sie ruft zweimal »ZIMMERREINIGUNG! ZIMMERREINIGUNG!«, steckt dann den Schlüssel in die Tür und kommt rein. Ein ganz schön lauter Auftritt. Aber nicht so laut, dass man ihn nicht doch überhören könnte, wenn man unter der Dusche steht oder gerade aus der Dusche kommt.
Ich habe die diversen Zimmerwinkel geprüft, sie sind meinem Vorhaben sehr dienlich. Die Badezimmertür geht nach außen auf, und wenn sie geöffnet ist, steht der Eintretende sofort im Bad. Nicht wie in diesen anderen Hotels, wo das Bad so versteckt ist, dass man Mühe hat, es überhaupt zu finden. Also müsste es ziemlich einfach werden. Ich gehe davon aus – ich hoffe –, dass es so ablaufen wird:
Sie klopft. Ich warte im Badezimmer.
Sie klopft zum zweiten Mal. Die Dusche läuft noch. Ich halte mich bereit.
Vielleicht hört sie, dass das Wasser läuft und ruft »Hallo?«. Aber da ist es schon zu spät. Ich mache die Tür auf und tapse wie in Gedanken versunken hinaus. Sofort drehe ich mich um und stoße vor Überraschung einen Schrei aus. Ich im Adamskostüm. Nackt. Splitterfasernackt. So wie der Herr mich schuf. Ohne das kleinste Fitzelchen am Leib. Sie sieht alles.
Wirklich alles. Wenn schon, denn schon. Das volle Programm, den Ausdruck hat ein Amerikaner in der Lobby verwendet. Beziehungsweise sieht sie alles von hinten, so wie die Spiegel gehängt sind. In dem rechts von ihr wird sie einen Teil des Badezimmers sehen können, wenn sie hereinkommt, und auch mein verlegenes Gesicht sehen, und ich ihres. Das wäre das Sahnehäubchen.
Alles steht und fällt damit, wie ich mich umdrehe. Die Drehung muss exakt in der richtigen Sekunde stattfinden. Drehe ich mich zu schnell, wirkt es nicht authentisch, drehe ich mich zu langsam, sieht sie meine Genitalien. Diese Seite des Exhibitionismus hat den Ruf des gesamten Gewerbes beschädigt. Man assoziiert damit immer den zwielichtigen alten Mann im schmuddeligen Regenmantel, der aus dem Gebüsch hervorkriecht. Diese ganzen unappetitlichen Klischees. So soll man nicht über mich denken. Das ist nicht das Gebiet, auf dem ich tätig bin.
Ich versuche lediglich, eine Situation herbeizuführen, in der sie meinen nackten Hintern sieht, damit sie danach an diesen Vorfall denken muss, so wie ich es auch tue. Wir begegnen uns nie wieder. Es wird nichts Unanständiges passieren und auch keine Fortsetzung geben. Wie immer möchte ich nur, dass eine Frau einen Blick auf meinen Hintern wirft. So wie es geschah, als ich sechzehn war, was meine sexuellen Präferenzen entscheidend geprägt hat. Wie es früher mit meiner Frau passierte, aber jetzt nicht mehr. Sie vermeidet es inzwischen, mir zuzusehen, während ich mich umziehe. Sie klopft an die Badezimmertür, um sich zu vergewissern, dass es nicht besetzt ist. Ich glaube nicht, dass sie mich nicht attraktiv findet. Es ist auch nicht so, dass wir nicht glücklich zusammen wären. Aber, gütiger Himmel, wie erregend es ist, gelegentlich angestarrt zu werden! Was ist falsch daran, sich eine solche Erregung herbeizusehnen?
Tun auch andere Leute so etwas? Wissen kann man es nicht, aber ich gehe mal davon aus. Doch es gibt wohl kaum einen Verein dafür, dem man beitreten kann. Man kann das Thema nicht mal eben bei einem Abendessen zur Sprache bringen. Hört mal, gibt es hier sonst noch jemanden, den es anmacht, wenn eine fremde Frau auf seinen Hintern starrt? Nein, so was kann ich nicht am Freitagabend bei Anthonys Party fragen. Wie läuft’s in der Bank, fragt er in der Regel. Guter Monat, antworte ich, bei dem Zinssatz.
So läuft das auf Partys.
Aber jetzt ist erst Mittwoch. Ich habe noch zwei Nächte in diesem Hotel vor mir. Lange genug, um sie morgen noch mal zu sehen, außer sie hat frei. Unsere Blicke werden sich begegnen. »Tut mir leid wegen gestern«, sagt sie vielleicht. Das wäre perfekt. »Ach was, keine Ursache«, würde ich entgegnen, und dieser Augenblick wird uns unsere Empfindungen vom Vortag wieder ins Gedächtnis rufen, und ich werde noch einmal mein verlegenes Gesicht aufsetzen. Ganz exakt so, wie ich schauen werde, wenn sie gleich hereinkommt. Durch die Wand höre ich, wie sie fragt, ob sie die Bettwäsche wechseln soll. Der Gast nebenan ist also anwesend. Ein gutes Zeichen, denn dann wird sie sich nicht allzu lange dort aufhalten und nur oberflächlich Ordnung machen.
»Keine Ursache«, werde ich sagen, und daran wird sie denken, vielleicht sogar im Personalzimmer mit anderen Damen darüber sprechen, und die werden sich dann zwangsläufig auch alle meinen nackten Körper vorstellen. Für die anderen ist es natürlich nur eine Fantasie, aber sie wird das echte Bild vor Augen haben.
Die Konferenz dauert noch zwei Tage. Man muss dem Himmel dafür danken, dass es Hotels gibt. Wo sonst hätte man die Gelegenheit, nackt gesehen zu werden, ohne öffentliches Ärgernis zu erregen? Welches Forum bietet sich sonst für ein solches Verhalten? Umkleidekabinen und Toiletten natürlich, aber weibliches Personal trifft man dort nur alle Jubeljahre einmal. Es gibt Strände für Nudisten, angeblich jedenfalls, aber ich frage mich, was erregend daran sein soll, wenn alle anderen auch nackt sind.
Nein, das hier ist wirklich meine einzige Gelegenheit. Dann am Freitag zurück nach Hause, zu Anthonys Abendessen und am Montagmorgen im gebügelten blauen Hemd wieder in die Filiale und den ganzen Tag über die verschiedenen Rückzahlungsmöglichkeiten für einen Kredit reden.
Ich kann die Frau aus der Karibik hören. Was für wundervolle Augen sie hat. Gleich werden sie – wenn ich die Drehung hinkriege – auf meinem Hinterteil ruhen.


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