Hotel Alpha

STORY 17: In der Alpha-Bar (1975)

Diese Männerparty hier war bis vor Kurzem noch ein medizinischer Kongress. Jetzt, um halb elf Uhr nachts, am Ende eines gesetzten Essens, ist es nur noch eine Versammlung von Herren in grauen und braunen Anzügen. Den Jüngeren fällt das Haar bis auf den Kragen, sie tragen breite Schuhe und Krawatten mit großen Knoten, die sie inzwischen gelockert haben. Die Älteren haben ihr Haar betulich gescheitelt oder überhaupt keines mehr. Sogar jetzt noch reden sie über Medizin. Sarah-Jane hat den Eindruck, dass Ärzte geradezu süchtig nach ihrer Arbeit sind. Es ist natürlich ein bisschen gewagt, so etwas Leuten vorzuwerfen, deren Arbeit darin besteht, Menschen zu heilen. Trotzdem kann es einem auf die Nerven gehen. Aber vielleicht ist jede Runde langweilig, in der über den Job geredet wird. Diese männliche Eitelkeit, mit der sie mit ihrem Fachchinesisch um sich werfen. Spitznamen für irgendwelche Medikamente, Anspielungen auf bekannte Fälle und auf Fachzeitschriften wie BMJ und Lancet. Warum sind denn keine Frauen hier? Es gibt schließlich auch Ärztinnen. Frauen sind inzwischen in allen Berufen vertreten. Und doch sieht man bei den Tagungen im Alpha nur selten eine.
»Migräne!«, sagt einer der Ärzte verächtlich. Er genießt unter diesen Leuten offensichtlich einen hohen Status, denn er hat eine grinsende und nickende Entourage um sich versammelt. Alle halten ein Glas mit ungefähr derselben Menge Bier darin in der Hand. Nicht einer von ihnen hat den Mut oder die Originalität, wenigstens ein bisschen schneller oder langsamer zu trinken als die Kollegen. »Was soll Migräne sein? Es gibt dafür nicht einmal ein objektives Symptom, geschweige denn mehrere. Es hat nichts mit Stress zu tun. Es ist nur starker Kopfschmerz und ein bisschen Brechreiz. Zu meiner Zeit nannte man das ›unpässlich‹. Jetzt haben wir Migränespezialisten beim BMJ. Fünfzehn Seiten über Kopfschmerzen. Das ist doch bekloppt!«
Wenn er »bekloppt« sagt, klingt sein Akzent wie ihrer, er muss in der gleichen Gegend aufgewachsen sein. Sie sind wahrscheinlich sogar etwa im gleichen Alter. Er trägt silberne Manschettenknöpfe, hat einen dünnen Hals, und die Schultern seines grauen Jacketts sind von Schuppen übersät. Die jüngeren Ärzte um ihn herum lachen über seine Bemerkungen, kaum dass er sie äußert, wie Leute, die zeigen wollen, dass sie einen Gag im Fernsehen auf Anhieb verstanden haben. Sie ist sicher, dass sich sein Aussehen außer ein paar Falten auf der niedrigen Stirn und etwas dünnerem Haar seit dem Medizinstudium nicht verändert hat. Er muss schon immer diesen verächtlichen Zug um den Mund gehabt und diese Arroganz und Überheblichkeit an den Tag gelegt haben. Seine unbehaarte Brust: Dass sie unbehaart ist, weiß sie, auch wenn sie nicht durch das weiße Hemd hindurchsehen kann, das vermutlich eines der Mädchen in der Hotelwäscherei gewaschen und gebügelt hat. Bäh, es graust sie bei dem Gedanken an ihn, wie er oben in einem der Zimmer mit bloßem Oberkörper steht, noch immer dieses Lächeln auf seinem Gesicht.
Sarah-Jane sitzt auf dem Barhocker und nippt an ihrem Martini. Howard ist heute Abend auch auf einer Konferenz, in Glasgow, und sie kann nicht umhin, sich zu fragen, ob er sich dort genauso verhält wie diese Männer hier. Nicht dass er dieser Typ Mann wäre, er ist tausendmal besser als jeder der hier Anwesenden, aber trotzdem …
»… ist doch das Gleiche mit der Fruchtbarkeit«, sagt der Arzt jetzt. »Da gibt es kein Geheimnis, das ist einfach eine Frage …«
Eine Frage wovon? Nun übertönt ihn ein anderer, und es entwickelt sich ein scherzhafter Schlagabtausch mit viel Gelächter und spöttischen Pfiffen, und das Gespräch driftet ab. In Sarah-Janes Unterleib macht sich eine eigenartige Kälte breit, wie immer, wenn dieses Thema zur Sprache kommt. Sie versuchen es nun schon seit einigen Jahren. Es kommt ihr vor, als habe sie bereits Kinder bekommen, so sehr beherrschen sie ihre Gedanken. Aber bis jetzt ohne Erfolg. Und sie hat den Verdacht, dass Howard bei jedem negativen Schwangerschaftstest eine gewisse Erleichterung verspürt.
Sarah-Jane kippt den Rest des Martinis hinunter und gibt dem Barkeeper ein Zeichen, ihr noch einen einzuschenken. Na bitte: Es ist ja nicht so, dass das Leben ohne Kinder kein Spaß wäre. Es macht Spaß, in einer Hotelbar nie für einen Drink bezahlen zu müssen, weil einem das Hotel gehört. Davon können die Mädels in Ilkley nur träumen, wenn sie bis zum Ellbogen im Spülwasser stecken oder verfärbte Windeln waschen oder achtmal jede Nacht aufstehen. Es macht Spaß, Zugang zu allen Attraktionen Londons zu haben und in einem Restaurant, das immer ausgebucht ist, innerhalb von zehn Minuten einen Tisch zu bekommen. Im Theater backstage die Schauspieler kennenzulernen. Im Zoo backstage die Tiere kennenzulernen. Mit Howard an ihrer Seite könnte sie vermutlich sogar einen Operationssaal betreten und dem Chirurgen die Hand schütteln oder eine Parlamentssitzung unterbrechen, damit der Premierminister ihr ein Autogramm auf eine Zigarettenschachtel gibt. Seit dreizehn Jahren ist London für sie wie ein großer Spielplatz. Wenn man Lebensqualität nur am reinen Vergnügen bemessen will, dann hat sie alles bekommen, was sie wollte. Außer der einen Sache, die sie jetzt mehr als alles andere will und schon immer mehr als alles andere wollte.
Dr. Kerslake, der im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, verlässt die Gruppe Richtung Herrentoilette. Sie folgt ihm mit dem Blick, hört das Geräusch seiner schweren braunen Schuhe auf dem Boden. Braune Schuhe und ein grauer Anzug. Aber er kommt damit durch, er kann machen, was er will. Wie angefeuert von diesem Gedanken rutscht sie von ihrem Hocker und folgt ihm. Ich kann auch alles tun, was ich will, denkt sie. Ich bin genauso gut wie er.
Sarah-Jane ist selbst erstaunt über ihr Tun, aber sie tut es. Es erscheint sinnvoll, in der Laune, in die sie der Drink versetzt hat, jedenfalls mehr oder weniger. Sie holt den Arzt ein und legt ihm eine Hand auf die Schulter. Er dreht sich um; sie wusste, dass er sich umdrehen würde.
»Kenne ich Sie?«, fragt er.
»Nein«, sagt sie, »aber ich …«
Nein, sie wird es nicht sagen. Sie wird nicht sagen »meinem Mann und mir gehört dieses Hotel«. Denn alles, was er dann hören wird, ist »mein Mann«. Und sie will nicht, dass es um ihren Status oder den des Hotels geht. Sie will von Mensch zu Mensch mit ihm reden.
»Wissen Sie«, sagt sie, kommt ihm sehr nahe und fixiert ihn mit ihrem Blick, »ich habe Sie über Fruchtbarkeit reden hören.«
»Ja«, sagt der Arzt und nestelt an einem seiner Manschettenknöpfe.
»Ich möchte schwanger werden«, sagt Sarah-Jane. »Wir haben es probiert … wir probieren es schon eine ganze Weile. Und wir haben das meiste ausprobiert, was uns empfohlen wurde. Und jetzt will ich wissen, wie es wirklich funktioniert. Was ich tun soll.«
Dr. Kerslake schaut sie lange und berechnend an. Sie kennt diesen Blick: So wird sie immer von den Mädchen beäugt, die auf ihren hohen Absätzen in die Bar stöckeln. Bist du eine Bedrohung für mich?, scheinen sie zu fragen. Als er zu einem Urteil gelangt ist, klingt seine Stimme alkoholbedingt säuerlich.
»Ich wüsste da etwas, das Sie nehmen können«, sagt er.
Sarah-Jane erstarrt – sie würde in diesem Augenblick alles tun, jeden Preis bezahlen.
»Und was?«
»Liebesperlen«, sagt Dr. Kerslake.
»Ach wirklich?«, sagt Sarah-Jane. Sie nickt eifrig, weil sie mehr erfahren will, und es dauert einen Moment, bevor ihr Gesicht vor Scham zu glühen anfängt, weil sie merkt, dass er sich einen Witz mit ihr erlaubt hat, dass sie zur Zielscheibe seines Spottes geworden ist. Dabei mag sie Witze. Vielleicht ist das Karma. Vielleicht hat sie einmal jemanden auf ähnliche Weise verletzt, auch wenn sie sich kaum vorstellen kann, dass sie je dafür gesorgt haben könnte, dass sich jemand so beschissen fühlt wie sie in diesem Moment.

Dr. Kerslake geht weiter und zwinkert ihr unverschämt zu. Jetzt hat er eine Anekdote, die er den anderen Anzugträgern erzählen kann, wenn er wieder zurück in der Bar ist. In ihren Augen stehen Tränen der Wut. Sie ist nicht traurig, nein, sie ist richtig wütend. Wütend, weil sie so leicht auf einen so platten Witz hereingefallen ist, und sei es nur für eine Sekunde. Aber vor allem über seine Grausamkeit. Seine Grausamkeit und seine Verachtung. Sie will, dass Howard Rache nimmt. Ihn aus dem Hotel wirft. Ihn irgendwie vor all seinen Kollegen demütigt. Aber das ist unmöglich, sie kann das nicht einem anderen übertragen. Sie muss sich alleine rächen.

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