Hotel Alpha

STORY 18: In der Halle (1990)

Ist es möglich, dass man einen großen Teil seines Lebens mit dem falschen Menschen verbringt? Diese Frage ergibt nicht wirklich Sinn, findet Martin O’Connell, weil es keinen »richtigen Menschen« gibt; auch kein ideales Leben, zu dem man seine eigenen Anstrengungen ins Verhältnis setzen kann.
Aber wenn doch? Was, wenn jemand mit dem falschen Menschen zusammen ist und man selbst spürt, dass man der richtige für ihn ist? Sollte man dann schulterzuckend akzeptieren, dass das Universum nun mal darauf ausgelegt ist, einen zu verarschen? Oder dass es dem Menschen gleichgültig gegenübersteht und alles ohne Ziel und Zweck geschieht? Oder sollte man darauf vertrauen, dass es eine wohlmeinende Vorsehung gibt, so wie Mutter es immer getan hat?
»Wenn es so sein soll, dann soll es so sein.«
Oder – diese Frage dämmert Martin O’Connell genau in diesem Moment – gibt es Zeiten, wo die Vorsehung nur darauf wartet, sich zu deinen Gunsten zu entwickeln, aber du selbst in Aktion treten und den Knopf drücken musst?
Bisher hat Martin auf so etwas nie auch nur einen Gedanken verschwendet. Er ist vierzig. Er ist aus Dublin zu einer Hochzeit angereist, die morgen stattfindet. Es hätte alles wunderbar sein können. Am Freitag mit Aer Lingus rüberfliegen. Am Nachmittag in London ankommen und im Alpha absteigen, wo er früher bereits einmal zu einer Kryonik-Tagung gewesen ist: Es ging um das Einfrieren von menschlichen Körpern nach dem Tod, um sie in einer fernen Zukunft wieder zum Leben zu erwecken. Es klang wie völliger Stuss, aber die Tagung war trotzdem ein Riesenspaß. Das Alpha war genau das Richtige dafür. Also wollte er wieder hier unterkommen. Freitagabend ein paar von den Jungs anrufen und mit ihnen irgendwo in London was essen und einen heben gehen, und die Hochzeit am nächsten Morgen wäre geritzt.
Es war ein ganz bescheidener Plan, und doch hat er nicht funktioniert. Seine Londoner Freunde scheinen alle mit ihren Familien im Urlaub zu sein. Er hat es mit sämtlichen Telefonnummern probiert, aber keiner ist rangegangen. Er hätte das organisieren sollen, bevor er herkam. Es ist eben Urlaubszeit. Und die anderen Iren kommen alle zu unterschiedlichen Zeiten hier an, und bei der Hälfte von ihnen weiß er nicht einmal, in welchem Hotel sie absteigen. Schließlich konnte er Mikey in seinem Hotel in der Gower Street erreichen, aber der entschuldigte sich, weil seine Frau dies und das mit ihm unternehmen wollte. Bei Cormac war es dasselbe. Tut mir leid, Marty, aber ich und meine bessere Hälfte gehen mit den Jungs ins Kino. Aber hör mal, du kannst gerne mitkommen, hat er hinzugefügt. Doch Martin hat keine Lust, sich die Scheiß-Ninja Turtles mit den Kindern anderer Leute anzusehen, die dann »Onkel Martin« zu ihm sagen. Er will in die Kneipe, er will, dass es wieder so ist wie damals auf dem Trinity College.
Er wollte nie heiraten, nie Kinder. Er hat es immer genossen, dass er der war, der auf Hochzeiten und Partys bis zwei Uhr morgens durchhielt und dann angezogen auf dem Sofa einpennte, wo ihn die Gastgeberin am nächsten Morgen mit einem nachsichtigen Lächeln weckte. Er galt gerne als der Inbegriff eines Tunichtguts: »Ich will nicht, dass du mit Martin ausgehst.« – »Ich habe nichts von Paddy gehört, der ist wohl mit Martin versumpft.«
Es machte ihm nicht mal was aus, dass man ihm bei jedem Treffen immer die alten Jungfern aufhalste: »Martin, du musst unbedingt Carmel kennenlernen.« – »Martin, ich setz dich neben meine Cousine. Die ist ganz wild auf Science-Fiction-Filme, genau wie du.« Und wenn sie dann zusammensitzen, stellt sich raus, nein, für Science-Fiction interessiert sie sich gar nicht, sie promoviert in Quantenphysik: Science-Fakten sozusagen.
Nie wollte er zu den armen Schweinen gehören, die ständig, mit krummem Rücken und dünnem Haar, ihren Kindern hinterherrennen und zwanzig Jahre lang nie eine Nacht durchschlafen können. Die auf ein einziges Bier in die Kneipe dürfen und um zehn wieder zu Hause sein müssen. Und sich die ganze Zeit Sorgen darüber machen, wie man die Privatschule und den ganzen anderen Mist bezahlt.
Doch nun ist er an einem Freitagnachmittag in einer Stadt, in der er sich nicht sonderlich gut auskennt, hat keine Lust auf eine Kneipentour ohne Begleitung und spürt, wie sich der Frust in ihm breitmacht.
Und dann sieht er sie, beziehungsweise er hört sie: eine wütende Stimme. Englischer Akzent, wie er feststellt.
»Das ist mir egal! Ich will das nicht hören!«
Der Klang eiliger Schritte auf dem Marmorboden. Martin nimmt ein Faltblatt des Planetariums und tut, als würde er darin lesen. Die wütende Frau ist schon fast an der Rezeption, wo eine aus der Karibik stammende Dame mit großem Vorbau Dienst hat. Martin blickt auf. Die wütende Frau sieht aus, als wolle sie sich ihre linke Hand abreißen. Ihr Ellbogen ragt zur Seite, während sie mit der anderen Hand an ihrem Ringfinger zerrt.
»Fiona«, ruft ein Mann ihr nach, »mach doch um Himmels willen nicht so ein …«
»Genau, mach doch nicht so ein Theater! Ich soll einfach tun, was du sagst. So wie immer, stimmt’s?«
Nun sieht Martin richtig hin und ist von ihrem Anblick gefesselt. Ihr honigblondes Haar reicht ihr bis zu den Ohren. Sie ist durchschnittlich groß und hat eine durchschnittliche Figur. Ihr Gesicht, findet er, ist geformt wie eine Erdbeere. Ihre Wimpern sind lang und gleichmäßig. Sie trägt eine Hose mit hohem Bund und sieht damit aus, als würde sie zu zwei Dritteln nur aus Beinen bestehen. Sie ist ausgesprochen attraktiv, aber das ist nicht ungewöhnlich. Frauen sind seiner Ansicht nach generell attraktiv. Doch sie hat etwas Besonderes.
Er weiß mit absoluter Gewissheit, dass er und diese Frau den Rest ihres Lebens zusammen verbringen sollten. Er weiß es so sicher, als sei Gott mal eben vorbeigekommen und hätte es ihm schriftlich gegeben.
Martin beobachtet, wie der Mann sie in der Mitte der Halle einholt, keine zehn Schritte von ihm entfernt, und sie an der Schulter fasst. Martin muss sich zusammenreißen, um sich nicht einzumischen. Er hat den Eindruck, als ginge ihn das etwas an, obwohl die beiden vielleicht schon zwanzig Jahre zusammen verbracht haben und er sie nie zuvor gesehen hat.
Ihrem Ehemann hängt ein Büschel blonder Locken in die hohe Stirn. Er sieht aus wie ein zu großer Schuljunge, man würde kurze Hosen und eine graue Mütze an ihm erwarten. Die Frau schüttelt ihn ab.
»Geh weg! Komm mir nicht zu nahe!«
»Um Himmels willen, Fiona«, wiederholt er und versucht nochmals, seinen Arm um ihre gepolsterten Schultern zu legen. Doch während sie sich aus seinem Griff befreit, hebt sie drohend die Hand, und eine aufregende Sekunde lang glaubt Martin, dass sie ihm eine scheuern wird.
»FASS MICH NICHT AN, GARY!«, schreit sie und betont dabei alle Wörter einzeln, als lese sie sie von Karteikarten ab, und jedes steigt wie eine Leuchtrakete durch die Halle ganz hinauf bis zum Glasdach.
Der Lockenkopf macht noch einen Versuch, sie zu beruhigen, als sich plötzlich die rundliche Dame hinter der Rezeption einmischt: »Hey, sie sagt, sie will nicht, dass Sie anfassen. Sie lassen sie in Ruhe!«
Der Mann traut seinen Ohren nicht. »Was zum Teufel geht Sie das an?«
Martin würde sich nun – wo der Sieger feststeht – nur allzu gerne einmischen, aber stattdessen vertieft er sich weiter in den kleingedruckten Text der Broschüre, den er schon beinahe auswendig kann: Rabatte für Gruppen. Bitte erkundigen Sie sich nach den Öffnungszeiten an Feiertagen.
Die Dame an der Rezeption legt ihr Buch – eine zerfledderte alte Bibel – so entschlossen ab, als solle gleich einer darauf schwören.
»Sie wollen, dass ich Howard York bitte, Sie rauszuwerfen? Kann ich gleich tun, wenn Sie wollen«, sagt sie.
Um die Auseinandersetzung hat sich nun eine kleine Fangemeinde gebildet. Wie Martin halten sie einen gewissen Abstand und tun so, als würden sie nicht zusehen oder –hören. Fiona, die Frau, von der er immer geträumt hat, ohne es zu wissen, ist ihm jetzt so nah, dass er seine Hand nach ihr ausstrecken und sie berühren könnte. Von dem Gedanken bekommt er einen Ständer. Er stellt sich vor, wie sie bei ihm auf dem Zimmer ist, wie er ihr die Hose mit dem hohen Bund herunterzieht. Wie sie über ihn herfällt.
Er hält den Atem an, wie all die anderen stillen Beobachter auch, als sie sich ihren Ehering mit dem Saphir vom Finger reißt und ihn in die Höhe schleudert. Sie holt dazu weit aus, wie ein Mann, denkt Martin, wie ein Werfer beim Kricket. Ein verdammt guter Wurf! Der Ring erhebt sich in die Lüfte, aber man hört ihn nicht fallen. Ist er auf einer der Galerien gelandet?
Gary fällt die Kinnlade herunter. Er scheint nicht zu wissen, wie er darauf reagieren soll. In einer hilflosen Geste wirft er die Arme hoch, dreht sich um und geht mit gesenktem Kopf Richtung Lift. Die heimlichen Zuschauer machen ihm den Weg frei. Die dicke karibische Dame berührt mitfühlend Fionas Arm. Fiona zittert ein wenig, atmet dann tief durch, bläst ihre Wangen auf und bringt ein unsicheres Lächeln zustande. Dann läuft sie zur großen Eingangstür.
Also los jetzt, denkt Martin, das ist der Augenblick, in dem du handeln musst. Dieses ganze Schauspiel ist nur dazu da, um dich auf diese Frau aufmerksam zu machen, auf die du deiner Überzeugung nach schon dein ganzes Leben gewartet hast, noch bevor du überhaupt wusstest, dass du auf jemanden wartest.
Halt sie auf, befiehlt er sich, sag was!
Halt sie auf, bevor sie zur Tür hinausläuft!
Dann halt sie draußen auf! Sag auf der Straße was zu ihr! Frag sie einfach: Wollen Sie was trinken gehen? Frag einfach: Ist-alles-in-Ordnung-kann-ich-Ihnen-behilflich-sein? Um Himmels willen, tu es!
Dann hört er einen Lärm wie von einer Explosion. Kurz glaubt er, eine Bombe sei hochgegangen. Es gab bereits mehrere Anschläge auf Hotels, manchmal zucken die Leute zusammen, wenn sie seinen Akzent hören. Aber es war keine Bombe, sondern nur eine zugeschlagene Tür auf der Galerie über ihm: der Ehemann. Ein halbes Dutzend Beobachter starren hoch zur Galerie. Erleichtert und amüsiert treffen sich ihre Blicke: Respekt! Die hat er ganz schön zugeknallt!
Schließlich löst sich Martin aus der Erstarrung, in die er gefallen ist, als er die Frau hinausgehen sah. Er lässt die Broschüre auf den Tresen fallen, und unter den Augen der erstaunten Empfangsdame rennt er zur Tür. Aber die öffnet sich, bevor er sie erreicht, und, verflucht noch mal, ein paar Leute kommen herein. Auch dieser Mann, dem das Hotel gehört. Er führt einen kleinen Jungen an der Hand, der anscheinend blind ist. Sie stehen ihm geschätzt eine halbe Minute lang im Weg. Und mehr braucht es auch nicht.
Eine halbe Minute, und ich versaue den Moment, auf den ich vierzig Jahre gewartet habe, denkt Martin O’Connell.
Läuft das wirklich so? Kann das wahr sein?


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