Hotel Alpha

STORY 19: In der Alpha-Bar (2003)

»Doch, es stimmt, Kath«, sagt Howard, »jeder ist seines Glückes Schmied. Man entscheidet, was man vom Leben erwartet, und dann arbeitet man darauf hin, es zu erreichen. Jeder kann im Wesentlichen nach diesem Prinzip verfahren.«
Kathleen schlägt ihre Beine übereinander, was zum Teil eine unbewusste Reaktion darauf ist, Kath genannt zu werden, was sie verabscheut. Sie ist immer wieder erstaunt über die Intensität dieses Abscheus, den sie empfindet, wenn jemand ihren Namen abkürzt, vor allem wenn es jemand ist, der sie nicht annähernd gut genug kennt, um sich das erlauben zu können. Sie versteift sich und krümmt ihren Rücken ein wenig, wie eine Katze. So wie jetzt krampft ihr Magen auch, wenn jemand eine leere Coladose aus dem Wagenfenster wirft oder Fußballfans rassistische Lieder singen – beides Dinge, bei denen eine derart heftige Reaktion weit mehr gerechtfertigt ist.
Als sie fünf Jahre alt war, kam jemand in der Vorschule auf den Spruch »Kathy, die Kleine, hat so dicke Beine«, was für einen Fünfjährigen kein schlechter Reim war. Kathleen allerdings fühlte sich so gedemütigt, dass sie Shampoo schluckte, damit ihr schlecht wurde und sie nicht zur Schule musste. Seither bestand sie darauf, Kathleen genannt zu werden. Bei jeder anderen Variante ihres Namens packt sie die Panik.
Doch in diesem Fall ist das Überschlagen der Beine auch ein Ausdruck des Ärgers über seine Äußerung. Sie hat das von Howard schon öfter gehört, wer auch nicht? Jeder ist seines Glückes Schmied. Das ist der Kern von Howards Philosophie. Aber eigentlich ist das doch überhaupt keine Philosophie, oder? Es ist mehr wie ein Trick, den er immer wieder vorführt. Jeder Trick ist beeindruckend, bis er einmal nicht funktioniert.
»Ganz so einfach ist das nicht, glaube ich«, sagt sie.
Howard zwinkert ihr amüsiert zu, womit er vielleicht verbergen will, dass ihn ihr Widerspruch ärgert. Er hat seine Mimik so gut unter Kontrolle, dass er sogar dann entzückt schauen kann, wenn ihm eine Bemerkung missfällt.
»Tatsächlich?«
»Ich meine, es tut mir leid, wenn ich zu weit gehen sollte, aber du, also, äh, du bist in reichen Verhältnissen, also, du hast viel Geld …«
»Ich habe viel Geld geerbt, das stimmt.« Er nimmt einen Schluck Wein. »Das kommt öfter vor. Doch nur wenige Menschen würden so ein Hotel eröffnen. Und was ist mit dir? Was hat dir den Durchbruch als Journalistin beschert?«
Howard kennt die Antwort, weil das Hotel dabei eine Rolle gespielt hat. Kathleen hatte hier um die Ecke in einem Restaurant in Bloomsbury einen leidlich bekannten Schauspieler interviewt, um ein Porträt über ihn zu schreiben. Sie war nicht sonderlich wild darauf, denn der Schauspieler hatte nicht allzu viel zu sagen. Es war sein 70. Geburtstag, er spielte gerade in einem Stück im West End, und der Theaterproduzent hatte den Zeitungsredakteur zu dem Artikel überredet. Um es noch präziser zu formulieren, er hatte ihn nicht »überredet«, sondern war ihm in den Arsch gekrochen. Das Gespräch war eine zähe Pflichtübung gewesen und hätte wahrscheinlich einen weniger als durchschnittlichen Artikel ergeben. Doch dann starb der Schauspieler noch in jener Nacht – im Alpha. Kathleen war der letzte Mensch, mit dem er ein richtiges Gespräch geführt hatte. Also wurde ihr Artikel überall abgedruckt, man schrieb ihr die Exklusivität des Textes zu, als sei sie ihr Verdienst, und danach kaufte der Redakteur ihr so ziemlich alles ab, was sie ihm anbot.
»Na gut«, gibt Kathleen zu. »Aber das war ja nicht so, dass ich ›meines Glückes Schmied‹ war. Ich habe ja nicht durch mein Interview seinen Tod herbeigeführt, sondern es war Zufall. Zwei Ereignisse folgten zufällig auf einander.«
»Natürlich hast du seinen Tod nicht herbeigeführt. Aber du hast das Interview gemacht, obwohl du, wie ich mich erinnere, gar keine Lust darauf hattest. Du hast einen Auftrag angenommen, auf den du nicht sonderlich scharf warst. Aufgrund deiner Arbeitsmoral. Und es hat dir etwas gebracht. Nicht weil du es darauf angelegt hast, aber das Prinzip ist das Gleiche. Du hast selbst dafür gesorgt, dass etwas richtig läuft.«
»Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort«, wendet Kathleen ein. Es geht ihr dabei nicht um Bescheidenheit, nein, sie will einfach diese Vorstellung demontieren, dass das Universum auch nur entfernt von menschlichen Handlungen beeinflusst werden kann und vielleicht der Versuchung erliegt, die zu belohnen, die es mag. Sie findet dieses Modell geradezu empörend simpel, zudem beleidigt es all die Leute, denen das Leben übel mitspielt – nicht, weil sie »ihres Unglückes Schmied« wären, sondern weil das Leben eben manchmal so ist.
»Der richtige Ort ist immer hier, die richtige Zeit ist immer jetzt«, sagt Howard. Er klingt wie … wie so ein Scheiß-Yogalehrer, denkt Kathleen, die Yoga nie ausprobiert hat.
»Ich glaube, wir müssen uns darauf einigen, dass wir uns uneinig sind«, sagt Kathleen. »Manche Leute haben mehr Glück als andere. Das ist einfach so.«
»Vielleicht kann ich dir ja zeigen, was ich damit meine, dass jeder seines Glückes Schmied ist«, sagt Howard. »Kann ich mal kurz diese Münze haben?«
Kathleen senkt ihren Blick. Sie hat ganz vergessen, dass sie immer noch das Wechselgeld in ihrer Hand hält. Sie schiebt Howard über den Tisch eine Pfundmünze zu. Er nimmt sie und befingert sie fast liebevoll, wie ein Bettler, dem man ein Almosen gibt. Sie muss an den Onkel ihrer Freundin Mel denken, der Millionär war, aber sich nach jedem Penny auf der Straße bückte.
»Also«, sagte Howard, »ich werde Kopf oder Zahl sagen, und die Münze wird das zeigen, was ich will. Wenn ich es nur stark genug will, dann wird das geschehen, was ich sage.«
»Ich …« Kathleen ist wider Willen beeindruckt von seiner Chuzpe. Diesem stupiden, unerschütterlichen Selbstvertrauen. »Nein, das wird es nicht. So läuft das nicht.«
»Also los: Zahl.« Howard wirft die Münze vor ihr hoch in die Luft. In ihrer Aufwärtsbewegung verschwimmt die Münze, sie schimmert in den Lichtstrahlen des Kronleuchters über ihnen, dann fällt sie wieder hinab auf seinen Handrücken. Zahl.
»Das war eine 50-50-Chance«, sagt Kathleen.
»Klar, das stimmt«, räumt Howard ein. »Also versuchen wir’s noch mal. Kopf.«
Sie landet auf seinem Handrücken. Kopf. Dann versuchen sie es ein drittes Mal. Er sagt Zahl, wie beim ersten Versuch. Dieses Mal wirft er die Münze so geschickt, dass sie auf Kathleens Handrücken landet. Sie muss gar nicht hinsehen, um zu wissen, dass es Zahl ist.
»Da haben wir’s«, sagt Howard. »Dreimal fifty-fifty. Also entweder bin ich ein verdammter Glückspilz – bei einer Chance von, was?, eins zu acht –, oder es spielt noch etwas anderes eine Rolle.«
Howard nimmt die Münze und gibt sie postwendend zurück, als ahne er, was ihr kurz durch den Kopf gegangen ist. »Du weißt doch, dass es keine Trickmünze ist. Also wenn ich beeinflusst habe, wie sie gefallen ist, dann mit anderen Mitteln. Mit fairen Mitteln.«
Kathleen blickt ihn an und spürt eine Verwirrung, die seine Gesprächspartner oft empfinden. Sie entspringt der Überzeugung, dass nicht wahr sein kann, was er sagt, jedenfalls nicht völlig wahr, und dem gleichzeitigen Eingeständnis, dass einen die Fakten förmlich dazu zwingen, ihm zu glauben.
Sie atmet tief durch. Howard sagt Zahl und wirft die Münze in die Luft. Sie landet auf dem Tisch. Zahl. Er sagt Zahl und lässt sie auf seiner Hand landen. Zahl. Er sagt ein drittes Mal Zahl. Die Pfundmünze fällt auf den Schachbrettboden und eiert dort wie zum Spaß ein wenig herum, als wolle sie deutlich machen, wie wenig man sie beeinflussen kann, und dann: Zahl.
Es ist so albern, dass sie lachen muss, sie ist wider Willen belustigt. »Okay, ich weiß nicht, wie du das anstellst. Ich weigere mich zu glauben, dass es nur aufgrund deines starken Willens funktioniert. Aber ich gebe zu, dass ich keine bessere Erklärung dafür habe.«
»Die Menschen verschwenden viel Zeit darauf, ergründen zu wollen, warum etwas geschieht«, sagt Howard, »wo sie doch besser damit fahren, zu akzeptieren, dass es geschieht, und dass wir, wenn wir nicht wollen, was geschieht, es ändern können.«
Mit theatralischer Geste verstaut er die Pfundmünze wieder in seiner Tasche. Erst etwa eine Stunde später, auf der Fahrt mit dem Taxi zu ihrer Wohnung, fällt Kathleen ein, dass es doch eigentlich ihre Münze war.


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