Hotel Alpha

STORY 2: IT-Suite   (1996)

Umnebelt von der Droge, mit der er heute zum ersten Mal experimentiert, hat Jonathan plötzlich eine unglaubliche Erleuchtung, diese neue Sache – das Internet – betreffend. Er kann sie nicht präzise fassen, jedenfalls nicht in Worte. Aber dank des durch die Droge erhöhten Endorphinspiegels, den er mit einer gesteigerten geistigen Klarheit verwechselt, glaubt er auch gar nicht, sie in Worte fassen zu müssen. Seine Idee, davon ist er überzeugt, hat eine solche Strahlkraft, dass die Menschen sie einfach durch einen Blick in sein Gesicht erfassen werden. Vielleicht kennen sie sie sogar schon: Allein, indem er diese Gedanken denkt, übermittelt er sie automatisch der ganzen Welt.
Er überlegt, ob er mit dem Lift hinauffahren soll, um seinem Bruder Chas zu erklären, was ihm durch den Kopf geht, aber die Lifte brauchen in letzter Zeit so lange – aus völlig unerfindlichen Gründen, denn eigentlich scheint es nicht logisch, dass sie zu bestimmten Zeiten besser funktionieren als zu anderen –, und er hat nicht wirklich die Kraft, sich aus seinem Stuhl zu erheben. Aber was ist es, das ihm da im Kopf herumgeht? Ganz sicher ist er nicht. Es ist keine vollständige, klar umrissene Idee. Es ist nur irgendwie das vage Gefühl, dass er ein Problem geknackt, etwas verstanden hat. Und das geht in etwa so:
Ein Hotel ist eine Ansammlung von Zimmern, die alle unabhängig und zugleich miteinander verbunden sind. Niemand hat Einblick in sämtliche Vorgänge in jedem einzelnen Raum, und doch hängen sie alle irgendwie zusammen. Genauso ist es mit dem Internet. Alle Computer auf diesem Planeten werden von nun an miteinander verbunden sein, als sei die Erde ein einziges riesiges Hotel. Alles, was in einem Zimmer des Internets geschieht, beeinflusst alles andere. Die Welt ist ein Organismus, das war sie schon immer, aber nun wird sie auch wie ein solcher funktionieren. Wie ein Hotel. Und das kommt ihm irgendwie sehr bedeutsam und revolutionär vor. So, als könne die ganze Menschheit dadurch ihre Ideen bündeln, zusammenarbeiten und zu einem allseitigen Verständnis gelangen. Jonathan hat den Eindruck, dass er sehr nahe dran ist, all das in Worte fassen zu können. Er denkt – und er wird das noch eine Stunde lang weiterdenken, bis die Wirkung der Droge nachlässt –, dass er da auf eine wunderbare Verbindung zwischen dem Hotel, dem Internet und der menschlichen Natur gestoßen ist. Ein unbeteiligter Beobachter jedoch sieht nur einen jungen Mann, der mit einem dämlichen Grinsen vor seinem Computer hockt und zwischen diversen Bildern von nackten Frauen hin- und herklickt.

 

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