Hotel Alpha

STORY 22: In der Umkleide der Wellness-Suite (1992)

Und wenn ich mich täusche?, fragt sich Lara, und ihr Magen krampft sich vor Angst zusammen. Aber sie weiß, wie man solche Gedanken verdrängt oder zumindest verhindert, dass man sie an ihrem Gesicht ablesen kann. Ein Motivationsredner hat ihr das beigebracht. »Jeden Tag gehen Ihnen 40000 Gedanken durch den Kopf«, sagte dieser Redner, »und solange Sie es nicht zulassen, wird niemand diese Gedanken sehen, genauso wenig, wie man durch Ihre Kleidung hindurchsehen kann.« Dieser Vergleich machte Lara damals ein wenig nervös.
Sie weiß, dass Ella dienstags nach dem Unterricht mit Chas immer eine Runde aufs Laufband geht. Und in der Regel auch donnerstags. Aber dienstags immer. Es ist Laras Job, über andere Leute Bescheid zu wissen. Und als sie heute Morgen von ihrem neuen Laptop aufblickte, sah sie Ella mit ihrer Sporttasche über der Schulter. Am Nachmittag fiel es ihr schwer, sich auf ihren Bildschirm zu konzentrieren beziehungsweise an irgendetwas anderes als an Ella zu denken, an den schwarzen Ansatz ihres hellen Haars, das unmelodische Pfeifen aus ihrem schnurgeraden Mund, diese raue Stimme und wie sie manchmal ihren Regenschirm ablegt.
Und nun befindet sie sich also in der Umkleide der Wellness-Suite. Der holzgetäfelte Raum wirkt steril und riecht nach Räucherstäbchen. Aus kleinen Lautsprechern erklingt sanfte Musik. Im Alpha selbst läuft nie Musik, weder in der Halle noch sonst wo, das ist ihr schon aufgefallen. In diesem beschränkten Bereich scheinen jedoch andere Regeln zu gelten als im übrigen Hotel. Nirgendwo sonst bekäme man ein Poster zu Gesicht, auf dem »Folge deinem Traum« steht und ein Hund abgebildet ist, der schnüffelnd in eine Fleischerei in einer kopfsteingepflasterten Straße läuft, die nach Paris um die Jahrhundertwende aussieht. Es erinnert sie an den Plunder, den Howard für horrendes Geld bei seinen Wohltätigkeitsessen versteigert. In gewisser Weise sind seine Glaubenssätze und Parolen nicht weniger banal als dieses »Folge deinem Traum«. Aber es kommt eben immer darauf an, wie man sie präsentiert.
Lara könnte wetten, dass in der Männerumkleide keine Bilder von niedlichen Hunden hängen, sondern wahrscheinlich Fotos von Sportstars. Oder Werbung für einen dieser Energydrinks, für die sie mit ihrer Firma die Pressearbeit macht. Frauen nehmen es viel zu oft hin, dass man ihr Geschlecht mit süßen Tierbildern und kuscheligen Beruhigungsmitteln in Form von Schokolade, Kerzen und Badewannen in Verbindung bringt. Ohne diese Stereotype wäre die PR- und Werbeindustrie aufgeschmissen. Nie hat Lara irgendwen gezwungen, ein Produkt zu kaufen oder auch nur eine bestimmte Meinung zu übernehmen. Sie schlägt ausschließlich daraus Kapital, wie die Leute ohnehin denken.
Frauen sind eine einzige Enttäuschung. Männer auch. Aber es gibt ja Ella. Der Klang von Schritten auf dem Gang steigert Laras Anspannung. Sie geht hinüber zum Spiegel, der ein vorteilhaftes Bild zurückwirft, was zum Teil auch an der gedämpften Beleuchtung liegt. Lara sieht so gut aus, wie es dir möglich ist. Sie hat sich Mühe gegeben. Sie hat ihre Augenbrauen zupfen und ihre Haare so schneiden lassen wie damals, als sie sich zum ersten Mal begegneten und Ella ihr einen Blick zuwarf, den sie für eindeutig hielt. Beim nächsten Mal, vor dem Rauchersalon, berührte Ella ihren Arm, als sie sie begrüßte. Obwohl für eine Berührung keine Notwendigkeit bestand. Seitdem lief alles auf diesen Augenblick zu. Wenn sie sich nicht täuscht. Wenn sie die Zeichen richtig gedeutet hat.
Ach komm, tadelt sie sich, wann hast du schon einmal ein Zeichen falsch gedeutet?
Sie blickt in den Spiegel, hinter sich, und sieht Ella hereinkommen, in dem dunklen Top und den eng anliegenden Radlerhosen. Ella wirkt überrascht.
»Oh, hallo.«
Lara dreht sich langsam um und begrüßt sie. »Wie lief’s heute mit Chas?«
»Super. Er ist furchtbar gut in Mathe. Außerdem stellt er dauernd philosophische Fragen, Wittgenstein und so. Ich muss also ständig bluffen und tun, als ob ich mehr wüsste als er.«
Ellas Blick gleitet durch den Raum Richtung Spinde und Umkleidekabinen. Jeden Augenblick wird sie ihre Kleidung aus dem Spind holen, in einer Kabine verschwinden und den Vorhang vorziehen.
»Also, wenn du Tipps zum Bluffen brauchst, damit kenn ich mich aus«, sagt Lara.
»Vielleicht nehme ich dich mal mit zu ihm, als meine Agentin.«
Ella lächelt. Sie lächeln sich gegenseitig an.
Vor Laras geistigem Auge ziehen Kindheitserlebnisse vorüber, als wolle ein Cutter einer Filmrolle mit Schlüsselszenen ihres Lebens diesen gegenwärtigen Augenblick anfügen. Sie sieht ihren Vater beim Angeln und wie sie ihm dabei hilft, den Wurm am Haken zu befestigen. Und dann, wie sie alle rund um einen Tisch sitzen und der Polizist ihnen sagt, sie müssten jetzt stark sein, und ihnen erzählt, was mit ihrem Vater geschehen ist. Vielleicht will ihr Gehirn ihr mit diesen Bildern Mut machen. Nichts könnte je furchtbarer sein als das, was sie bereits erlebt hat. Nichts wird ihr je wieder solchen Schmerz zufügen. Und doch glaubt sie in den zehn Sekunden, bevor sie es sagt, nicht daran, dass sie es tatsächlich sagen wird.
»Also dann«, sagt Ella, »ich muss …«
»Kann ich dir dabei zusehen, wie du dich ausziehst?«, fragt Lara.
»Bitte?«
»Ich hoffe, du findest das nicht unangemessen.« Aber aus dem einen Wort, das Ella gesagt hat, schließt Lara, dass es klappen wird. »Ich glaube, dass du dir was zwischen uns beiden vorstellen kannst. Ich kann es mir vorstellen. Ich kann mir schon eine ganze Zeit lang nichts mehr anderes vorstellen.« Ihre Stimme klingt ruhig, der Ton absolut nüchtern, als würde sie ihre Assistentin anweisen, ein Fax zu schicken.
»Aber wir können es doch nicht hier tun«, flüstert Ella.
Lara deutet auf die Umkleidekabinen mit ihren roten Vorhängen zum Vorziehen, aber Ella schüttelt den Kopf.
»Aber … da kann man doch unten durchschauen.«
»Na gut, dann komm mit«, sagt Lara.
Sie gehen hinaus auf den Gang, Lara in ihrem Jackett, Ella in ihren Sportsachen, und Lara muss sich nicht nach ihr umsehen, um zu wissen, dass ihr Ella in ihrer Verblüffung wie eine Schlafwandlerin folgt. Dass Ella vorher noch nie mit einer Frau zusammen war und ihr vielleicht noch gar nicht bewusst war, dass sie es wollte, oder den Gedanken daran gar nicht zugelassen hat. Lara erinnert sich an früher, als es ihr genauso ging.
Auf dem Gang ist niemand. Anderswo im Hotel geschehen gerade tausenderlei Dinge. Jedem kommt das eigene Gespräch wie die Hauptattraktion vor. Für jeden existieren in diesem Augenblick nur die eigenen Sorgen.
Da ist eine Tür ohne Aufschrift, eine Toilette. Lara stößt die Tür auf, merkt, wie Ella ihr hinterherhuscht, und dreht sich um. Sie verriegelt die Tür und kann Ella endlich in die Arme schließen.


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