Hotel Alpha

STORY 23: IT-Suite (1998)

Bei Laktoseintoleranz produziert der Körper nicht in ausreichendem Umfang Laktase, ein Enzym, das für die Hydrolyse von Laktose zuständig ist. Zu den Symptomen zählen unter anderem Übelkeit, Blähungen und Durchfall. Es handelt sich hierbei nicht eigentlich um eine Krankheit, sondern um eine genetische Veranlagung zu …
Er hat genug gelesen. Er stützt den Kopf in die Hände und presst seine Knöchel gegen die Stirn, die ihm in diesem Moment wie eine sehr dünne Schicht zwischen der Welt und seiner Hirnrinde vorkommt. So dünn, dass jemand sein Hirn aus seinem Kopf nehmen könnte wie eine Praline aus der Schachtel. Dieses Bild erscheint ihm verstörend real. Er lässt seine Hände sinken und presst sie auf der Tischplatte zusammen. Seine Handflächen sind feucht. Er überlegt, ob man hier drinnen noch rauchen darf. Natürlich sollte er nicht rauchen, er ist schließlich Arzt. Aber was bin ich bloß für ein Arzt? Verbittert grinst Ian Hartwick den kalt leuchtenden Bildschirm an.
Na bitte: Laktoseintoleranz ist eine genetische Veranlagung. Anders als zu Zeiten seines Medizinstudiums. Damals gab es noch nicht einmal den Begriff. Natürlich wusste man, dass bestimmte Menschen Laktose nicht richtig verarbeiten können, und diesen Menschen riet man, Milchprodukte zu meiden. Damit hatte es sich. Damals gab es keinen Hinweis darauf – oder zumindest erinnert er sich nicht daran – dass diese Unverträglichkeit eine Erbkrankheit ist.
Heute Morgen hat er einer Dame gegenüber steif und fest behauptet, dass zwischen der Tatsache, dass ihrem Ehemann übel wird, wenn er Käse isst, und dem Geschrei ihres Babys beim Füttern kein Zusammenhang besteht. Sie solle es in Gottes Namen mit Sojamilch oder einer dieser anderen komischen Milchsorten versuchen, aber es liege mit großer Wahrscheinlichkeit an einer Kolik oder daran (und das hatte er nicht wörtlich gesagt, aber er war nah dran), dass Babys per se schreien, sie schreien einfach sehr häufig. Ob sie einmal darüber nachgedacht habe, dass Babys schreien, weil sie noch nicht sprechen können, und ob ihr klar sei, dass sein Wartezimmer zu drei Vierteln mit Eltern belegt sei, die sich Sorgen wegen des völlig normalen Gebrülls ihrer Sprösslinge machen?
»Ich schaue mal im Internet nach«, hatte sie beim Hinausgehen sehr ruhig gesagt, und weil er den Satz so noch nie zuvor gehört hatte – jedenfalls nicht so, als sei er ebenso normal wie der Satz »Ich gehe jetzt« –, hatte er ihn nicht so richtig zur Kenntnis genommen. Erst nach dem darauffolgenden Termin kamen ihm der Satz und das ganze Gespräch wieder in den Sinn, und da wurde ihm klar, dass sie gemeint hatte, sie würde im Internet überprüfen, ob er Recht habe. Und heute Abend auf dem Heimweg konnte er plötzlich nicht widerstehen. Also ging er ins Alpha, wo sie Internet haben, wie er weiß – auf einen Whisky an der Bar, der von einem jungen Rotschopf serviert wurde, dessen kerngesundes Aussehen Dr. Hardwick als etwas demoralisierend empfand. Und nun sitzt er hier. Er hat »Laktoseintoleranz« eingetippt in der Überzeugung, er würde nichts über einen so abseitigen Suchbegriff finden. Wenn es selbst darüber Webseiten gibt, denkt er, wo wird das enden? Gibt es Seiten über alles und jeden?
Und tatsächlich, er findet etwas darüber. Geschrieben von einem Fachmann oder vielleicht auch von einem 19-Jährigen, aber zumindest sieht es seriös aus, so seriös wie eine medizinische Fachzeitschrift. Jeder kann es lesen, jeder mit einem Computer kommt ganz einfach dran. Und bald wird jeder einen Computer haben.
Sein Bauch fühlt sich wie ausgehöhlt an, als sei er unerträglich hungrig, es ist dieses bohrende Hungergefühl, das man gerne mit dem Gegenteil verwechselt, nämlich dem Drang, sich zu übergeben. Er stellt sich vor – nein, er stellt es sich nicht vor, er sieht es vor sich, als sei es sein unausweichliches Schicksal –, wie die Frau am Montag triumphierend wieder in seiner Sprechstunde erscheint, weil sie zu ihrer Genugtuung herausgefunden hat, dass ihr Kind an einer genetisch bedingten Laktoseintoleranz leidet, die Dr. Hardwick in seiner Ungeduld und Ignoranz zu diagnostizieren versäumt hat. Das wird sich herumsprechen und seinen guten Ruf beschädigen. Und das machen jetzt immer mehr Leute. Sie suchen im Internet nach ihren Symptomen, bevor sie zu ihm in die Praxis kommen, sodass jedes Gespräch zu einer Art Test seiner Fähigkeiten wird, der den Patienten verrät, ob er ebenso wie sie seine Hausaufgaben gemacht hat.
Und obwohl er weiß, dass es unmöglich ist, weil er noch nichts gegessen hat, verspürt er nun Brechreiz. Er muss an Kerslake denken, an den Hohn, den sie über den armen Kerl ausgegossen haben, weil er behauptet hatte, Migräne sei keine echte Krankheit, sondern nur eine modische Bezeichnung für ein paar Einzelsymptome. Und plötzlich wird die Krankheit von der Ärztekammer anerkannt, und die ganze Welt inklusive seiner Frau kommt mit selbst diagnostizierter Migräne zu ihm, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als kleinlaut zuzustimmen. Ihm, dem Arzt, wollen seine eigenen Patienten sagen, was ihnen fehlt!
Kerslake ging in den Ruhestand, weil er sich gedemütigt fühlte. Vielleicht hat er auch immer den Mund zu voll genommen. Aber das wird in Zukunft kein Einzelfall mehr bleiben. Bereits während er hier sitzt, erschaffen sich Leute, die halb so alt sind wie er, mithilfe ihrer Computer einen Superdoktor.

In Zukunft werden alle Ärzte sein. Ian Hardwick fühlt sich hundert Jahre alt, als er aufsteht. Na ja gut, vielleicht können die ja zur Abwechslung mal mir helfen, denkt er. Ich schmeiß alles hin, und dann sollen die sich montagmorgens meine Probleme anhören.


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