Hotel Alpha

STORY 24: In der Halle (1978)

Es hat praktisch einen ganzen Arbeitstag gekostet, das Zimmer für Kissinger vorzubereiten. Zur Vereinfachung dieser Prozedur wurde Zimmer 70 drei Tage vor der Ankunft des Staatsmanns an keinen anderen Gast mehr vergeben. Somit gab es keine Unordnung zu beseitigen, nicht die Notwendigkeit, alle Zeichen vorangegangener menschlicher Existenz aus dem Zimmer zu tilgen, bevor der Neuankömmling seinen Fuß hineinsetzt. Darum bemüht man sich natürlich für jeden Gast. Niemand wird gerne durch die Staubschichten unter dem Bett daran erinnert, dass bereits andere in ihm gelegen haben, oder daran, wie viele Menschen vor einem hier geduscht haben. Doch die menschlichen Energien werden von der Einrichtung absorbiert und zirkulieren unsichtbar im Raum. Graham hat immer wieder gehört, wie Leute beim Auschecken Scherze darüber machten oder auch zimperlich reagierten, wenn ihr Partner sie darauf ansprach: »Stell dir vor, wer vor uns in diesem Bett Sex hatte!« – »Oh Gott, nein, hör bloß auf, das ist eklig!« Meistens sind es die Frauen, die so reagieren. Graham findet das sehr irrational. Tragen unsere Wohnungen nicht ebenso die Spuren früherer Bewohner? Und das Straßenpflaster? Ist nicht die ganze Welt voll von früheren Welten?
Vielleicht ist das die Wurzel allen Übels. Niemand von uns ist gerne einfach nur ein Nachfolger und Nachahmer, niemand denkt gerne an die vielen Variationen unserer selbst, die in Zukunft am selben Ort den gleichen Tanz aufführen werden wie wir. Jeder hat gerne das Gefühl, dass das eigene Leben alles ist, was zählt, und die Vergangenheit nur Vergangenheit: etwas, das einmal existiert hat, aber heute keine Rolle mehr spielt. Vielleicht aber liegen manche Leute einfach nur nicht gerne da, wo andere schon Sex hatten, denkt Graham, und verhindert so, dass der ganze philosophische Quatsch ihn zu weit führt. Unwillkürlich fällt ihm ein, dass er und Patricia seit Edwards Geburt nicht mehr miteinander geschlafen, also sich zusammen vergnügt, also nichts dergleichen mehr gemacht haben. Nicht mit zwei Kindern im Haus, die nachts ein Glas Wasser möchten, schlecht träumen oder ins Elternbett kriechen wollen. Er hat den Eindruck, dass Patricia froh über diese nie versiegende Quelle von Ausreden ist. Graham überlegt, ob sie beide wohl mit dieser Sache endgültig abgeschlossen haben. Dann verbietet er sich diese Überlegungen.
Auf dem Rezeptionstresen liegt ein großer Stapel Zeitungen, die von der Morgenlieferung übrig geblieben sind. Er macht sich Sorgen über die Atemprobleme des Kerls, der sie immer bringt. Ob er Asthma hat oder eine vergleichbare Erkrankung? Graham wirft einen Blick auf die Titelseiten. Es gab eine Schießerei in Belfast. Zwei Schießereien. Britische Soldaten sind dabei ums Leben gekommen. Verächtlich schiebt Graham den Stapel mit seiner linken Hand beiseite. Die verdammte Armee. Hat das denn nie ein Ende? Finden die Menschen immer einen Grund zum Kämpfen und zum Töten? Schaudernd erinnert er sich an den Exerzierplatz. ADAM!
Es gießt in Strömen. Jedes Mal, wenn er hinaufblickt und sieht, wie der Regen in Bächen über das Glasdach läuft, jedes Mal, wenn sich die Eingangstüren öffnen und den Blick freigeben auf das nächtliche London und den Regen, der im Lichtschein an den Zedern vorbei schräg herabfällt, ist er zutiefst dankbar, dieser Institution entkommen zu sein.
ADAM!
Die müssen dich ja echt mögen (sagte ein sommersprossiger Kamerad mit einem dreisten Grinsen), wenn sie dich beim Vornamen rufen.
Nein, das ist … das ist eigentlich mein …
ADAM, DU FAULES STÜCK SCHEISSE!
Vielleicht mögen sie dich doch nicht so gerne.
Die Vergangenheit. Graham sieht hinauf zum obersten Stockwerk, wo Kissingers Bodyguards das Zimmer unter die Lupe nehmen. Sie werden sich schon anstrengen müssen, um etwas auszusetzen zu haben, denkt er. Der bereits blitzblanke Raum wurde noch zusätzlich einer Intensivreinigung durch die Firma unterzogen, die regelmäßig nach Howards und Sarah-Janes Partys ins Haus kommt.
Howard wollte, dass das Sternenbanner über dem Bett aufgehängt wird, aber Sarah-Jane überredete ihn zu ein paar unaufdringlichen Porträts prominenter Amerikaner – Abraham Lincoln, Franklin D. Roosevelt – und zu einem Foto von Armstrong, wie er auf dem Mond herumtapst, neben dem Badezimmer.
Die Minibar, wie Howard die Kühlschränke in den Hotelzimmern seit einiger Zeit nennt, ist mit Whisky aufgefüllt worden, nachdem sie den Tipp bekommen haben, dass Kissinger gerne heimlich ein Schlückchen nimmt. Über dem Kamin stehen ein paar schwergewichtige Bände, Biografien sowie griechische und lateinische Klassiker. Er soll ein Intellektueller sein. Auf Anweisung seiner Bodyguards sind sowohl das Zimmer als auch das angrenzende Badezimmer gründlich auf versteckte Kameras und Mikrofone abgesucht worden. Auf dem Tisch steht ein Obstkorb. Das Nachbarzimmer ist für Kissingers Entourage hergerichtet worden, die normalerweise verschlossene Verbindungstür ermöglicht ihnen den sofortigen Zutritt. Das Queen-Size-Bett hält in Erwartung des gewichtigen 55-jährigen Staatsmanns den Atem an. Der Toilettensitz hofft, dass ihm die Aufmerksamkeit seines Hinterteils zuteilwird. Jeder Winkel des Zimmers ist bereit für den bisher bedeutendsten Gast des Hotels. Vor zwanzig Minuten ist er von zwei Bodyguards, an deren Revers winzige US-Flaggen steckten, hinaufbegleitet worden. Graham hat den Mann kaum zu Gesicht bekommen, denn er war deutlich kleiner als erwartet, so wie es häufig bei Berühmtheiten der Fall zu sein scheint. Er hat Mr. Kissinger ehrerbietig zugenickt und die ganze Schar wie eine Fahrzeugkolonne an sich vorbeiziehen lassen.
Doch jetzt befinden sich die Bodyguards auf dem Treppenabsatz, und ein kurzer Wortwechsel erreicht Grahams Ohr als eine Folge gedämpfter Laute. Einer der Männer geht auf der Galerie entlang Richtung Lift, der in Amerika »elevator« heißt, fällt Graham ein. Er wartet auf das Piepsen und die automatische Öffnung der Türen, und dann kommt der Bodyguard oder Assistent oder was auch immer durch die Halle gelaufen. Seine braunen Lederschuhe, wie er mit ihnen über den Boden schlurft, der offene Kragen, sein Gewicht, all das hat etwas typisch Amerikanisches.
»Äh, wir brauchen ein anderes Zimmer«, wendet sich der Amerikaner an Graham und kommt ihm dabei so nah, als müsse er eine vertrauliche Mitteilung machen, obwohl er seine Stimme überhaupt nicht senkt. Vielleicht gehört er wie Howard zu den Leuten, die ihre Stimme überhaupt nicht senken können.
»Verzeihung, meinten Sie ein zusätzliches Zimmer zu dem, das Sie bereits haben?«
»Nein. Ein anderes Zimmer hier unten für Mr. Kissinger.«
Graham räuspert sich. »Darf ich fragen, was mit dem Zimmer …«
»Zu weit oben«, schnauzt der Besucher. »Es könnte ein Feuer ausbrechen oder so. In den Zimmern sind Kamine. So was kann passieren. Mr. Kissinger ist dann dort eingeschlossen. Ist ein Sicherheitsrisiko. Er braucht ein Zimmer im Erdgeschoss.«
»Es hat bei uns noch nie gebrannt«, fühlt sich Graham genötigt zu betonen. »Und es gibt natürlich Vorkehrungen, falls …«
»Wir brauchen ein Zimmer im Erdgeschoss«, wiederholt der Mann.
»Es tut mir leid, Sir«, sagt Graham, »alle Zimmer im Erdgeschoss sind heute Nacht bereits belegt, selbst Zimmer 9, das wir normalerweise bis zum Schluss frei halten. Ich weiß nicht genau, ob ich etwas für Sie tun kann, aber ich werde es auf jeden Fall versuchen.«
»Was ist denn das hier für ein Laden?«, blafft Kissingers Assistent.
»Wie meinen Sie das?«
»Wir hätten überall in London absteigen können. Wir sind nur hier gelandet, weil jemand im Büro ein Kumpel von Ihrem Chef ist – Herbert?«
»Howard. Mr. Howard York.«
»Also, deswegen jedenfalls sind wir hier gelandet, und jetzt ist einer der berühmtesten Männer der Welt hier und Sie wissen nicht, ob Sie das passende Zimmer auftreiben können? Drum meine ich, was ist denn das für ein Laden?«
»Ich erkläre Ihnen gerne, was das für ein Laden ist«, sagt Graham und stellt sich auf die Zehenspitzen, sodass er den Bodyguard um ein paar Zentimeter überragt, als sie sich über den Tresen aus Walnussholz hinweg ansehen. »Das erkläre ich Ihnen gerne. Das Alpha ist Londons führendes Hotel, und Sie werden im ganzen Land kein Vergleichbares finden. Es ist vielleicht nicht das Haus, das am lautesten schreit. Aber Sie werden hier alles vorfinden, was Sie sich nur wünschen. Wir bekommen alles hin. Selbst in einer Situation wie dieser – wo sich Ihre Wünsche geändert haben, ohne dass wir uns darauf vorbereiten konnten – werden wir ganz sicher einen Weg finden, Sie zufrieden zu stellen. Die Gäste leben hier in diesem Hotel. Sie gehen hier ihren Geschäften nach. Und wir unterstützen sie dabei.«
Danach tritt Stille ein. Graham räuspert sich. Er wünscht sich einen Schluck Wasser aus der Karaffe, die immer in dem Fach hinter ihm bereitsteht, aber es wäre unpassend, dem Gast den Rücken zuzukehren. Er überlegt, ob er bereits zu weit gegangen ist. Kissingers Gehilfe lehnt sich vor, und sein gebieterischer Blick ist einem flehenden Ausdruck gewichen.
»Hey Mann«, sagt er, »tut mir leid, wenn ich vielleicht ein bisschen … Aber der Kerl ist furchterregend … Er braucht nur … und dann … wissen Sie, was ich meine?«
Er fährt sich in einer heftigen Bewegung mit der Handkante über die Kehle.
»Er kann Sie feuern?«
»Natürlich kann er das.« Seine Stimme ist nur noch ein Flüstern. »Aber das habe ich damit nicht gemeint. Er kann mich … er kann tun, was er will. Was er will, verstehen Sie?«
»Ich verstehe.«
»Und darum meine ich … ich brauche einfach Ihre … darf ich fragen, wie Sie heißen?«
»Graham Adam.« Graham streckt ihm die Hand hin, aber Kissingers Assistent sieht daran vorbei, sein beschwörender Blick trifft Grahams Gesicht.
»Sir, Mr. Adam, ich wäre Ihnen wirklich zu tiefstem Dank verpflichtet, wenn Sie mir, äh, weiterhelfen und den Kerl irgendwo hier im Erdgeschoss unterbringen könnten. Wenn ich Ihnen mit einer kleinen Gratifikation, äh, …« Er klopft dabei auf seine Brusttasche, als würden die Banknoten daraus hervorspringen wie Lachse aus einer Stromschnelle.
»Ich werde das hinkriegen, wie Mr. York es formulieren würde.«
Der Amerikaner sieht ihn an, tupft sich die Stirn ab und dreht sich dann um zur obersten Galerie, von wo aus, wie Graham nun bemerkt, sein Kollege den ganzen Wortwechsel beobachtet hat. Er gibt ihm ein bejahendes Zeichen, was der andere nicht wahrzunehmen scheint. Er bewegt sich einfach langsam zurück in das Zimmer, das einen ganzen Tag lang für Kissinger vorbereitet worden ist.
Graham und der Amerikaner stehen da, zwei rechte Hände berühmter Männer. Der Amerikaner, der sich anscheinend wieder beruhigt hat, greift nun in die Tasche, die einen Moment vorher Geld auszuspucken drohte, und holt eine kleine silberne Packung hervor.
»Kaugummi?«
»Für mich nicht, danke.«
Graham hat noch nie einen Kaugummi probiert. Er sieht zu, wie der andere schweigend vor sich hin kaut.
»Das hier ist wirklich ein sehr schönes Hotel«, sagt der Amerikaner. »Hat mir gefallen, was Sie darüber gesagt haben. Wie alt ist es? Kann man bei so einem Gebäude immer schwer einschätzen.«
»In dieser Form gibt es das Hotel erst seit fünfzehn Jahren«, erläutert ihm Graham. »Aber es war vor langer Zeit bereits einmal ein Hotel. In viktorianischer Zeit. Wittgenstein soll schon hier übernachtet haben. Und Wilde.«
»Wild?«
»Wilde. Oscar Wilde.«
»Wer soll denn das sein?«, fragt der breitschultrige Mann, aber bevor Graham es erklären kann, hat sich der andere Bodyguard schon auf den Weg gemacht, und Graham überlegt, wie er einen Gast aus einem der unteren Zimmer – das dann einer Schnellreinigung unterzogen werden müsste – in ein Zimmer befördern kann, das unübersehbar für eine der einflussreichsten Persönlichkeiten Amerikas vorbereitet worden ist.


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