Hotel Alpha

STORY 25: Zimmer 25 (1995)

Mercedes manövriert den Reinigungswagen vor sich her durch die Gänge. Er kommt ihr manchmal vor wie ein verzogenes Haustier, das sie zu versorgen hat. Er stößt gegen Ecken und hinterlässt Schrammen in der Wandfarbe. Sein Gerumpel erschreckt die Gäste in ihren Zimmern. Wenn sie dann an die Tür klopft und »Zimmerreinigung« ruft, sollte man eigentlich davon ausgehen können, dass man sie bereits gehört hat. Und ihr Klopfen ist auch wirklich ein Klopfen. Sie klopft immer zweimal fest an, wie ihre Chefin Mrs. Davey es verlangt. Wenn sie dann schließlich ihren Generalschlüssel ins Schloss schiebt, sollten die Leute ausreichend gewarnt sein. Und trotzdem trifft man immer wieder mal Gäste unbekleidet an. Agatha ist das vor ein paar Jahren passiert, als sie für ein Zimmermädchen einsprang. Da streckte ihr so ein Kerl seinen weißen Hintern entgegen. Agatha brachte mit ihrer Erzählung im Personalzimmer dann alle zum Lachen, aber Mercedes hätte es nicht so lustig gefunden, wenn es ihr selbst passiert wäre. Die Briten halten die »Latinos« ja für ein sehr sinnliches Volk, das mit dem Körperlichen sehr offen und unverkrampft umginge. Das mag ja sein, aber sie kann trotzdem darauf verzichten, dass ihr ein fremder Mann den Hintern entgegenstreckt. Sie möchte nicht die erste Person sein, die ein Gast nach dem Aufwachen zu Gesicht bekommt, und kommt nicht gerne als Dritte in ein Zimmer, in dem ein Paar eben noch eng umschlungen im Bett lag. Sie würde lieber an der Bar arbeiten, als die Runde durch die Gästezimmer zu machen. In der Bar trifft man wenigstens niemanden in Unterwäsche an – obwohl man im Alpha da nie ganz sicher sein kann.
Kurz denkt sie an Agatha: Sie hat öfter mal auf diesem Stockwerk übernachtet. Es sollte eigentlich geheim bleiben, aber in einem Hotel lässt sich schwerlich etwas geheim halten. Im Personalzimmer brodelt immer die Gerüchteküche, und über die Gründe für Agathas Weggang kursierten alle möglichen Theorien. Eine Zeit lang wurde über nichts anderes gesprochen. Aber viele der Mädchen von damals sind inzwischen ebenfalls gegangen, und vom Zimmerpersonal sind aus dieser Zeit nur noch sie selbst und Mrs. Davey übrig, und das Thema Agatha wird nicht mehr diskutiert.
Die 24 war leer. Sie hat die Betten gemacht, auf Knien das Badezimmer geschrubbt und poliert und dabei den Gedanken an die Leute, die es benutzen, verdrängt. Dann hat sie die wie Abfall auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke aufgesammelt – sie aber nicht zusammengefaltet, wie Mrs. Davey es immer tut. Mercedes betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, sich um verstreute Kleidung zu kümmern. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Unordnung Menschen in ihren Zimmern anrichten können. Wenn Mercedes in einem so netten Hotel wie diesem Gast wäre, würde sie ihre Sachen nicht so rumwerfen. Sie wäre stolz darauf, weil sie wüsste, dass Putzfrauen hereinkämen und es sähen. Eines Tages würde sie gerne zu den Menschen gehören, die in Hotels wohnen, nicht mehr zu denen, die hinter den Menschen, die in Hotels wohnen, herräumen müssen.
An die Tür von Zimmer 25 muss sie nicht klopfen, denn ein Japaner steht schon auf der Türschwelle, blockiert ihr die Sicht ins Zimmer und deutet besorgt auf ihren Wagen. Er spricht demonstrativ leise: »Sagen Sie, wäre es in Ordnung, wenn Sie nicht zum Saubermachen reinkämen? Unser Baby schläft gerade, und das wäre sonst ein bisschen laut.«
Mercedes nickt, aber insgeheim ärgert sie sich über den Unterton dieser Frage. Er bittet sie nicht nur, ihn nicht zu stören, sondern auch, mit ihrem Reinigungswagen leiser zu sein.
»Unser Baby schläft gerade«, sagt der Mann noch einmal.
Mercedes überspringt die 26 und biegt um die Ecke der Galerie zur 27. Sie klopft an die Tür, niemand antwortet, sie tritt ein, leert einen weiteren Papierkorb, zieht ein weiteres Laken straff und hat den Japaner auch schon wieder vergessen.
Doch als sie zwei Tage später wieder dort oben ist, passiert ihr das Gleiche. Sie bugsiert den Trolley aus dem Lift, kämpft sich den Gang entlang, und als sie in Sichtweite des Zimmers ist, in dem das Paar wohnt, öffnet sich wieder die Tür und der Mann streckt seinen Kopf heraus. Diesmal trägt er einen weißen Alpha-Bademantel. Sein Haar ist nass und klebt an seiner Stirn. Er zieht eine entschuldigende Grimasse und mustert den Trolley, als habe sie ihn unpassender Weise zu einer Party mitgebracht.
»Wäre es in Ordnung, wenn Sie nicht reinkommen?«, fragt er und blinzelt dabei. »Es dauert immer so lange, bis sie einschläft, wissen Sie.«
Mercedes nickt, natürlich, völlig in Ordnung. Der Zimmerbewohner lächelt seltsam, entweder berechnend oder verlegen, das lässt sich schwer sagen, aber irgendetwas stimmt nicht, als er die Tür schließt. Er schließt sie einfach zu eilig. Mercedes bleibt einen Augenblick wie angewurzelt stehen, und nachdem sie sich kurz umgesehen hat (denn was sie vorhat, könnte ihr Ärger einbringen), drückt sie das Ohr an die Tür. Sie hält den Atem an. Nach kurzer Zeit hört sie eine Frau trocken lachen und dann ein Geräusch, das sie nicht zuordnen kann: vielleicht etwas, das in eine Schale geleert wird?
Als sich auf dem Gang eine Tür öffnet, springt Mercedes schnell weg von ihrem Horchposten, aber sie hat bereits genug gehört, um ein komisches Gefühl zu haben. Sie ist fast sicher, dass sich kein Baby in diesem Zimmer aufhält.
Als sie mitten am nächsten Vormittag wieder dort vorbeikommt, hängt das »Bitte nicht stören«-Schild an der Türklinke. Die neuen Schilder waren zuerst nur mit der Aufschrift »Nicht stören« aus der Druckerei gekommen. Daraufhin hatte Graham sie zurückgeschickt und das erste Wort einfügen lassen. So oder so sagt das alles: Der Gast ist König oder Königin. Wenn er sagt, man solle wegbleiben, dann hat man wegzubleiben. Dennoch bleibt sie eine Weile vor der Tür stehen. Weil aus der Halle eine laute Unterhaltung nach oben schallt, ist es schwer, irgendetwas zu verstehen. Aber sie hört, dass der Fernseher läuft; sie hört Gekicher, die Stimme der Frau von gestern. Würden sie den Fernseher zur Schlafenszeit ihres Babys laufen lassen? Würde man nicht das Baby hören? Natürlich könnte einer von den beiden mit dem Kind einen Spaziergang um den Block machen. Vielleicht auch findet es die Fernsehgeräusche beruhigend. Hugos Baby konnte nur beim Klang von Hugos Bongotrommeln schlafen, und eine Nacht lang saß er sieben Stunden lang da und trommelte, weil er sich nicht traute, das Kleine allein zu lassen.
Doch hier geht etwas anderes vor, da ist Mercedes sich sicher. Aber da hängt nun mal das »Bitte nicht stören«-Schild. Und obwohl sie ihren Schlüssel ins Schloss stecken könnte und sich die Tür damit wie üblich öffnen ließe, kommt es ihr so vor, als habe er angesichts des Schildes seine Macht verloren. Andere Zimmermädchen würden, wenn ihnen der Verdacht nur schwerwiegend genug erschiene, der Versuchung nicht widerstehen können und eintreten. Sie müssten nur vorher das »Bitte nicht stören«-Schild in einen Wäschesack stopfen und so tun, als habe es gar nicht da gehangen. Aber entweder ist Mercedes’ Verdacht nicht schwerwiegend genug, oder sie ist einfach nicht der Typ dafür. Vielleicht später einmal. Später, wenn sie nichts mehr zu verlieren hat.


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