Hotel Alpha

STORY 26: Auf der Euston Road und in Zimmer 55 (1977)

Auf dem Weg zurück zum Hotel ist sie so glänzender Laune, dass sie für einen Augenblick glaubt, sie könne alles schaffen. Es hat nichts mit dem Alkohol zu tun, sie hat kaum etwas getrunken. Es liegt auch nicht allein an »SOS« von ABBA, auch wenn ihr dieses unwiderstehliche Lied unaufhörlich im Kopf herumgeht – als ströme die Melodie durch ihr Blut und hebe sie dadurch über die rostige Kuppel des Planetariums hinweg empor in die Lüfte. Es ist alles zusammen. Es war ein so großartiger Abend. Die Plauderei mit dem Ägypter, der sich für alles zu interessieren schien, was sie von sich gab, und die ganze Zeit die berauschende Gewissheit, dass sie es sich trotz seiner Attraktivität leisten konnte, ihn nie wiederzusehen. Das Wissen darum, dass sie sehr gut angezogen war. Die Zeit, die vor ihr lag, die künftigen Jahrzehnte ihres Lebens erstrecken sich vor ihr wie ein Fluss, der in viel weitere Fernen fließt, als das Auge blicken kann.
Und als sie um die Ecke in die Euston Road einbiegen, muss sie an das Bild denken, das sie heute Morgen beim Aufwachen an der ihrem Bett gegenüberliegenden Wand erblickt hat: ein Foto von Neil Armstrong in seiner weißen, roboterartigen Montur, wie er den Mast mit dem Sternenbanner auf einem Felsen mehr als 380000 Kilometer entfernt von der Erde aufstellt. Ein Ereignis, möglich gemacht durch den Optimismus und die Entschlossenheit der Menschheit. Beim Gedanken an das Bild beschließt sie: Ich werde es tun. Ich werde bei Boots kündigen, bei meinem Bankberater einen Geschäftskredit beantragen und mit Kevin reden, der in einem Kosmetiklabor arbeitet, und ich werde all mein Wissen über Parfüm nutzen, und ich hole Melissa mit ihrer Werbeagentur ins Boot, und ich werde mein eigenes Parfüm kreieren und damit Erfolg haben.
Doch als sie in ihr Zimmer zurückkommt, ist das Bild verschwunden. Sie hält das für so unwahrscheinlich, dass sie jede mögliche Erklärung dafür durchspielt. Sie setzt sich aufs Bett und sucht alle vier Wände ab, falls sie sich an die falsche Stelle erinnert oder nach dem Aufwachen noch benommen war. Dann geht sie ins Badezimmer, für den Fall, dass sich das Bild dort befindet, und sogar hinaus auf die Galerie. Aber dort hängt kein Bild, an den Wänden dort draußen hängt überhaupt nichts. Sie kehrt in ihr Zimmer zurück. Vielleicht hat sie das Bild einfach nicht gesehen, obwohl es die ganze Zeit dort hängt. Aber dem ist nicht so.
Hilary Thomas setzt sich wieder aufs Bett. Sie überprüft, ob die Gegenstände noch auf dem Nachtkästchen liegen, die sie dort gelassen hat: eine Kette, eine ausländische Münze, die sie aus ihrer Handtasche geangelt hat, ein paar Haargummis. Alles vorhanden, im falschen Zimmer kann sie also nicht sein. Was sowieso nicht möglich ist, denn dort wäre sie doch sicher gar nicht erst hineingekommen. Doch wenn das Bild tatsächlich hier gehangen hat, dann muss es jemand in den wenigen Stunden, seit sie zuletzt im Zimmer war, entfernt haben. Und dafür gibt es doch keinen Grund, oder?
Es ergibt einfach keinen Sinn. Und wenn Dinge keinen Sinn ergeben, gibt es zwei Möglichkeiten: weiter darüber nachzudenken, bis sie einen Sinn ergeben (die wissenschaftliche Herangehensweise) oder sich mit dem Faktum anzufreunden, dass das Universum eben kein schlüssiges Konstrukt ist, sondern eine endlose Abfolge von Ereignissen, denen niemand wirklich folgen kann (vielleicht die menschlichere Sicht auf die Dinge). Wie auch immer, sie sollte in der Lage sein, das Rätsel des fehlenden Bildes ad acta zu legen. Es ist nicht wirklich wichtig und hat ganz gewiss keine Relevanz für ihre Idee, eine Parfümfirma zu gründen, die ihr vor einer Stunde noch so verlockend und erreichbar erschien. Zugegeben, das Armstrong-Bild hat sie zu dieser Idee inspiriert, und sie hat gehofft, sein Anblick würde ihr bei ihrer Rückkehr weiteren Auftrieb verleihen. Aber das alles hängt doch nicht allein von dem Bild ab, oder? Entweder eine Geschäftsidee ist gut, oder sie ist es nicht. Und ihre Idee ist gut. Gerade eben ist sie noch überzeugt davon gewesen, dass die Idee gut war. Gut ist.
Doch als sie jetzt aufsteht und ins Badezimmer hinübergeht, um zur Beruhigung ein Glas Wasser zu trinken – womit sie sich in eine lange Tradition von Menschen einreiht, die in diesem Zimmer und in allen Zimmern dieses Hotels das Gleiche getan haben – kommt ihr die Idee nicht mehr besonders realistisch vor. Sondern eher wie das, was ihre deutsche Freundin Heike als »Schnapsidee« bezeichnen würde, über die man in nüchternem Zustand nur lachen kann.
Kann das Verschwinden des Bildes (wenn es denn überhaupt da gehangen hat) ihren heutigen Entschluss, ihr Leben zu ändern, untergraben haben? Ist das tatsächlich möglich? Oder wird die Idee, wenn sie stark genug ist, wiederkehren und sie zu einem anderen Zeitpunkt überzeugen? Wie läuft so was?
Darüber soll ein anderer grübeln. Jemand, der alles versteht. Hilary blickt in den Badezimmerspiegel, der vom Duschen vorhin immer noch leicht beschlagen ist, und versucht aus dem Gesicht, das ihr entgegenblickt, schlau zu werden.


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