Hotel Alpha

STORY 27: Auf der Galerie in der zweiten Etage (1995)

Folgt er mir?, fragt sich Valerie Davey und wirft einen Blick über ihre Schulter auf den kleinen Mann, der sich nun an eine Wand drückt und so tut, als sehe er auf die Uhr. Das ist nun schon das vierte Mal, dass sie sich umdreht, während sie den Wagen über die Galerien bugsiert, und den Mann in der Nähe herumlungern sieht. Als sie sich durch die Zimmer arbeitet, Betten abzieht, Handtücher faltet, Desinfektionsmittel in die Toiletten gießt und Papierkörbe leert, kann sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass er durch die offenstehenden Türen in die Zimmer spitzt. Aber warum sollte jemand so etwas tun?
Natürlich hört man immer wieder mal von Spannern und allen möglichen Spinnern. Wie dieser Mann vor Jahren an der Tankstelle. Aber hier gibt’s doch nichts zu sehen. Anscheinend schaut er bewusst in die Zimmer, von denen er weiß, dass sie leer sind.
Die 25. Dieses Zimmer ist schon seit Jahren nicht mehr in Ordnung. Mit der Tür stimmt etwas nicht, seit sie dieser Herr eingetreten hat, dessen Frau mit dem Ring geworfen hat und was noch alles. Das war wirklich eine lustige Szene damals. Ein komischer Typ. Seither geht die Tür nicht mehr auf Anhieb auf. Auch abgesehen davon ist an dem Zimmer irgendwas seltsam. Agatha – mein Gott, was wohl aus ihr geworden ist? – hat sich diesbezüglich immer ein bisschen merkwürdig verhalten, immer ein bisschen geheimniskrämerisch, obwohl die Frau mit ihrem lauten Organ doch wirklich nicht mal unter Lebensgefahr ein Geheimnis hätte bewahren können.
Valerie hält ihren Reinigungswagen abrupt an und läuft die Galerie zurück, als habe sie etwas vergessen. Der dünne Mann schrickt zusammen wie ein Mäuschen und drückt sich mit völlig unglaubwürdiger Unbefangenheit an eine Tür. Noch nie in ihrem ganzen Leben ist ihr jemand untergekommen, der so verschlagen aussieht.
»Alles in Ordnung bei Ihnen, Sir?«, fragt sie. Sie nennt solche Leute eigentlich nicht gerne Sir. Aber wenn man sie auf dem falschen Fuß erwischt, wie jetzt, dann macht es natürlich Spaß, Sir zu sagen.
»Ja, völlig, äh, alles klar«, sagt der merkwürdige kleine Mann nervös und drückt sich noch enger an die Tür. »Ich bin gerade, äh, auf dem Weg zurück ins Zimmer.«
»Das ist der Trockenschrank«, erklärt Valerie und deutet mit ihrem knochigen Arm auf die Tür.
»Ach ja, stimmt«, antwortet der in die Ecke getriebene Mann. Während er noch nach einer Erklärung sucht, erlöst Valerie ihn, indem sie sich umdreht und pfeifend zurück zur 25 geht. Weiß der Himmel, was der ausheckt. Aber vermutlich nichts Gefährliches. Was Zwielichtiges, aber nichts Gefährliches. Am besten, man lässt ihn einfach in Ruhe. Es gibt wirklich alle möglichen Spinner.


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