Hotel Alpha

STORY 29: An der Rezeption (1978)

Am Ende geht es allen Schauspielern so. Nein, nicht allen. Den ganz Großen nicht. Es gibt welche, die selbst mit über siebzig noch umschwärmt werden. Je älter sie werden, desto höher steigen ihre Aktien, desto mehr Rollen als weiser Großvater, tragischer Witwer oder verhutzelter Mentor bekommen sie. Sie werden dafür bewundert, wie leicht sie in die unterschiedlichen Rollen schlüpfen können, und zugleich hat diese Bewunderung auch noch einen ganz paradoxen Aspekt: Sie werden mehr und mehr dafür gerühmt, sie selbst zu sein. Egal, wie brillant ihre Schauspielkunst ist, egal, wie sehr sie hinter dem fiktionalen Charakter, den sie verkörpern, zurücktreten …
Stopp, Moment mal, denkt Lionel Rathbone, habe ich auch meinen Zimmerschlüssel mitgenommen? Natürlich nicht. Ich habe ihn verdammt noch mal im Zimmer liegen lassen. Verfluchte Scheiße.
… ja, trotz ihrer geradezu chamäleonhaften Wandelbarkeit sind doch die Schauspieler beim Publikum am beliebtesten, die man sofort wiedererkennt, die, bei denen der Zuschauer gleich denkt: »Ach, das ist doch der gute, alte Soundso, den mag ich.« Die Stars müssen sich keine Sorgen machen, dass ihnen ihre Karriere zwischen den Fingern zerrinnt. Die können weitermachen, bis sie tot umfallen, und dann wird ihrer gedacht, indem die BBC alle ihre Filme wiederholt.
Lionel tastet sein Samtjackett ab und wühlt in seinen Hosentaschen, aber der Schlüssel ist nirgends zu finden. Die Türen des Lifts öffnen sich und geben den Blick auf sein Stockwerk frei, aber das nützt ihm nichts. Er muss in dem dämlichen Lift bleiben, sich wieder zur Rezeption bemühen und den Mann nach einem Ersatzschlüssel fragen.
Er drückt den Knopf und spürt, wie der Raum unter ihm wegsackt, aber natürlich fährt der Lift nicht direkt ins Erdgeschoss, natürlich nicht. Jetzt, wo er es plötzlich so eilig hat, in die Halle zu gelangen, hält der Lift in jeder Etage an. Ein selbstgefällig strahlendes Paar in Abendkleidung. Zwei quasselnde Ausländer. Jeder zusteigende Gast wirft einen desinteressierten Blick auf Lionel, der nur zu bestätigen scheint, was ihm bereits dämmert: Er ist unwichtig. Er war mal wichtig, aber inzwischen ist er unwichtig. Und in den folgenden zwanzig, dreißig, vierzig Sekunden dieser endlosen Fahrt nach unten scheint alles zusammenzukommen: seine Blödheit, den Schlüssel im Zimmer liegen zu lassen, die Tatsache, dass er nie den Lear im Westend spielen wird und dass nach der Mausefalle wohl nichts Besseres mehr nachkommen wird. Das daraus resultierende Gefühl, dass jeder Fremde förmlich riechen kann, dass er ein Versager ist.
Ich wünschte, ich wäre tot!, denkt Lionel, während er aus dem Lift trottet und das wohlhabend aussehende Paar an sich vorbei Richtung Tür schlendern lässt. Das ist ein idiotischer Gedanke, aber diese Erkenntnis ändert nichts an seiner Wucht. Er hatte ihn schon vorher, sogar schon bevor er dieses Gebäude betreten hat. Wirklich seltsam, wie unvermittelt solche Gedanken einen überfallen und wie beeindruckend real sie sein können, wenn auch zugleich völlig absurd. Schon als er bereits an der Rezeption steht und den Portier anblickt, brütet ein Teil seines Hirns noch solche Fantasien aus: wie er tot in seinem Zimmer aufgefunden wird und die darauffolgende allgemeine Bestürzung. Er muss sich gewaltsam aus diesen Gedanken reißen.
»Ich habe meinen Schlüssel …«, setzt er an.
»Ja«, antwortet der Portier sofort, »Mr. Rathbone, nicht wahr? Zimmer 50?«
Wie sich seine Stimmung sofort aufhellt, wie er sich plötzlich aufrichtet und seinen Blick zum Glasdach hebt. Was für ein Unsinn zu glauben, niemand erkenne ihn. Dieser Mann hier, einer von Tausenden, erkennt ihn – obwohl er doch jeden Tag unzählige Leute zu Gesicht bekommt. Der Portier ist sicher einer der vielen Menschen, die Lionel im Laufe seiner Karriere begeistern konnte. Man denkt darüber gar nicht nach, man vergisst so leicht, wie viel Freude das eigene Werk anderen Menschen bereitet hat.
»Vielen Dank«, sagt er, als er den Schlüssel an seinem schweren hölzernen Anhänger entgegennimmt, und versucht mit seiner Stimme zu vermitteln, dass sein Dank nicht nur dem erhaltenen Schlüssel, sondern auch der Erinnerung an seine Erfolge gilt. Dafür, dass der Portier mit nur einem Satz eine Empfindung in ihm wiedererweckt hat, die ihm gefährlicherweise gerade zu entgleiten drohte: die Empfindung, dass das eigene Leben erfüllt ist von Sinn und Anerkennung.
»Gern geschehen«, sagt Graham und nickt dem Gast zum Abschied gentlemanlike zu. Wie immer hat er sich dessen Namen mühelos merken können. »Rathbone« ist eines dieser sperrigen Wörter, die im Gedächtnis hängen bleiben. Mr. Rathbone scheint zu glauben, dass sie sich kennen, so wie er ihm beim Gehen zugezwinkert hat. Doch Graham hat nicht die geringste Ahnung, wer das ist.


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