Hotel Alpha

STORY 3: In Zimmer 21 (1973)

Die fünfundvierzigjährige Mathematikerin und Physikerin, Anita Chaudry, geboren in Neu-Delhi, liegt in der Badewanne. Sie stützt dabei ihren Kopf auf die Wasserhähne, was jedem anderen Menschen unsinnig erscheint, sie selbst aber bereits als kleines Mädchen schon so gemacht hat. Sie betrachtet die quadratischen, abwechselnd schwarzen und weißen Fliesen rund um die Wanne, die sich im gesamten Badezimmer fortsetzen und so das Schachbrettmuster aus der Hotelhalle wieder aufnehmen.
Als Teenager musste sie sich langwierigen Zahnbehandlungen unterziehen, und um sich abzulenken, entwickelte sie die Fähigkeit, beliebige Objekte, wie etwa Regentropfen auf einer Fensterscheibe, beinahe reflexartig und mit größtmöglicher Schnelligkeit zu zählen. So kann sie nun mit annähernder Sicherheit sagen, dass sich an den Wänden um sie herum 446 Fliesen befinden. Sie stellt sich vor, dass sie die Namen aller Menschen, die sie im Laufe ihres Lebens kennengelernt hat, ringsum auf die Wände schreibt, auf jede Fliese einen. Mit schwarzer Schrift auf die weißen Fliesen und mit weißer Schrift auf die schwarzen Fliesen. Ihr wird bewusst, dass sie dazu deutlich mehr Fliesen bräuchte, als hier vorhanden sind. Sie könnte durch jedes Badezimmer auf diesem Stockwerk gehen und – vorausgesetzt, sie hätte genug Zeit, um ihrem Gedächtnis alle Namen zu entreißen – auf jede einzelne Fliese einen Namen schreiben. Angesichts dessen ist es schon merkwürdig, dass es keinen einzigen Menschen gibt, den sie anrufen könnte, um ihm zu erzählen, dass sie sich von Rick scheiden lassen möchte, dass ihre Ehe nicht mehr funktioniert und dass sie nicht weiß, was sie tun soll.


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