Hotel Alpha

STORY 30: Zimmer 25 (1992)

Agathas Koffer ist gepackt. Genau genommen ist es Grahams Koffer, er hat ihn auf dem Speicher gefunden. Sie wird nicht viel Kleidung mitnehmen. Sie hat einiges der Wohlfahrt gespendet, die es zugunsten pensionierter Soldaten verkauft. Ein bauschiges rot-gold-schwarzes Abendkleid, das ihr schon zu klein war, als sie es erwarb, hat sie aus einer Laune heraus in Zimmer 9 gelassen, wo die Schätze lagern, die Leute im Hotel vergessen haben. Es gehörte nie zu ihren Lieblingskleidern, aber sie trug es, als sie und Graham zum ersten Mal im Rauchersalon miteinander tanzten.
Den Zettel hat sie heute Morgen in der Küche geschrieben und ihn den ganzen Tag in ihrem BH versteckt mit sich herumgetragen. Da wird wohl niemand rankommen, hat sie sich gesagt und ein bisschen lachen müssen, als sie ihn dort hineinstopfte. Jedenfalls nicht gleich. Allerdings wäre es einfacher gewesen, ihn überhaupt erst jetzt zu schreiben. Vielleicht wollte sie ja, dass er herausfiel, dass jemand sie darauf ansprach, und dann hätte sie es sagen müssen, und alles wäre herausgekommen. Die Wahrheit wäre zum Vorschein gekommen wie der Zettel aus ihrem Ausschnitt.
Wer immer das liest!
Ich wollte nicht weggehen.
Howard York ist ein schlechter Mann.
Howard York hat alle belogen.
Howard York wird zur Hölle fahren.
Den Zettel wird sie in ihre Bibel stecken, die sie ebenfalls hier lassen wird. Das Buch war sehr lange in ihrem Besitz, sie hatte es aus Barbados mitgebracht. Von allem, was von dort stammt, ihr Ehemann und ihr Sohn eingeschlossen, ist die Bibel wohl das Einzige, was sie noch immer besitzt. Es ist richtig, dass sie sie hierlässt. Es ist richtig, dass sie als Sachwalter der Gerechtigkeit hier bleibt. Agatha wird sich nicht widersetzen, wenn es Gottes Wille ist, dass sie gehen muss. Sie wird Graham nicht in Schwierigkeiten bringen. Aber dieses Buch wird die Sache für sie in die Hand nehmen.
Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR.«
Doch wann wird Er es Howard vergelten? Lesen die Menschen hier die Bibel? Dies ist ein gottloses Land, und dieses Hotel ein merkwürdiger Ort. Die Leute sehen sich Popstars im Fernsehen an. Sie essen Nieren zum Frühstück. Sie schlafen mit Fremden. Sie gehen nicht zur Kirche. Aber dennoch wird es bestimmt irgendwer lesen. Derjenige wird wie alle irgendeine sündhafte Sendung, irgendeinen Blödsinn im Fernsehen ansehen, über sein Leben nachdenken, und ihm wird aufgehen, dass er sterben muss. Dann wird derjenige aus der Nachtkästchenschublade die Bibel hervorholen. Und aus dem Buch der Bücher wird ihm der Zettel entgegenflattern.
Sie hebt den Koffer auf, als hätte er kein Gewicht. Sie wird den Lift nach unten nehmen. Sie hat Lifts nie gemocht und mag sie immer noch nicht. Sie hat immer Angst, darin stecken zu bleiben. Aber jetzt ist keine Zeit für solche Ängste, denkt sie. Heute wäre ein guter Tag, um darin stecken zu bleiben. Alles wäre besser, als zum letzten Mal durch diese Tür gehen zu müssen. Acht Jahre hat sie hier gearbeitet, und wenn man sie gelassen hätte, dann hätte sie das auch weiterhin getan, bis man sie mit den Füßen voran hinausgetragen hätte wie die arme Frau damals. Die arme Frau, die dem sündenbeladenen Howard York begegnet und schwach geworden ist. Die silberne Tafel mit den Knöpfen für die Stockwerke ist von Fingerabdrücken übersät. Sie zieht ein Papiertaschentuch hervor, spuckt darauf und poliert die Tafel, bis die Türen sich öffnen.
Wenn Graham sie nachher nach Hause fährt, wird sie sich ein Spielchen erlauben. Sie wird an ihrer Haustür so tun, als ob der Schlüssel im Schloss klemmt, sodass das Öffnen ein wenig dauert. Sie wird einen Blick hinter sich werfen, um zu sehen, ob Graham ihr dabei zuschaut. Wenn ja, dann wird sie wissen, dass er das Gleiche gefühlt hat wie sie. Das Gleiche fühlt wie sie jetzt – wenn sie es zuließe, wenn Graham nicht verheiratet wäre. Dann wird sie wissen, dass es wahr gewesen ist.


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