Hotel Alpha

STORY 31: In der Alpha-Bar (1971)

»Cheese!«
Die Jungs posieren zu acht, vier vorne, vier hinten, und die berühmte Trophäe steht mit Champagner gefüllt auf einem Tisch vor ihnen. Und als hätte er den Pokal gewonnen, kniet ganz vorne Howard York, der Kerl, dem der Laden hier gehört. Und seine Frau richtet die Kamera auf sie alle.
Seit dem Schlusspfiff ist alles nur so an ihm vorbeigerauscht: die Leute haben ihm durchs Haar gewuschelt, geschrien und ihre Schals um seinen Hals drapiert. Dann ist er die Treppe zur königlichen Tribüne hinaufgelaufen, um den Pokal entgegenzunehmen, und hat ihn in die Höhe gestreckt, damit das ganze Wembleystadion ihn sehen kann. Das Gebrüll der Fans. Das halbe Stadion war leer, weil die Anhänger der gegnerischen Mannschaft sofort nach Ende des Spiels angepisst nach Hause gegangen sind. Fahnen wurden geschwenkt, Leute umarmten ihn. Endlich zurück in der Kabine. Seine überschwängliche Euphorie kühlte da schon ab und machte dem Gefühl der Erschöpfung Platz. Die große Wanne war schon voll schmutzigem Schaum, und als der Zeugwart Bierdosen herumreichte, stieg er hinein. Bier in der Wanne! Wenn das passiert, weiß man, dass man die Meisterschaft gewonnen hat. Sogar der Boss war glücklich. Dieser elende Mistkerl, glücklich!
Rein in die Wanne, Shorts runter und irgendwo hingefeuert. Schnell unter Wasser, das er gegen seine Haut schwappen spürte. Rein in die Wanne! Er musste sehr vorsichtig sein. Er muss immer sehr vorsichtig sein. Den Blicken aller ausweichen. Von der Wand blätterte die Farbe – er hatte Wembley immer für etwas edler gehalten, aber es ist in erstaunlich schlechtem Zustand. Das alles waren sehr nützliche Gedanken, denn sie lenkten ihn ab von Frank und seinem großen, starken Körper. Von all dem männlichen Fleisch um ihn herum. Denk einfach an was anderes, sagte er sich. Wenn du noch weiter Karriere machen willst. Wenn du nicht willst, dass jemand dir deine Scheißbeine bricht. Schau niemanden an. Gestatte dir nicht, auch nur daran zu denken.
Mit einer Erektion aus der Wanne zu steigen hätte alles zunichtegemacht. An dem Tag, an dem er die Meisterschaft gewonnen hatte, wäre alles zu Ende gewesen.
»Und noch eins«, sagt die Frau, und ihr Haar fällt ihr ins Gesicht. Sie lacht, schnippt sich eine Strähne aus den Augen und schiebt sie vom Sucher weg. »Noch eines für Howard, der war schon immer ein großer Fan von … äh, was für eine Mannschaft seid ihr noch mal?«
Alle lachen, Frank inklusive – obwohl der normalerweise diese Arschlöcher hasst, diese Opportunisten, die sich an den Erfolg jeder beliebigen Mannschaft dranhängen. Sogar Frank. Oh, das ist Franks Hand auf seinem Rücken. Kurz blendet sie der Blitz, und vor seinen Augen tanzen kleine weiße Punkte.
Irgendwann muss die Zeit kommen, denkt er, wo so etwas normal ist. Es als normal gilt. Zwei Männer. Es gibt schon Bereiche, wo das so ist. Es muss da draußen so viele von ihnen geben. Wenn er in dreißig Jahren mit den anderen Jungs an dieser Stelle stehen würde, würde es dann irgendeine Rolle spielen, ob er einen von ihnen gerne anfassen würde? Das lässt sich nicht voraussagen, und es ist auch egal, denn er steht jetzt hier. In dreißig Jahren wird nur noch das Foto von ihm hier sein, das gerade geschossen worden ist und für das er sich ein gewinnendes Lächeln abgerungen hat. Ein Foto, das gerahmt hinter dem Rezeptionstresen hängen wird und für zukünftige Generationen sein unvergänglich glückliches Abbild bewahren wird.


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