Hotel Alpha

STORY 32: Im Konferenzraum (2001)

Offen gestanden ist es verdammt verwunderlich, dass ich immer noch auf dieser Party bin, dieser sogenannten Verlobungsparty, für die sie diesen protzigen Raum in diesem berühmten Hotel gemietet haben. Es ist offen gestanden der helle Wahnsinn, dass ich meinen Champagner, den mir dieser rothaarige Kerl in die Hand gedrückt hat, nicht einfach Lloyd ins Gesicht geschüttet habe und dann abgerauscht bin. Ich bin, offen gestanden, wie vom Donner gerührt, und diese Formulierung benutze ich wirklich nicht leichtfertig.
Die Auffassung, dass Alistair, den sie bis vor drei Jahren noch nicht einmal kannten, ein besserer Trauzeuge sein könnte als ich, halte ich für absolut – und dieses Wort wähle ich mit Bedacht – obszön.
Es gibt eine Menge, was man an Alistair nicht mögen kann: nicht zuletzt seine aufdringlich modische Frisur, als sei er zweiundzwanzig, wo er doch auf die vierzig zugeht; dann, dass er immer behauptet, Fan einer Fußballmannschaft zu sein, von der er ganz offensichtlich keine Ahnung hat; und dieses unangenehm affektierte »Hey, Bruder«, mit dem er die Leute anspricht, als wären wir in Harlem oder so; sein lautes Lachen, das nicht im Geringsten etwas mit echter Amüsiertheit zu tun hat, sondern viel mehr damit, dass eine größtmögliche Zuhörerschaft seine Wertschätzung für einen Scherz mitkriegen soll; seine Unsitte, mit dem Mann, der am Urinal neben ihm steht, ein Gespräch anzufangen. Dazu kommt noch seine Behauptung, ein »Gesellschaftsraucher« zu sein, als sei das moralisch höher zu werten, und diese Angewohnheit, sich die Zigaretten selbst zu drehen, als sei das fraglos besser, als sie in Packungen zu kaufen – noch schlimmer, als sei das eine fast vergessene Kulturtechnik, die er als letzter Angehöriger der menschlichen Rasse noch beherrscht. Diese Marotte, sich Frauen als »Ali« vorzustellen, als würde ihn das jünger oder liebenswerter machen; und wenn er sagt, er sei im Staatsdienst, klingt es immer so, als sei er ein hohes Tier auf Regierungsebene, dabei arbeitet er nur im kommunalen Straßenbauamt. Und schließlich noch seine beschissenen »Designerhemden«.
Na ja, letztlich muss man jeden nach seiner Fasson glücklich werden lassen.
Offensichtlich sehen Lloyd und Anita etwas in ihm … gut, er hat ohne Zweifel dieses … jeder ist nun mal anders, und die Welt wäre langweilig, wenn wir alle einer Meinung wären. Es ist natürlich ihre Sache, wen sie zu ihren Freunden zählen. Niemand würde bestreiten, dass er auf die Hochzeit gehört. Er und seine Frau oder Freundin oder was immer sie ist, diese Person, die er so penetrant als seine »Partnerin« bezeichnet. Sie sollen dabei sein, wenn Lloyd und Anita das wünschen, es ist schließlich ihr Tag – unbestreitbar.
Aber der Beschluss, dass Alistair auf der Grundlage ihrer läppischen drei Jahre währenden Bekanntschaft für die Rolle des Trauzeugen besser geeignet ist als ich, das ist – und ich benutze diese Wörter nicht leichtfertig – eine hochgradig beschissen obszöne Entscheidung.
Wo war denn Alistair, als ein Missverständnis des IKEA-Lieferservice dazu führte, dass Lloyd und Anita ohne Möbel dastanden, bis ein gewisser Jemand, nämlich ich, mit Klappstühlen auftauchte? Wo war er denn bei jener berüchtigten Partie Reise-Scrabble, die die vierstündige Verspätung des Rückflugs aus Alicante überbrückte, aber leicht zu einem Ende ihrer Beziehung hätte führen können, wenn nicht ein gewisser Jemand, nämlich ich, einen Kompromiss hinsichtlich zulässiger Substantive vorgeschlagen hätte? Ist er vertraut mit der ganzen Bandbreite von Lloyds Spitznamen, zu denen »Android«, »König Käse« und »Lloyd Unerfreut« gehören, die zu einem großen Teil von einem gewissen Jemand, nämlich mir, geprägt wurden, und weiß er, wie sie zustande kamen?
Mit Lloyd verbindet mich eine vierzehnjährige Freundschaft; Anita ist erst seit sechs Jahren mit von der Partie. So könnte sich der Verdacht natürlich auf Anita richten, wenn ich das mal so formulieren darf, Anita, die vielleicht gar nicht in der Lage ist, das Format des Trauzeugen, den sie hiermit ablehnt, überhaupt zu erfassen. Nicht, dass dieses Format je auf die Probe gestellt worden wäre. Dies war – und ich gehe nur äußerst ungern nochmals auf meine persönliche Enttäuschung ein, aber es muss sein – meine beste Chance, Trauzeuge zu werden. Ich gestehe, dass ich es, ausgehend von meiner Qualifikation, bereits für eine ausgemachte Sache gehalten habe. Der Moment heute Abend, als Lloyd gegen sein Glas klopfte und Alistair zu seinem Trauzeugen ernannte und Alistair die Berufung mit einer pseudo-bescheidenen Geste annahm, und das ganze Haarewuscheln und Umarmen danach – das waren schlimme Momente, wirklich schlimme Momente für mich. Ich wartete darauf, dass irgendjemand Einspruch erhob. Die Ungerechtigkeit lag förmlich in der Luft, sie war mit Händen zu greifen! Doch niemand sah mich an. Die anderen waren vermutlich ebenso betreten. Sie merkten, dass sie sich durch ihre schiere Anwesenheit zu Komplizen dieses Vorgangs machten. Zu Komplizen dieses Irrtums. Dieses – und ich verwende dieses Wort hier ganz bewusst – Verbrechens. Dieser gigantisch beschissenen Gräueltat, Alistair Lowden zum Trauzeugen zu machen, anstelle eines gewissen Jemands, nämlich mich, der für diese Aufgabe selbstredend besser qualifiziert ist.
Es ist offen gestanden ziemlich scheißunglaublich, dass ich immer noch hier bin, zu idiotischer Konversation ein nachsichtiges Lächeln aufsetze und zustimme, dass die beiden ein großartiges Paar abgeben und dass es ein ganz wunderbarer Tag werden wird. Dass ich darlege, womit ich mein Geld verdiene, und geduldig erkläre, dass ein Horn etwas anderes ist als eine Trompete, und – haha – ein Alphorn.
Aber das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist noch nicht gesprochen. Die Hochzeit findet erst in achtzehn Monaten statt. Da bleibt noch genug Zeit, um Veränderungen anzustoßen. Sehr viel Zeit. Alistair Lowden glaubt, dass er heute Abend zum Trauzeugen bei der Hochzeit von Lloyd und Anita ernannt wurde. Nun, zumindest wurde ihm ein dementsprechendes Angebot unterbreitet. Aber er ist noch lange nicht am Ziel. Am Tag der Hochzeit werden wir wissen, wer Trauzeuge ist. Nicht vorher. Bis zu diesem Tag ist noch alles offen. Philip Lennox – dieser gewisse Jemand, meine Wenigkeit – ist noch lange nicht aus dem Rennen.


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