Hotel Alpha

STORY 34: In der Halle (1977)

Was sie bei der Präsentation ihres neuen Buches Der Augenblick sagt und was sie dabei denkt.

»Zuerst möchte ich mich bei Ihnen allen bedanken, dass Sie hier in dieses wunderschöne Hotel gekommen sind. Es ist großartig, dass so viele da sind.«
26 Leute. Scheiße, das ist unglaublich. Wenn man die Verlagsleute und den guten alten Derek abzieht, dem nichts anderes übrig blieb, als mitzukommen – wenn man überhaupt alle abzieht, die hierher genötigt wurden –, bleiben noch sechzehn. Fünf Bestseller beziehungsweise drei plus zwei Bücher, die als Bestseller angepriesen werden, weil den Unterschied sowieso niemand versteht – und ich kann kaum zehn Leute für eine Veranstaltung zusammentrommeln, die wir seit zwei Monaten geplant haben.
»Ich mache Lesungen immer wahnsinnig gerne. Es ist bewegend und zugleich ein wahres Privileg, dass ich einige Leser meiner Werke kennenlernen und ihnen meine Dankbarkeit für ihre Unterstützung ausdrücken darf.«
Der Typ im Radio hatte recht. Bücher sind so gut wie tot. Kein Schwein interessiert sich mehr dafür.
»Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass wir mit leichter Verspätung anfangen. Ich war ein wenig angeschlagen, aber jetzt geht es mir blendend, und ich brenne darauf, endlich loszulegen.«
Ich fühle mich beschissen. Ich wette, ich kriege Migräne, ich bin sogar absolut sicher. Ich wünschte, ich hätte nie mitgekriegt, wie dieser Arzt sich über Leute lustig machte, die behaupten, an Migräne zu leiden. Ich weiß wirklich nicht, warum ich ihm das abgenommen habe, bloß weil er Arzt ist. Ich wette, er hatte in seinem ganzen Leben noch nicht solche Kopfschmerzen, bei denen einem förmlich das Hirn aus dem Schädel fliegt. Und er kennt sicher nicht das Gefühl, wenn vor den Augen diese kleinen Lichtpunkte flackern, jedes Mal, wenn man versucht, den Blick zu fokussieren. Und ihm war auch bestimmt noch nie derart kotzübel. Seit meiner Entbindung habe ich mich nicht mehr so furchtbar gefühlt.
»Pardon, lassen Sie mich nur kurz einen Schluck Wasser trinken …«
Und natürlich hat er auch selbst keine Entbindung erlebt.
»Bevor ich anfange, möchte ich mich bei Howard und Sarah-Jane bedanken, dass ich hier sein darf. Wir machen hier nun schon die dritte Präsentation, und es gibt einfach nichts, was sich mit der berühmten Gastfreundschaft der Yorks vergleichen lässt.«
Ich frage mich, ob er mit mir schlafen will. Ich bin nicht sicher, warum ich beim letzten Mal widerstanden habe. Vielleicht aus Mitleid mit Sarah-Jane. Aber ich weiß nicht, so darf man eigentlich gar nicht erst denken. Wenn er nochmal fragt, mache ich es vielleicht. Wenn es mir besser geht. Im Moment wäre ich dazu gar nicht in der Lage. Aber wenn er mich fragt, würde ich mich vielleicht besser fühlen. Wie es sich wohl anfühlt, wenn er …
»Ups! Tut mir leid. Soll ich das wegmachen … oder könnte das jemand aufwischen? Das ist schon das zweite Mal in diesem Hotel, dass ich ein Glas zerbreche. Die werden mich allmählich für eine Randaliererin halten, haha …«
Oh Gott, er bringt mich jedes Mal so weit.
»Also, zu meinem neuen Buch: Der Augenblick. Gleich werde ich etwas daraus lesen, aber zuerst möchte ich noch ein wenig dazu sagen.«
Der arme alte Derek. Hat das schon sechsmal gehört. Er kann kaum seine Augen offen halten. Buchpräsentationen sind wirklich eine elende Schinderei. Mein Kopf tut so weh. Oh Gott.
»Es geht in meinem Buch darum, wie wir mit unserer Zeit umgehen. Die meisten von uns hören ihr ganzes Leben lang bei allem, was sie tun, die Uhr ticken. Wir alle wünschen uns – so drücke ich es in meinem Buch aus –, die Uhr anhalten zu können. Ein Satz, den ich in einer amerikanischen Spielshow aufgeschnappt habe, als ich drüben auf Lesereise für eines meiner vorigen Bücher war.«
Das war damals auch so eine gottverfluchte Zeitverschwendung.
»Die Uhr anhalten. In der Spielshow blieb die Uhr natürlich stehen, wenn einer der Kandidaten es so wollte. Aber im Leben funktioniert das nicht ganz so.«
Das ist wirklich eine höchst dürftige Parallele zwischen dieser Fernsehshow und dem Leben. Außerdem weiß ich nicht einmal, ob sie in der Show überhaupt »die Uhr anhalten« sagen. Ich habe sie ja gar nicht richtig angesehen. Ich habe Chianti gebechert und mit Derek am Telefon gestritten.
»Deshalb ist jeder unserer Augenblicke unglaublich wertvoll. Und darum geht es in Der Augenblick. Wie man jeden von ihnen auskosten kann. Wie man aus jeder einzelnen Sekunde, die wir auf dieser Welt verbringen, das Bestmögliche herausholen kann. Wir sind schließlich nur einmal auf der Welt.«
Verflucht noch mal, wäre ich froh, wenn das schon vorbei wäre.


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