Hotel Alpha

STORY 35: Zimmer 25 (1992)

Du glaubst, dein Schlüssel sei der einzige zu deinem Zimmer. Niemand sonst kommt da rein. Doch wenn du kurz nachdenkst, weißt du, dass das ein Irrglaube ist. Da wäre erst mal der Ersatzschlüssel, der in dem Regal hinter der Rezeption hängt. Es muss einen geben, denn die Leute verlieren ständig ihre Schlüssel. Und dann wird das Hauspersonal eine Art Generalschlüssel haben, mit dem es überall reinkommt. Das wird dich noch nicht wirklich beunruhigen, aber die logische Schlussfolgerung daraus vielleicht doch: Es könnte eine beliebige Anzahl von Schlüsseln existieren. Du kannst unmöglich wissen, wie viele. Du gehst einfach davon aus, dass niemand dein Hotelzimmer betreten kann, außer du willst es so.
Sowohl Lara als auch Ella werden sich in der kommenden Woche derartige Gedanken machen, aber erst, als es bereits zu spät ist. Und beide werden denken: Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen und mich ermahnen, vorsichtiger zu sein. Das kommt davon, wenn man geil und betrunken ist. Beide werden darüber nachdenken, wie absurd es ist, dass sie sich haben erwischen lassen: Lara, die ihre Pläne immer mit solcher Präzision durchzieht, und Ella, die so schwer aus der Reserve zu locken war und sich in ihrer Beziehung in keinerlei Hinsicht auch nur ansatzweise sicher gefühlt hat.
Doch obwohl die Erinnerung schmerzhaft ist und es wohl besser wäre, sie zu verdrängen, werden sich beide daran erinnern, dass es in einer Spanne von zehn Sekunden möglich gewesen wäre, der Katastrophe zu entgehen und damit das zu retten, was sie jetzt verloren haben. Aus Scham wird keine von beiden gerne daran zurückdenken. Nicht, dass es jetzt beschämend wäre – es ist wild und schmutzig und berauschend –, sondern weil sie es im Rückblick, als Anfang vom Ende, so empfinden werden. Ella nackt ans Bett gefesselt, Lara in einer Polizeiuniform vor ihr kniend.
Beide hören draußen das Knarzen schwerer Schritte, und beide spüren, wie sie aus ihrer Ekstase gerissen werden. Lara löst ihr Gesicht von der Stelle, wo es sich im Taumel der Erregung gerade noch befand. Die beiden wechseln einen panischen Blick. Lara hätte Zeit, ins Badezimmer zu verschwinden, Ella hätte Zeit, sich etwas unverfänglicher hinzulegen, sich loszumachen oder schlimmstenfalls so zu tun, als sei sie nicht gefesselt, bis der Eintretende sich entschuldigt und wieder verschwindet. Das ist das Quälende an dieser Katastrophe, so wie bei anderen scheinbar unvermittelt eintretenden Katastrophen auch: Sie tritt gar nicht so unvermittelt ein. Sie hätten ihr entkommen können.
Der Schlüssel dreht sich im Schloss, und aufreizend langsam öffnet sich die Tür. Noch wäre vielleicht Zeit, das Desaster abzuwenden. Doch Lara und Ella liegen einfach da und umklammern sich noch immer mit einer Wildheit, die der Situation – ihrem letzten Mal – angemessen ist.


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