Hotel Alpha

STORY 36: Zimmer 70 (1999)

Möglich wäre es zumindest. Genau kann das niemand wissen. Natürlich wird die Welt nicht untergehen. Sie wird (vermutlich) nicht explodieren, es wird (vermutlich) keine Seuche ausbrechen. Es wird auch keine grausamen terroristischen Anschläge von der Art geben, wie sie den Städten des Westens glücklicherweise in den letzten zehn Jahren erspart geblieben sind. Selbst wenn sich die schlimmsten Horrorszenarien bewahrheiten, wird heute Nacht wenig passieren, was überhaupt mit bloßem Auge sichtbar ist. Und doch könnte die Katastrophe von ungeheurem Ausmaß sein.
Aus dieser mehr oder minder willkürlichen Zäsur im Kalender hat sich eine Art Vergnügungspark entwickelt, Merchandising inklusive: das Millennium-Stadion, das Millennium-Riesenrad, der Millennium-Dome. Die Millennium-Diskussion: Endet das Millennium wirklich jetzt oder erst in einem Jahr, beim Übergang von 2000 zu 2001?
Die Antwort darauf tut nichts zur Sache, denkt Sheila. Denn die Wirklichkeit ist inzwischen menschengemacht, wird von Menschen und Maschinen bestimmt, nicht mehr von den längst ausrangierten Göttern dort oben. Wirklich ist das, was wir als wirklich behaupten.
Aber nun droht der Millennium-Bug. Als man begann, Computer zu programmieren und darauf abzurichten, die Welt zu kontrollieren, brachte man vielen von ihnen bei, ein Jahr nur mit zwei Ziffern zu bezeichnen. Dieses Jahr zum Beispiel mit 99, für 1999. Was wird passieren, wenn wir heute Nacht von 1999 zu 2000 übergehen? Diese Computer werden dann glauben, es sei das Jahr 1900. Oder sie denken, die Uhr wurde irgendwie auf Null gestellt. Die Bandbreite der möglichen Störungen könnte weltweit verheerende Folgen haben. Sheila Stone lauscht dem leise vor sich hin blubbernden Wasserkocher und blickt auf den auf ihrem Bett ausgebreiteten International Herald Tribune, der in aufgeregten Worten einige Beispiele aufzählt: Chaos in der internationalen Flugüberwachung. Die Vernichtung sämtlicher Daten der Banken und anderer Finanzinstitute. Währungsturbulenzen, Verkehrsturbulenzen. Und all das nur, weil wir in den letzten zwanzig Jahren immer mehr Kontrolle an unsere elektronischen Helfer abgegeben haben, die zugleich extrem clever und schrecklich ahnungslos sind.
Sheila steht auf und gießt kochendes Wasser über den Ginseng-Kamillen-Teebeutel, den der aufmerksame Portier extra für sie besorgt hat. Sie musste nicht einmal darum bitten, denn er hatte sich noch an sie erinnert und ihr die Teebeutel hochbringen lassen. So etwas bekommt man nur hier. Sie wird diesen Ort vermissen, falls das Vorhergesagte eintritt. Sie lauscht dem leisen, beruhigenden Sprudeln, als das Wasser auf die zermahlenen Teeblätter im Teebeutel trifft. Beim Teekochen muss Sheila immer an ihre Mutter denken, die 1980 gestorben ist. Ihr Leben begann und endete wie so viele andere innerhalb eines Jahrhunderts. Ohne solch eine Zäsur. Derart begrenzte Zeitspannen haben etwas Ordentliches. Ich hatte meine Zeit, scheinen sie zu sagen, und dann bin ich gegangen.
Sie nimmt einen Schluck Tee, der noch viel zu heiß ist, und verbrennt sich die Lippen.
Der Millennium-Bug. Was wird er anrichten? Bis jetzt scheint es so, dass er gar nichts anrichten wird. Aber niemand kann das mit Sicherheit sagen. Man wird es nicht erfahren, bevor sich das sogenannte Zeitfenster des Ereignisses öffnet, was in der östlichen Hemisphäre in wenigen Stunden passieren wird. Man kann nicht mit Sicherheit sagen, was geschehen wird, wenn deren Computer mit unseren kommunizieren, die wiederum mit Indien kommunizieren. Der Begriff »Dominoeffekt« ist dafür eine passende Metapher. Denn ebenso wie bei den Dominosteinen ist alles eine Frage von Sekunden. Wenn der eine Stein fällt, dann fällt auch der nächste, und Tausende werden folgen. In dem Augenblick, in dem wir heute Abend den Champagner öffnen werden, könnte – es ist nicht sehr wahrscheinlich, aber doch möglich – alles in sich zusammenstürzen, was wir aufgebaut haben.
Selbstverständlich sind Sheilas Daten gesichert. Sämtliche Aufzeichnungen der Firma wurden kopiert. Insofern haben sie einen Plan B. Doch die meisten Unterlagen wurden nur auf andere Computer kopiert. Es gibt keinen Plan C, der berücksichtigt, dass praktisch alles, was die Firma besitzt, sämtliche Daten und Werte, ausschließlich in einem virtuellen Reich existieren, das wir, sollte es in den nächsten zwölf Stunden ausgelöscht werden, nie wieder errichten könnten, denkt Sheila.
Wie es auch ausgeht, Sheila wird sehr erleichtert sein, wenn alles vorbei ist, aber nicht aus den Gründen, die man vermuten könnte.
In allen Meetings, in allen Gesprächen, bei denen es um dieses Thema ging und die zurückreichen in die Zeit, als das Jahr 1999 noch nicht einmal angebrochen war, hatte sie die anstrengende Aufgabe, so zu tun, als ob sie hinsichtlich dieses möglichen Zusammenbruchs besorgt sei. Sie musste ihren Aktionären versichern, es werde alles Notwendige in die Wege geleitet. Sie gab den Medien eine Reihe von Interviews. Sie wurde das öffentliche Gesicht des Millennium-Bugs und der Verteidigungsstrategie der Menschheit. Wenn heute Nacht der Minutenzeiger die Zwölf erreicht, werden unzählige Menschen zumindest einen winzigen Augenblick an sie denken, wie sie auf einen Bildschirm blickt, mit zehn Computerexperten gleichzeitig telefoniert, während ihr der Schweiß über das Gesicht läuft wie den Börsenhändlern in einem dieser Filme über den Finanzcrash.
Wenn sie nur wüssten, wie verzweifelt Sheila sich wünscht, es möge alles schiefgehen, wenn sie wüssten, dass all die Worst-Case-Szenarien ihr eher wie Fluchtmöglichkeiten erscheinen. Aber um das verstehen zu können, müssten sie eine Menge anderer Dinge wissen. Sie müssten von den 3,4 Millionen Dollar wissen, die die Firma in einen weiteren Betrieb in Südostasien investiert hat, dessen Produktionsbedingungen sich demnächst als nicht wirklich gesetzeskonform herausstellen werden. Sie müssten von den Bestechungsgeldern wissen, die Sheila angewiesen hat, um der Firma Verträge in Indien und China zu sichern. Sie müssten von ihrer Beteiligung an einem Unternehmen wissen, das Tausende Menschen um ihre Ersparnisse betrogen hat und dessen Geschäftsführer Philip Brewster sich an einer Tankstelle erschossen hat. Und dann sind da noch drei oder vier Jahre, in denen die Steuererklärungen sich auf einer Skala von »nicht ganz korrekt« bis »frei erfunden« bewegen. Weitere Bestechungsgelder, um dies zu vertuschen. Und so weiter und so fort.
Selbst wenn sie es wüssten, würde es ihnen schwerfallen, Sheila mit all diesen Straftaten in Verbindung zu bringen. Nie hätte ich gedacht, würden sie sagen, dass eine Frau, die so normal aussieht, so viele Verbrechen begangen hat. Ihr geblümtes Kleid, die Schildpattbrille, das ergrauende Haar: Wenn Sheila darüber nachdenkt, ist sie selbst erstaunt. Aber nur, wenn man all diese Delikte als Einzeltaten betrachtet. Was sie nicht sind. Hat man erst einmal ein Verbrechen begangen, das einem nachts den Schlaf raubt, kann man auch fünfzig weitere begehen. Es macht keinen Unterschied, ob man nun ein Verbrechen begangen hat oder viele. Wenn man auf dieser Seite des Flusses ist, kann man nie mehr zurück.
Das würde ich ihnen sagen, denkt Sheila, und bei dem Gedanken, welches Erschrecken und welchen Abscheu sie hervorrufen könnte, muss sie wider Willen grinsen. Das könnte sie ihnen tatsächlich sagen, wenn sie im Gefängnis ihre Memoiren schreibt. Ums Gefängnis wird sie nun sehr wahrscheinlich nicht herumkommen. Man kann aus Lügen einen sehr hohen Turm bauen und so lange ganz oben sitzen, bis man unangreifbar erscheint. Aber unangreifbar ist niemand. Das ist ihr seit etwa 18 Monaten klar. Die Tricks und Winkelzüge werden ihr bald ausgehen.
Außer der Millennium-Bug kommt ihr zu Hilfe. Nur die viel beschworene Katastrophe, die weltweite Datenvernichtung, könnte Sheila jetzt noch retten. Sämtliche Ausgaben, die sie für Maßnahmen gegen die Katastrophe genehmigt hat, liefen ihren innersten Wünschen zuwider. Je näher sie der Möglichkeit kamen, selbst Gefahren wie El Niño zu bannen, desto näher waren sie daran, Sheilas letzte Rettungsleine zu kappen.
Wenigstens das Warten wird ein Ende haben. Morgen um diese Zeit wird Sheila wissen, ob das Jahr 2000 – und das scheint momentan ziemlich wahrscheinlich – Ruin und Schande mit sich bringen wird, und eine große Schachtel Tabletten hier in diesem Hotel, sollte sie zu dem Schluss kommen, dass dies die ehrenhafteste Form wäre, abzutreten. Oder ob vielleicht, nur ganz vielleicht, eine virtuelle Katastrophe die Welt, wie wir sie kennen, in Schutt und Asche legen wird und sie unbeobachtet unter den Trümmern hervorkriechen und sich in Sicherheit bringen kann.
Obwohl sie eigentlich kein ängstlicher Mensch ist, obwohl sie all die Zeit ziemlich ruhig geblieben ist, während ihre Firma auf fatale Weise die Gesetze mit Füßen trat, scheint ihr das alles gerade ein bisschen zu viel. Sie möchte die Uhr zurückstellen, aber nicht nur um ein paar Jahre durch einen Computer-Crash, sondern ganz zurück zu ihrer Zeit auf dem Cheltenham Ladies College, als die Zukunft mit ihren unendlichen Möglichkeiten noch vor ihr lag.
Es ist alles ein bisschen zu viel. Sie muss Al anrufen. Den einzigen Menschen, der über alles Bescheid weiß und zur richtigen Zeit den Absprung geschafft hat, bevor alles den Bach runterging. Sie wird dazu nicht ihr Handy benutzen. Sie hat nie wirklich darauf vertraut, dass die Dinger nicht abgehört werden. Sie wird das alte Telefon neben ihrem Bett benutzen. Al ist in den USA und ihr damit ein paar Stunden hinterher. In seiner Welt hat sie noch ein bisschen länger zu leben.


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