Hotel Alpha

STORY 37: Zimmer 71 (1999)

Weil die Telefonanlage des Alpha schon so alt ist (in zwei Jahren wird sie durch moderne kabellose Apparate ersetzt werden), passiert es manchmal, dass ein Gast den Hörer des Telefons auf seinem Nachtkästchen abhebt und ein Gespräch aus einem der anderen 76 Zimmer mithört. Peter Bramwell ist Redakteur bei einer Lokalzeitung mit respektabler Auflage. Er stellt das Fernsehprogramm zusammen und wählt den »Tagestipp« aus, obwohl er selten alle Sendungen vorher gesehen hat, da die Vorschaubänder in der Regel nicht zu Zeitungen wie dem Journal geschickt werden. Manchmal muss er auch die Rubrik »Hier darf gelacht werden« mit einem Witz füllen – glücklicherweise gibt es davon jetzt massenweise im Internet. Im Sommer springt er auch bei der Kricket-Berichterstattung ein.
Als er sechzehn war, erklärte er bei der Berufsberatung, er wolle Journalist werden, weil er kürzlich an einem Feiertag Citizen Kane gesehen habe und sich an die Szene erinnere, als Kane sagt: »Die Leute werden denken, was ich ihnen sage, dass sie denken sollen.« Peter war sich damals nicht sicher, was er wollte, das die Leute denken, aber er war beeindruckt vom Tatendrang dieses Mannes. Der Berufsberater organisierte ihm ein Praktikum bei einer Zeitschrift für regionale Auto-Kleinanzeigen. Peter machte seine Sache gut und arbeitete nach dem Schulabschluss weiter für die Zeitschrift und ihre Schwesterpublikationen. Bis Mitte dreißig machte er mehr oder weniger immer dasselbe.
Erst vorgestern Abend, zwei Tage nach Weihnachten, als im Büro jeder vom Millennium-Bug sprach, das die Computer zum Absturz bringen sollte, fragte er sich ernsthaft, ob er je wirklich Journalist hatte werden wollen oder nur zugelassen hatte, dass dieser Beruf ihn vereinnahmte und ruhigstellte. Eine Lappalie hatte diese Überlegung ausgelöst. Er hatte ein örtliches Kino angerufen und gebeten, die Anzeige für die Neujahrsausgabe noch einmal zu schicken, weil die Datei, die sie gemailt hatten, zu klein war und er sich mit Computern nicht besonders auskannte. Er hatte mit einem Mann namens Colin gesprochen, mit dem er im Laufe des Jahres schon öfter zu tun gehabt hatte.
Colin wollte seinen Namen notieren und sagte: »Bramble?«
»Nein«, sagte Peter. »Bram-well. Aber das W spricht man nicht, also Bram-ell, deshalb klingt es wie Bramble.«
Das Ärgerliche war, dass er dieses Gespräch bereits sechs oder siebenmal mit Colin geführt hatte. Er würde es wohl nie kapieren. Auch wenn sein Name bereits Hunderte Male im Journal abgedruckt worden ist, kennt ihn der Mann von der Straße nicht. Nicht einmal die Leute, die geschäftlich mit der Zeitung zu tun haben, kennen ihn.
In diesem Moment dachte er: Nein, das war es eigentlich nicht, was ich tun wollte. Ich wollte ein erfolgreicher Journalist werden. Einer von denen, die als Korrespondenten nach Havanna gehen oder wenigstens eine Kolumne mit Autorenfoto kriegen. Heute, am letzten Tag der Neunziger, des Jahrhunderts, des Millenniums und so weiter, hat Peter Bramwell nun im Hotel Alpha eingecheckt. Er und seine Frau Ingrid, die später nachkommen wird, wenn ihre Schicht im Krankenhaus zu Ende ist, gönnen sich jedes Jahr einen solchen Hotelaufenthalt. Es ist eine schöne Abwechslung, weil Neujahr tendenziell eher deprimierend ist. Wahrscheinlich werden sie das Feuerwerk betrachten, auch wenn es mehr nach Nebelkerzen aussehen könnte, wie es der Wetteransager formulierte. Doch das würde hoffentlich niemandem die guten Aussichten aufs neue Jahr vernebeln, fügte er hinzu. Peter fragte sich, ob er sich das spontan ausgedacht hatte oder irgendwo ablas.
Das Alpha ist wirklich ein hübsches Hotel. Das Atrium mit dem Glasdach ist sehr edel und zugleich auf sympathische Art altmodisch. Das Zimmer hier im obersten Stockwerk hat ein großes Doppelbett voller Kissen, in der riesigen Badewanne befinden sich lauter kleine Düsen, die wie in einem Whirlpool für Geblubber sorgen, und der Blick über die Stadt im Nieselregen, die sich für die Party herauszuputzen scheint, ist großartig. Er hat eine Reservierung fürs Restaurant, der Portier hat das für ihn arrangiert. Er hat sogar Howard York kurz zu Gesicht bekommen, wie er durch die Lobby lief. Peter ist ausgesprochen guter Laune, als er seinen Blick durchs Zimmer schweifen lässt. Ingrid hat sich ein neues Kleid gekauft – nichts Überkandideltes, aber sie sieht großartig darin aus.
Er spielt mit dem Gedanken, noch einmal im Büro anzurufen, falls noch irgendetwas zu klären ist. Er hat noch ein bisschen Zeit, bevor Ingrid kommt. Doch dann denkt er: Was geht’s mich an, ich hab Urlaub! Ein anderer soll sich heute um die Spätausgabe kümmern. Diese harmlose, aber für ihn ungewohnte gedankliche Rebellion bringt seinen Entschluss ins Wanken. Seine Hand liegt schon auf dem Hörer. Halt! Wieder bremst er sich. Ich habe Urlaub, sagt er sich noch einmal.
Peter steht auf und geht hinüber zur Badewanne. Nur aus einer Laune heraus – denn er badet, wie jeder normale Mensch, nie um diese Tageszeit – lässt er Wasser in die Wanne laufen und schält sich aus seinem Pullover. Er sitzt da und sieht zu, wie die Wanne vollläuft. Er hat den Eindruck, dass sich mit jeder Minute in diesem Hotel seine Laune hebt.
Wenn er das Telefon auf dem Nachtkästchen abgehoben hätte, hätte er die Gelegenheit gehabt, der international bekannten Unternehmerin Sheila Stone bei einem Ferngespräch zu lauschen. Darin erzählt sie, dass der Zusammenbruch einer weltberühmten Firma unmittelbar bevorsteht, weil sie sich einige (teils kriminelle) Freiheiten herausgenommen hat, über die kaum jemand Bescheid weiß. Vorausgesetzt, er hätte die Nerven bewahrt, eins und eins zusammengezählt oder auf anderem Wege herausgefunden, wer da im Zimmer nebenan residiert, und anschließend einige der Sachverhalte recherchiert, über die sie gesprochen hat, dann wäre ihm vielleicht eine der besten Storys, die ein Journalist in diesem Jahrzehnt auftun konnte, in den Schoß gefallen.
Es wäre natürlich ebenso möglich, dass er die Tragweite dessen, was er zu hören bekommen hätte, gar nicht erfassen würde. Vielleicht hätte ihm niemand geglaubt, und er wäre nicht in der Lage gewesen, auch nur eine seiner Behauptungen zu untermauern. Aber die Möglichkeit hätte bestanden, dass dieser glückliche Zufall sein Leben verändert.
Doch stattdessen bleibt sein Leben so, wie es war. Wie immer testet Peter das Wasser erst misstrauisch mit dem großen Zeh, als hätte er dieses Bad nicht selbst eingelassen, sondern sei zufällig darauf gestoßen. Dann lässt er sich zufrieden seufzend ins Wasser gleiten. In ein paar Stunden wird seine Frau eintreffen und das Jahr 2000 wenig später. In fünf Jahren wird seine Zeitung mit einer ähnlichen zusammengelegt, sein Arbeitsweg wird dann zu lang sein, sodass er schließlich seinen Job im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber kündigt. Er wird eine Weiterbildung als Event Manager machen, nachdem er einem Freund dabei geholfen hat, eine Reihe erfolgreicher Wohltätigkeitsessen zu organisieren. Doch aufgrund einer globalen Finanzkrise hätte der Zeitpunkt für die Geschäftsgründung nicht schlechter sein können. Seine Event-Firma wird nur ein paar Jahre bestehen, und 2010 wird er in einem Teppichladen arbeiten und einen Bankkredit bei einem Mann beantragen, der jünger ist als er und trotz mehrmaliger Hinweise beharrlich das W in seinem Namen ausspricht. Glücklicherweise ist Ingrid bis dahin nach mehrfacher Beförderung die Haupternährerin der Familie. Sein größtes Glück wird sein, dass er unter keinen Umständen je erfahren wird, was er herausgefunden hätte, hätte er an jenem Silvesterabend den Telefonhörer abgehoben.


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