Hotel Alpha

STORY 38: Zimmer 7 (1965)

Inigo Garcia, der um Mitternacht das 28. Lebensjahr vollenden wird, liegt bäuchlings im Bett, streckt faul einen Arm aus und öffnet die oberste Nachtkästchenschublade in der ziemlich unbegründeten Hoffnung, dort könne Alkohol zu finden sein. Aber es liegt nur eine Bibel darin, wie in jedem Hotel. Die mittlere Schublade ist leer. In der untersten: Überraschung! Ein Polaroidfoto mit einer nackten Frau darauf. Sie hat enorm lange, wirklich perfekte Haare und grinst lüstern in die Kamera. Im Hintergrund sind verschwommen andere Körper zu sehen. Inigo fühlt sich mit einer geradezu absurden Intensität zu dieser Frau hingezogen, was vielleicht nur von der frustrierenden Tatsache herrührt, dass er ihr nie begegnen wird. Er bekommt sie zufällig zu Gesicht, stellt fest, dass sie schön ist, und doch könnte sie irgendwer irgendwo auf der Welt sein, und nur in einem Paralleluniversum wird er ihr begegnen, und in Milliarden anderen Universen nicht.
Das ist ja das Seltsame am Leben, wie es seine Großmutter immer zu sagen pflegte: Das meiste passiert nicht.
Aber vielleicht wird er ihr ja doch begegnen. Man weiß nie, was kommt. Inigo ist Optimist – warum sonst sollte er am Abend vor seinem Geburtstag in diesem Scheiß-London sein, um morgen auf der New-Directions-Konferenz zu sprechen? Alle anderen Teilnehmer werden doppelt so alt sein wie er. Und doch wird es ihm gelingen, sein Anliegen rüberzubringen. Er hat es vorhin schon bei jemandem in der Bar ausprobiert.
»Sie lernen eine Menge Leute aus verschiedenen Ländern kennen, oder? Haben Sie sich schon mal gewünscht, dass es nur eine einzige Sprache gibt, die jeder spricht, und niemand denkt darüber nach, wer aus welchem Land kommt?«
»Na ja«, sagte der Mann nachdenklich. »Die meisten Menschen sprechen ja Englisch. Oder im Falle der Amerikaner so was Ähnliches wie Englisch.«
»Klar, viele sprechen Englisch, aber stellen Sie mal vor – haben Sie schon mal von Esperanto gehört?«
»Ja, habe ich, aber ich kann nicht behaupten, dass ich …«
»Me ne povas vivi sen vi.«
»Wie bitte?«
»Gefällt Ihnen das? Das ist Esperanto. Es bedeutet: ›Ich kann nicht ohne dich leben‹.«
»Sehr nett.«
»Hat Ihnen gefallen? Dann noch was: ›Kio estas vio hobio?‹ Das bedeutet: ›Was ist Ihr Hobby, was sind Ihre Interessen‹?«
»Dann vermute ich, dass Sie auf der Konferenz morgen darüber sprechen werden?«
Der Typ schien interessiert, wie alle, wenn sie erfahren, wie einfach Esperanto ist, wie logisch und verständlich. Inigo versuchte, seiner Stimme das genaue Ausmaß seines Interesses zu entnehmen und seiner Kleidung die genaue Höhe seines Einkommens: ein sehr ordentlicher Maßanzug und eine schicke Uhr. Die Reichen sind der Schlüssel. Idealismus wie der von Inigo bedarf der ökonomischen Unterstützung.
»Das wird sichere Sache, auf der Konferenz«, hat Inigo ihm erklärt. »Ich werde ihnen erzählen, wo ich herkomme, nämlich Baskenland. Kennen Sie es? Waren Sie dort?«
»Bis jetzt noch nicht. Das liegt in Spanien, oder?«
»Sozusagen, aber wir sind anderes Volk, wir haben andere … wie sagt man?«
»Andere Kultur?«
»Genau, das ist es, wir haben andere Kultur. Deshalb dürfen wir in diesem Teil von Spanien, seit Franco ist an der Macht, nicht Baskisch sprechen. Unsere eigene Sprache, verboten, illegal! Wie kann man Leuten das nehmen?«
»Ja, stimmt schon, das ist eine schräge Sache.«
»Schräg, was bedeutet das?«
»Ach, Verzeihung, schräg heißt … na ja, das kann so was wie merkwürdig bedeuten.«
»Ja, klar, das ist es, schräg. Also ich jedenfalls, ich habe begonnen mich zu interessieren, wie wäre es, wenn wir gemeinsame Sprache hätten, international, dann hätten wir gemeinsame Ziele, auch international, verstehen Sie? Und deshalb werde ich morgen darüber sprechen. Wir brauchen Geber.«
»Ist das ein Esperanto-Wort?«
»Nein, Geber, Leute, die Geld geben.«
»Ach so, klar. Na dann, was heißt ›Viel Glück!‹?«
»›Bonan ŝancon‹. Der sch-Laut ist nur ein s mit kleinem Kringel darüber.«
»Also dann, ›bonan ŝancon‹«, wiederholte der Mann, und Inigo ging daraufhin zur Bar und bestellte den ersten einer Reihe von Drinks.
Nun wünscht er, er hätte sie nicht getrunken. Er hört eine Uhr (vielleicht Big Ben?) Mitternacht läuten. Heute ist sein Geburtstag. Er betrachtet noch einmal das Foto und legt es dann zurück in die Schublade. Das ist nicht wichtig. All das wird sich auszahlen, wenn die halbe Welt Esperanto spricht, wenn man, wo immer auf dieser Erde man ist, jemanden in der Sprache begrüßen kann, die er weltbekannt machen wird.


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