Hotel Alpha

STORY 39: Im Rauchersalon (1985)

Eine Besprechung ist im Gange, Qualm verpestet die Luft. In etwa zwanzig Jahren wird es verboten sein, in diesem Raum und in den meisten anderen Räumen dieses Gebäudes zu rauchen, aber würde man das in diesem Moment prophezeien, es würde einem niemand glauben.
»Wir müssen uns jetzt sofort entscheiden, damit ich das wegfaxen kann. Nehmen wir das Datum nun mit drauf oder nicht?«
Sie arbeiten am Werbeplakat für einen Film (keinen besonders guten), in dem ein Kerl mit einem Mädchen zusammenlebt, das einen kleinen Tiger als Haustier bekommt – was zu beträchtlichen Schwierigkeiten führt. In den Staaten hat er ziemlich frostige Besprechungen erhalten: In einer Kritik hieß es, die Story sei »derart blödsinnig und undurchdacht, dass sogar die Drehbuchautoren selbst nach etwa zwanzig Minuten die Nase voll davon hatten«, und ein renommierter Rezensent (zugegeben ein ziemlich hochnäsiger) gönnte dem Film überhaupt nur einen Satz: »Gehen Sie nicht rein!« Glücklicherweise gibt es noch kein Internet, sodass die Leute in der Regel die bisherigen Kritiken eines Films nicht kennen, wenn er in London anläuft. Mit einer halbwegs cleveren Werbekampagne kann man auch diesen Schrott noch als Riesenerfolg präsentieren. Die Produktionsfirma hat für den Auftrag etwas Geld springen lassen, und die Werbung wird bald auf den Londoner Bussen zu sehen sein. Jetzt müssen nur noch diese beiden Leute hier die Plakatgestaltung festlegen.
»Hm, ich denke … keine Ahnung, was meinst du?«
Florian kann sich nicht konzentrieren. Seit zwanzig Minuten treibt sich in allen möglichen Ecken und Winkeln eine Fliege herum, und ihr leises, monotones Summen ist nicht zu überhören, weil man in dem festen Vorsatz, sie zu ignorieren, ihre Existenz eingesteht. Es ist, wie – na ja, ein bisschen wie die Geschichte mit dem Baum, der im Wald umfällt. Wenn sie der summenden Fliege nicht zuhören würden, würde sie nicht summen. Aber um diesen Gedanken zu denken, muss man sich schon eingestanden haben, dass die Fliege summt. Und dann ist es …
»Hast du mir überhaupt zugehört?«, fragt Florians Kollegin, nicht ohne Berechtigung etwas gereizt.
Er hebt in einer entschuldigenden Geste die Hände: »Tut mir leid, ich … es ist diese dämliche Fliege. Sorry, noch mal: was sind unsere Optionen?«
Sie seufzt. Nicht, dass ihr dieser Film auch nur einen Deut wichtiger wäre als ihm. Aber sie ist eindeutig die Professionellere. In fünf Jahren werden beide dieser Branche den Rücken gekehrt haben, und sie wird als Reiseleiterin in Peru arbeiten.
»Ich finde, wir sollten das Datum weglassen, weil wir dann den Titel in größerer Schrift draufkriegen, was meiner Meinung nach besser wäre.«
»Okay«, sagt er.
»Bist du sicher?«, fragt sie. »Weil es durchaus sein könnte, dass sie uns dafür den Kopf abreißen. Wäre ja möglich, dass sie unbedingt das Startdatum drauf haben wollen. Aber wir haben keine Zeit mehr, das abzuklären.«
Er will ihr eigentlich sagen, dass sie das Datum vielleicht doch draufnehmen sollten. Nur damit sie auf der sicheren Seite sind. Nur um zu vermeiden, dass irgendein Idiot in LA sie zur Sau macht, weil er glaubt, niemand sehe sich einen Film an, wenn das Startdatum nicht auf dem Plakat steht. Aber da ist diese Fliege, die mal leise, mal laut, aber nie dort summt, wo man sie vermutet. Die Fliege und der Qualm. Aber vor allem die Fliege. Er hält das nicht mehr länger aus.
»Ich denke, das geht so in Ordnung«, sagt Florian. »Mach dir wegen des Startdatums keine Sorgen, das spielt keine Rolle.«
Da irrt er sich, aber die Würfel sind gefallen. Keine fünf Minuten später ist sie auf dem Weg zum Faxgerät an der Rezeption und schickt den Entwurf an die zuständigen Leute. Und das Datum wird eine Rolle spielen. Ein Mann wird seinen Traumjob nicht kriegen, weil es auf dem Plakat fehlt. Ein anderer wird so lange auf das Plakat starren, um herauszufinden, wann der Film anläuft, bis er von einem Fahrradfahrer umgefahren wird und schließlich eine Krankenschwester kennenlernt, in die er sich verliebt. In gewisser Weise sind dafür die beiden Grafiker verantwortlich, aber man könnte die Verantwortung genauso gut der Fliege zuschreiben.
Als der Grafiker den Raum verlässt, schwirrt die Fliege mit ihm zur Tür hinaus. In der folgenden Woche wird sie eine Reihe noch schwerer wiegende Entscheidungen beeinflussen.


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