Hotel Alpha

STORY 4: In der Halle und draußen (2005)

Ray Burton ist froh, das Alpha zu verlassen und über den Vorplatz laufen zu können, auf dem sich die Bäume heute Nacht überhaupt nicht regen. Dann auf die Euston Road und an der Staatsbibliothek vorbei die Straße hoch zur U-Bahn. Es war ziemlich laut im Hotel, und obwohl die Luft hier draußen immer noch recht warm ist, fühlt sie sich angenehm kühl auf seinen Wangen an nach der Hitze, die nicht nur dem Wetter, sondern auch der Erhitztheit der Leute, dem Zusammenspiel von beidem geschuldet ist. Das kommt dort am Ende eines Sommertags schon einmal vor. So wie sich bei Hitze in der realen Welt ein Gewitter zusammenbraut, so ähnlich geschieht es auch im Alpha. Als Ray ging, schrien immer noch Leute herum, zwar mehr im Spaß, aber es schwang doch etwas Ernstes, Bedrohliches mit. Das lag an diesen Olympialeuten, mit ihren ekligen Zigarren und den Schwabbelbäuchen, die ihre Bestellungen aufgaben, ohne sich zu bedanken oder einen überhaupt anzusehen. Und die Südafrikanerin, die wegen ihres Laptops lamentierte, der anscheinend verschwunden ist, aber bestimmt wieder auftauchen wird.
Alles taucht wieder auf, weil Graham alles wiederfindet. Wenn im Hotel einmal ein Gegenstand abhandenkommt, dann hatte dieser auch wirklich die feste Absicht zur Flucht. Über diese skurrile Vorstellung muss Ray grinsen, während er die Rolltreppe hinuntergeht und abwesend seine SMS checkt, bevor ihm einfällt, dass er hier unten ja keinen Empfang hat.
Gott sei Dank gibt es Graham! Andere Chefs hätten Ray dazu verdonnert, bis zum bitteren Ende zu bleiben, bis auch der allerletzte Gast seinen Weg ins Zimmer oder zur Tür hinaus in Richtung eines noch länger geöffneten Etablissements gefunden hätte. Aber Graham kommt immer alleine klar. Großartiger Kerl. Es ist völlig unmöglich, sich das Alpha ohne ihn vorzustellen. Kein Wunder, es gab das Hotel ja auch noch nie ohne ihn. Angeblich ist er bereits vor der Eröffnung eingestellt worden.
Die U-Bahn ist ziemlich leer. Zwölf Stationen, dann ein Fußmarsch zur Wohnung. Ein paar Gratiszeitungen gammeln verlassen auf den blauen Sitzen im Waggon. Die Neuigkeit, die sie auf ihren Titelseiten verkünden, ist schon keine mehr. Inzwischen sind die Zeitungen von morgen längst aus der Druckerpresse, oder wie immer man das heutzutage nennt. Ray überlegt flüchtig, was mit den ganzen kostenlosen Blättchen, der Metro und wie sie alle heißen, am Ende des Tages passiert. Irgendwer wird sie wohl nach der letzten Fahrt einsammeln.
Da steht was über die Olympiabewerbung. Die würde ihn gar nicht interessieren, wenn nicht ständig im Hotel die Rede davon wäre. Er fragt sich, ob es das viele Geld wert ist. Der Artikel hier mutmaßt, das die Olympiade das ganze East End verändern wird. Er blättert die restlichen Seiten durch: In Großbritannien gilt immer noch eine Terrorwarnung der dritthöchsten Stufe. Sie haben in diesem Jahr schon drei geplante Anschläge vereitelt.
Als kurz darauf die Haltestelle vor seiner angesagt wird, legt er die Zeitung beiseite und macht sich zum Aussteigen bereit. Beim Hochsehen nimmt er erstmals den Mann ihm gegenüber wahr. Der Typ trägt so eine Schiebermütze, wie sie in den Dreißigern modern war und jetzt wieder ist, ein eng anliegendes Jackett und eine Krawatte. Er liest eine Gratiszeitung. Er ist viel cooler als Ray, er ist jedenfalls cooler angezogen. Aber nicht deshalb hat er Rays Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es dauert ein paar Sekunden, bis ihm klar wird, dass er den Mann kennt, und noch ein paar, bis er weiß, wie er heißt.
Sein Name ist Paul Holloway, und sie waren Schulkameraden. Ganz behutsam, als blättere er in einem fremden Tagebuch, kramt Ray in seinem Gedächtnis nach tief vergrabenen Erinnerungen. Paul und er hatten sich auf einer Klassenfahrt zu den Höhlen von Wookey Hole in Somerset kennengelernt. Sie waren beide zwölf, es war in der siebten Klasse. Ihr Erdkundelehrer Mr. Janus, der den Ausflug organisierte, starb noch im selben Schuljahr völlig überraschend an einem Schlaganfall. Am Tag des Ausflugs jedoch war er bei bester Gesundheit. »Wenn irgendwer nicht mit in die Höhle will, soll er Bescheid sagen, das geht völlig in Ordnung«, sagte Mr. Janus. Alle musterten sich gegenseitig. Ray wollte auf keinen Fall dort runter, er hatte gehört, dass es in der Höhle stockdunkel sei, außerdem hasste er enge Räume, seit er sich an Ostern einmal beim Versteckspiel versehentlich in Tante Tessies Wäschetrockenschrank eingesperrt hatte. Aufgrund seiner dreistündigen Gefangenschaft hatte er das Spiel gewonnen, aber angesichts der seelischen Langzeitschäden musste er das wohl als Pyrrhussieg verbuchen.
Er hatte sich damals schon fast damit abgefunden, auch mit hinunter zu müssen, da er sich schwerlich vor allen anderen melden und zugeben konnte, dass er Angst hatte. Doch da sagte Paul Holloway – einer der Coolsten der Klasse, der ein Nintendospiel und ein Zimmer unter dem Dach besaß und auf einer Taufe angeblich schon mal drei Bier getrunken hat: »Mr. Janus, ich will lieber nicht mit.« Ray konnte es kaum glauben und hob sofort ebenfalls die Hand. Also durften sie beide oben bleiben und durch das Museum streifen, sie informierten sich über die Geschichte der Höhlen und diverse Geister, die dort spuken sollten, und erfuhren alles darüber, wie Höhlen entstehen und so weiter. Am Ende des Tages waren sie Freunde. Auf der Rückfahrt saßen sie im Bus nebeneinander, und in der folgenden Woche nahm Paul einen anderen Bus, damit er einen Teil der Fahrt von der Schule nach Hause mit Ray verbringen konnte. Bald verbrachte Ray die Wochenenden immer bei Paul. Unter dem Dach lagen sie bis zwei Uhr nachts wach und redeten. Es war Paul, der Ray vorschlug, sich Ray statt Raymond zu nennen, so wie er es bis heute beibehalten hat.
Pauls Mutter war sehr sexy, und morgens machte sie ihnen Marmeladetoast, und Ray wurde rot und mied ihren Blick, weil er dachte, dass er zu laut kaute.
Sie sahen sich einen der Terminator-Filme zusammen an, und beide hatten sie Skateboards, aber Paul fuhr viel besser als Ray, und als er merkte, dass es Ray keinen Spaß machte, tat er so, als würde er es auch nicht mögen, und die beiden verkauften ihre Skateboards wieder. Einmal trafen sie sich mit zwei Mädchen, Lydia und Francine, aber es lief nicht so, wie es sollte, weswegen Ray und Paul sich verabschiedeten und zu Mc Donald’s gingen, wo sie Milchshakes tranken und sich über Francines Zahnspange lustig machten. Bei einer Geburtstagsfeier gingen sie zum Bowling, wo Paul es irgendwie schaffte, den Punktestand so zu manipulieren, dass Ray besser dastand als er selbst. Ray ließ Paul seine Biologiehausaufgabe abschreiben, weil Pauls Eltern sich gestritten hatten, Pauls Vater die Familie verlassen wollte, Paul aus seinem Dachzimmer rausmusste und mit seiner Mutter in irgendein lausiges Apartment umziehen würde, weswegen er keine Zeit gehabt hatte, die diversen Bestandteile einer Pflanzenzelle zu beschriften. Paul verkaufte Ray sein Nintendo für nur 15 Pfund, obwohl er eigentlich 50 gewollt hatte, weil der Zeitungshändler, für den Ray Zeitungen austrug, ein Schuft war und Ray seinen Lohn nicht rechtzeitig zahlte.
Wenn jemand sie in den nächsten zwei Jahren nach ihrem besten Freund gefragt hätte, hätten beide keine Sekunde gezögert und sich gegenseitig genannt. Aber da sie keine Mädchen waren, wollte das niemand wissen. Wer einen von ihnen suchte, erkundigte sich beim anderen. Einmal redeten sie über ihre Zukunft. Sie waren sich einig, dass sie auf die gleiche Uni gehen würden, was so weit vernünftig und machbar war, aber darüber hinaus wurde es schwierig, weil sie unterschiedliche Pläne hatten. Paul wollte Musikproduzent oder Toningenieur werden, Ray dagegen etwas mit Menschen machen, genauer wusste er das noch nicht. Er wollte in einem Team arbeiten. Wahrscheinlich würden sie keinen Job in der gleichen Firma finden, aber auf jeden Fall wollten sie nahe beieinander wohnen und sich mehrmals wöchentlich sehen. Sie gingen davon aus, dass sie Familien haben würden, Ehefrauen und so, aber das war noch so weit weg, das würde man dann schon sehen.
Es gab keinen präzisen Zeitpunkt eines Bruchs, nichts Ausschlaggebendes. Auch keinen Streit, womit Ray vielleicht besser klargekommen wäre. Als sie nach den Ferien in die zehnte Klasse kamen, schien Paul sich verändert zu haben oder irgendwie verändert worden zu sein. Als Ray Paul nach seinen Ferien fragte, sah der ihn an, als habe er eine geradezu peinlich banale Frage gestellt. Sie fuhren immer seltener zusammen im Bus. Der neue Stundenplan sorgte dafür, dass sie nicht mehr nebeneinander sitzen konnten. Und auch hier: Wären sie Mädchen gewesen, hätte sich die scheinbare Verschlechterung ihres Verhältnisses vor den Augen aller vollzogen, wäre von den Alphamädchen der Klasse diskutiert worden und hätte vielleicht sogar einen alles entscheidenden Showdown nach sich gezogen.
So aber hatte Ray nie den Eindruck, er könne Paul einfach fragen, was geschehen sei, wenn überhaupt etwas geschehen war. Monate vergingen, und Paul trat der Rugby-Schulmannschaft bei. Er gewann eine Reihe neuer Freunde, die zum Spaß aufeinander einschlugen und praktisch alle anderen für schwul hielten. Als Rays Mutter fragte, was denn mit Paul sei, warum er sich gar nicht mehr blicken ließ, schnauzte Ray sie an, was ganz untypisch für ihn war, und sie erkundigte sich nie wieder nach ihm.
Als Paul und Ray in der Oberstufe dann auf unterschiedliche Colleges gingen, war schon kaum mehr vorstellbar, dass sie vor nicht allzu langer Zeit so viele Samstage miteinander verbracht hatten; dass Paul für ihn da gewesen war, als Ray das erste und einzige Mal in der Schule weinte, da ihn der Musiklehrer Mr. Gadston als Versager bezeichnete, weil er in einer Probe über die Notenschrift nur 21 Prozent der Punkte erreicht hatte. Vor allem diese letzte Erinnerung verdrängte Ray, denn wenn es einen Grund gab, warum Paul ihn nicht mehr mochte, dann, so vermutete er, weil er zu anhänglich geworden war und Paul ihn deshalb nicht mehr respektiert hatte.
Letztendlich spielte es ja auch keine Rolle. Sie gingen getrennte Wege und wurden erwachsen. Ray fing kein Studium an, sondern arbeitete in einer Autowerkstatt. Im Sommer hatte er einen Zweitjob. Er zapfte Bier auf dem Ausflugsboot einer Firma namens SaufTours auf der Themse. Dort erzählt ihm jemand von einem Job an der Bar des Hotels Alpha. Sein Vorstellungsgespräch hatte er bei Howard York persönlich, und als der einen Hustenanfall bekam, holte Ray ihm ungefragt ein Glas Wasser. Er wurde auf der Stelle eingestellt.
Jetzt arbeitet er in seinem Team. Er managt die Bar. Er hat Tony Blair kennengelernt und einen Haufen anderer berühmter Leute bedient. Nachmittags plaudert er mit Chas, der in der Lage zu sein scheint, eine Unterhaltung zu führen, ohne auch nur eine Sekunde mit dem Tippen aufzuhören. Ray mag seinen Job. Er hat eine Freundin. Es gibt nichts, das er vermissen könnte.
Doch jetzt sitzt da Paul Holloway, fünfzehn Jahre, nachdem sie sich zuletzt gesehen haben, und zwanzig, nachdem sie unzertrennliche Freunde gewesen waren. Ray mustert Paul genauer. Nur sie beide sitzen in dem Waggon. Er denkt daran, wie er in Pauls Zimmer auf dem Boden schlief, oder besser gesagt, nicht schlief, weil der Running Gag dieser Nacht darin bestand, sich alberne Vornamen für ihre Lehrer auszudenken. Marmaduke Gadston. Ronald Donald McDonald. Jeder Einfall war immer noch ein bisschen lustiger als der vorige. Irgendwann um drei oder vier Uhr morgens kam Pauls sexy Mutter an die Tür und schimpfte, sie sollten gefälligst leise sein. Danach setzten sie ihr grandioses Herumgealbere kaum gebremst im Flüsterton fort.
Paul hat große schwarze Kopfhörer mit einem goldenen Totenkopflogo um den Hals hängen. Auf seinem Kinn sprießen ein paar Bartstoppeln. Er ist noch immer in die Gratiszeitung vertieft. Ray versucht, das Gefühl in seiner Magengrube zu definieren: Es hat wohl mit seinem niedrigeren Status zu tun, damit, dass Paul ihn überflügelt hat und weniger weil ihre Freundschaft zerbrochen wäre. Bei ihrer 30-sekündigen Anfahrt auf Rays Haltestelle verlangsamte die U-Bahn ihr Tempo. Kurz glaubt er, dass er aussteigen wird, ohne dass Paul ihn überhaupt bemerkt. Dann hebt Paul den Blick und sieht Ray fragend an.
Die beiden starren einander an. Der Zug wird immer langsamer. Dann kommt er zum Stillstand.
Sie ziehen gleichzeitig die Augenbrauen hoch. Paul verzieht amüsiert das Gesicht so einer »Na so was!«-Miene. Ray erwidert seinen Blick. Keiner von beiden sagt etwas. Die Türen öffnen sich. Ray bleiben zehn Sekunden. Zwei, drei davon verschwendet er mit dem vagen Gedanken, dass er einfach nicht versteht, wie das passieren konnte. Na gut, sie waren Kinder damals, nun sind sie es nicht mehr. Aber trotzdem: Wie kann es sein, dass man in ein und demselben Leben zuerst so verbunden ist, dass der eine sich unvollständig fühlt, wenn der andere auch nur einen Tag in der Schule fehlt, und sich später nichts mehr zu sagen hat?
Im allerletzten Moment, schon halb aus der Tür, tastet Ray in seiner Tasche nach einer Visitenkarte. Unter dem geprägten silbernen A auf rotem Grund steht sein Name: Ray Burton, Bar-Manager. Er wirft sie hinein in den Waggon, in Pauls Richtung. Dann geht er weiter, ohne sich nochmals umzusehen. Er weiß nicht, ob Paul sie aufheben und lesen wird, ob er im Hotel vorbeikommen wird und was sie sich dann sagen werden, wenn er es tatsächlich tut, und warum ihm das plötzlich so wichtig ist.


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