Hotel Alpha

STORY 40: Zimmer 4 (1989)

»Das Problem ist, dass all diese Leute mich gesponsert haben. Verstehst du? Und wir brauchen dieses Geld, wir brauchen einen neuen Inkubator. Ich hab’s verdammt noch mal versprochen. Ich habe fast 1000 Pfund Sponsorengelder bekommen.«
Howard grinst amüsiert: »Aber dann erklär mir mal, warum du nicht just in diesem Moment …«
Ron Deacon macht mit der einen Hand eine Geste der Hilflosigkeit, mit der anderen zupft er an der Haut seiner Stirn, als wolle er sie abziehen, damit darunter ein neues Gesicht zum Vorschein kommt. »Ich habe einfach … mir sind einfach die Nerven durchgegangen, Howard. Ach komm, selbst du musst doch irgendwann im Leben schon mal einen Moment gehabt haben … wo du es einfach nicht gebracht hast.«
»Das geht nur mich und S-J was an«, sagt Howard augenzwinkernd.
»Mensch, Howard!« Ron knetet seine Hände. Unter seinem Trainingsanzug trägt er ein blaues T-Shirt mit seiner Startnummer, Shorts und einen Beutel mit Energieriegeln und Getränkeflaschen. »Ich brauche jetzt deine Hilfe. Sonst bin ich ein toter Mann. Die werden mich lynchen.«
Als es leise an der Tür klopft, schrickt Ron zusammen. Wenn nur ein Mensch, ein einziger Mensch, ihn sieht und aus einem dummen Zufall heraus erkennt, dann wird sich das sofort herumsprechen. Howard öffnet einen Spalt breit die Tür, und Graham, der Portier, schiebt sich durch den winzigen Zwischenraum, der für einen Menschen eigentlich zu schmal erscheint.
»Wie kann ich behilflich sein?«
»Willst du es ihm erklären, Ron?« Howard kann schwer verbergen, wie sehr ihn die ganze Sache belustigt. »Oder soll ich?«
Ron hebt eine Hand: Ich habe hier nichts zu sagen, soll das heißen, übernimm du.
»Na gut, also mein Freund Ron hier, ein sehr alter Freund, läuft heute Vormittag beim London-Marathon mit.«
»Ah ja.« Graham überlegt kurz. »Hat der nicht schon …?«
»Ja, er hat schon vor einiger Zeit begonnen.« Howard hat an der Geschichte nach wie vor seine Freude, während Ron weiter auf seine Füße in den nagelneuen Laufschuhen starrt. »Ron stand am … wo ist der Start?«
»In der Nähe von Blackheath, glaube ich«, springt Graham ein.
»Er steht am Start, sieht all die vielen Leute dort in den Laufklamotten, die ganzen Fernsehkameras, und …«
»Und kriegt Muffensausen, so ist es.« Ron schüttelt den Kopf, als könne er es selbst nicht glauben. »Ich habe so viel trainiert. Aber dann stehe ich dort an der Startlinie und denke an das, was ich vor mir habe. Diese endlosen Kilometer. Unmöglich! Das habe ich einfach nicht verkraftet. Ich habe mich umgesehen, überall diese Leute, alle Feuer und Flamme. Ihre Ausrüstung, die T-Shirts mit den Namen ihrer Laufclubs. Was soll ich sagen: Ich hasse Laufen!« Er deutet mit dem Finger auf Graham, als sei es dessen Fehler, dass dieser Marathon überhaupt existiert. »Welcher halbwegs zurechnungsfähige Mensch will denn 42 und ein paar zerquetschte Kilometer laufen, um Himmels willen?«
»Ja, es widerspricht dem gesunden Menschenverstand«, gibt Graham zu. »Aber dennoch haben Sie, Sir, …«
»Ich wollte doch gar nicht!« Ron schnaubt. »Wir mussten Geld auftreiben … meine Cousine arbeitet in einem Krankenhaus. Die sind ganz schön unterfinanziert. Sie hat überlegt, bei dem Marathon mitzulaufen, aber sie ist, wie heißt das noch mal, sie ist Dialektikerin, ihr Blutzuckerspiegel spielt verrückt.«
»Diabetikerin.«
»Genau, das meine ich. Also blieben nur ich und ihr Schwager, aber der hat eine gute Entschuldigung von wegen Wehrdienst in Israel, also war der Schwarze Peter bei mir. Ich habe so viele Sponsoren. Ich habe gedacht – was weiß ich, was ich mir gedacht habe. Dass ich das schon irgendwie schaffe. Aber es geht nicht. Als ich da draußen diese ganzen verdammten Läufer gesehen habe, da hab ich gedacht, das ist doch völliger Blödsinn, ich kann das einfach nicht. Ich hatte meine Kleidung in einer Plastiktüte dabei. Die habe ich übergezogen und mich davongeschlichen. Und als der Lauf dann losging, und zwar definitiv ohne mich, na ja, da habe ich Panik gekriegt. Habe Howard angerufen. Das macht man doch, oder? Wenn man aus einer blöden Situation rauskommen will.«
»Ja, im Allgemeinen sind wir die richtige Anlaufstelle für solche Fälle«, bestätigt Graham.
»Er hat mir gesagt, ich soll versuchen, irgendwie hierherzukommen, egal wie. Ich habe ein Taxi genommen. War natürlich nicht einfach, weil ja die Hälfte der Straßen dicht sind, wegen … eben wegen des scheiß Marathons. Aber ich hab’s geschafft.« Kurz sieht Ron aus, als wolle er bescheiden die Bewunderung zurückweisen, die ihm zuteil werden sollte, weil zum Alpha zu gelangen praktisch die gleiche Herausforderung darstellt, wie den Marathon zu absolvieren. »Tja, so sieht’s aus. Ich habe allen gesagt, ich würde mitlaufen und habe die Sponsorengelder eingestrichen. Ich muss … also ihr seht, in welcher Lage ich mich befinde. Man muss mich dabei sehen, wie ich ins Ziel einlaufe. Wenn ihr versteht, was ich meine.«
»Wir kriegen das irgendwie hin«, sagt Howard, reibt seine Hände und schaut dabei so verschmitzt wie ein Schuljunge. »Wir müssen Ron irgendwie durch die Menge schmuggeln, vielleicht in der Nähe der Haltestelle Embankment, und ihn dann in der Läufermeute unterbringen. Das ist ungefähr drei Kilometer von der Ziellinie entfernt, Ron. Meinst du, das packst du?«
Zuerst scheint Ron selbst diese Vorstellung zu entmutigen, aber dann willigt er ein: »Okay. Ich denke, das schaffe ich.«
Graham runzelt die Stirn. »Die Ersten werden in etwa einer Stunde im Ziel einlaufen, vermute ich. Aber die Mehrheit erst später. Wir sollten nicht zu früh dort sein. Besser, wir fahren erst hin, wenn der Pulk am größten ist.«
»Na gut, warum bleibst du dann nicht einfach hier in diesem Zimmer?«, schlägt Howard Ron vor und schlägt ihm auf die Schulter. »Mach den Fernseher an, halt dich über das Rennen auf dem Laufenden und sag einfach Bescheid, wenn du bereit zum Finish bist.«
»Werden wir denn damit durchkommen?« Rons Blick bettelt um Zuspruch, und in Sachen Zuspruch ist Howard ein Meister.
»Wir sind schon mit ganz anderen Sachen durchgekommen«, sagt er.
»In der Tat«, ergänzt Graham fast unhörbar, die Hand auf der Türklinke. Howard folgt ihm. Auch Ron steht auf und geht zur Fernbedienung, die dank dem Zimmerpersonal genau da ist, wo man sie braucht, nämlich auf dem Nachtkästchen. Als die beiden anderen schon fast draußen sind, fällt Ron etwas ein.
»Will einer von euch vielleicht einen Energydrink? Ich habe sechs Flaschen dabei, und ich glaube, die werde ich jetzt doch nicht alle brauchen.«


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