Hotel Alpha

STORY 41: Im Wohnzimmer der York’schen Wohnung (1989)

»Tut mir leid«, sagt Graham. »Kannst du das bitte wiederholen?«
Howard sieht von der Encyclopaedia Britannica hoch, es ist der vorletzte Band: V–W. X, Y und Z sind im letzten zusammengefasst. Wenn sie erst einmal durch W durch sind, haben sie diese Mammutaufgabe fast geschafft: das gesamte Wissen der Welt für Chas auf Band aufzunehmen. Danach wird Howards Freund Dexter sie auf CD brennen. Chas wird völlig aus dem Häuschen sein. Schließlich haben sie ganze Arbeit geleistet, auch wenn sie natürlich einige Abschnitte überspringen oder vereinfachen mussten. Zum Beispiel den über die Dinosaurier. Es ist einfach unglaublich, wie viele Arten es von diesen Mistviechern gab – der Lexikoneintrag ging über 20 Seiten. Howard bewundert zutiefst die Leute, die all das zusammengetragen haben. Vor dieser Enzyklopädie hat er einen Mordsrespekt. Vor ihrer unangreifbaren Autorität. Ihrer unwiderlegbaren Wahrheit in jeder einzelnen Zeile. Dem Eindruck ewiger Beständigkeit.
»Ich fragte«, wiederholt Howard, »was wir mit Wittgenstein machen. Wird er den je brauchen?«
Graham zögert. »Hm, ich weiß nicht recht. Also ich kann nicht behaupten, dass ich viel über ihn weiß.«
»Ist ganz schön anspruchsvoll.« Howard überfliegt die erste Seite. Dort findet sich ein grobkörniges Foto, aufgenommen 1920 in Cambridge, der Philosoph im Gespräch mit ernst dreinblickenden jungen Männern mit Schnurrbart. »Irgendwas über ›Sprachspiele‹. Wie Sprache mit der Realität zusammenhängt.«
»Aha.« Graham denkt nach. »Also vielleicht … vielleicht sollten wir doch was über ihn reinnehmen. Vielleicht sagt das dem kleinen Chas im Augenblick noch nicht so viel, aber womöglich später mal? Er ist doch davon abhängig – von Sprache, meine ich. Von Wörtern.«
»Du hast recht. Soll ich es lesen, oder willst du?«
»Das überlasse ich gerne dir«, sagt Graham.
Howard drückt den Knopf, worauf das Band gemächlich zu laufen beginnt. Ein kleines rotes Licht zeigt an, dass jetzt aufgenommen wird. »Ludwig Wittgenstein«, fängt Howard an und blickt dabei in das riesige Buch vor sich, »war ein Philosoph – das ist jemand, der, äh, über Dinge nachdenkt. Über das Leben und seinen Sinn, zum Beispiel. Egal – Wittgenstein wurde in Österreich geboren, verbrachte aber einen Großteil seines Lebens in Großbritannien.«
Graham starrt auf den Tisch. Ob sich Howard wohl gerade fragt, warum er ihn beim ersten Mal nicht gehört hat? Die Situationen, in denen Grahams Konzentration einmal nachlässt, sind ausgesprochen selten. Graham selbst ist überrascht, dass ihm das passiert ist. Er blinzelt, fummelt an seinen Manschetten und kratzt sich am Kopf. Er denkt zurück an seine erste Begegnung mit Agatha beim Vorstellungsgespräch und überlegt, ob ihm schon damals aufgefallen ist, dass sie etwas Besonderes war. Mehr als das. Ob er damals schon wusste, dass er irgendwann einmal einen Satz von Howard verpassen wird, weil er sich gerade Agatha nackt vorstellt: Eine Frau, die nicht seine Frau ist. Noch nie zuvor … zum ersten Mal in seinem Leben hat er heute sozusagen etwas Unanständiges gedacht. Und genau genommen ist er auch nicht sicher, ob er wirklich der Meinung ist, dass es sich lohne, Wittgenstein mit aufzunehmen. Er wollte einfach, dass Howard ein paar Minuten beschäftigt ist, damit er, Graham, gründlicher darüber nachdenken kann, was es bedeutet, dass er solche Gedanken über jemanden denkt. Gedanken, die sich nicht gehören. Gedanken, die er nicht nochmals zulassen darf.
Er weiß, dass bestimmte Leute behaupten, wir könnten unsere Gedanken nicht kontrollieren. Das menschliche Hirn sei wie eine weiße Wand, auf der in jeder Sekunde Hunderte Dings herumkritzeln – wie heißen die noch mal, die Leute, die Graffiti machen? Egal: Graham glaubt das nicht. Er glaubt, dass jeder Mensch auch Herr über sein Hirn ist. Also genau das, was Howard auch die ganze Zeit sagt.
»… was er als Sprachspiel bezeichnete. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Was meinst du, Madman?«
Graham hustet. Er hat wieder 30 Sekunden verpasst. »Geht mir genauso. Es ist ein Rätsel, was das alles zu bedeuten hat.«


Entdecken Sie das »Hotel Alpha« von Mark Watson: Zum Katalog