Hotel Alpha

STORY 42: Zimmer 40 (1977)

Er hat ihr einen Antrag gemacht!
Benommen blickt Fiona wieder auf den Saphirring an ihrem Finger, den Ring, den er ihr hingestreckt hat, als er vor zwei Stunden im Palm-Court-Restaurant vor ihr auf die Knie ging. Sie freute sich so über seine gewagte Geste, darüber, dass ihr Mädchentraum von einem Heiratsantrag in Erfüllung ging, sie war so erleichtert. In der Aufregung sagte sie gar nicht wirklich »Ja«, sondern ließ es einfach auf sich wirken. Seither hat Fiona ständig telefoniert. Sie ist dazu gar nicht hinauf ins Zimmer gegangen, denn als sie es dem Portier mitteilten, durften sie sein Telefon benutzen.
Sie rief ihre Mutter an, die außer sich vor Freude war. Sie rief Amanda an, die Gary zwar nie gemocht hat, deren Abneigung sich aber bei der Aussicht, Trauzeugin zu werden, in Luft aufzulösen schien. Und dann Pam, die sagte: »Oh Gott, ich kann es gar nicht erwarten, ich bin so aufgeregt.« Pam, die in ihrem ganzen Leben noch nie aufgeregt war. Die ins Bett ging, statt sich die Mondlandung anzusehen, weil ihr das »zu spät« war.
Und nun sind sie auf dem Weg ins Zimmer, um zu feiern. Gary reibt sich die Hände. Fiona ist von der ganzen Aufregung eher erschöpft. Sie würde die Verlobung am liebsten feiern, indem sie schnurstracks einschläft, an seinen großen warmen Körper gekuschelt, mit seinen lustigen Locken an ihrer Wange, und wenn sie sich dann irgendwann wegdreht, wäre er noch immer an sie geschmiegt.
Als sie die Tür öffnen, stutzt Gary und stemmt die Hände in die Hüften. »Hier sollten doch Blumen sein.«
»Was meinst du?«
»Ich habe doch …« Gary schreitet über den Teppich und sieht sich um, als habe er etwas verpasst. »Ich habe Blumen und Champagner bestellt, die sollten schon hier stehen, wenn wir reinkommen. Als Überraschung.«
»Ach Schatz, das war wirklich eine nette Idee.«
Aber Gary ist aus dem Konzept gebracht. Er hasst es, wenn seine Pläne nicht aufgehen, und er wird schnell wütend, wenn er betrunken ist. Vor einer halben Stunde waren sie beide beschwipst, aber anscheinend hat die Wirkung des Alkohols bei ihr etwas schneller nachgelassen.
»Das ist doch unglaublich«, sagt er. »Jetzt rufe ich mal unten an und frage, was diese Clowns da eigentlich treiben.«
»Das sind keine Clowns. Der Typ an der Rezeption war doch so …«
»Hier sollte verdammt noch mal Champagner stehen.«
»Wir brauchen wirklich nicht noch mehr Champagner«, sagt sie und geht ins Badezimmer. Und es stimmt auch, denn sie hat jetzt schon mehr als genug getrunken und ist ein bisschen benebelt von dem ganzen Trubel. Sie zieht die Tür zu, dreht den Hahn auf und spritzt sich Wasser ins Gesicht, in der Hoffnung, dann klarer denken zu können.
»Ich bin von Ihrer Inkompetenz schwer enttäuscht.« Wie dumm er klingt. Sie versucht, sich selbst aufmunternd zuzulächeln. Redet er etwa mit dem netten Mann, der sie vor ein paar Minuten das Telefon benutzen und eine ganze Latte von Anrufen hat tätigen lassen? Muss er denn so unhöflich sein? Nein, er spricht mit einer Frau. »Hören Sie mal, Schätzchen, das ist wirklich nicht akzeptabel.«
Als sie nach einem Handtuch greift, um ihr Gesicht abzutrocknen, fällt ihr Blick wieder auf den Saphir, der an ihrem Finger schimmert. Gary knallt den Hörer ziemlich heftig auf die Gabel.
»Was zum Teufel treibst du eigentlich da drinnen?«
Fiona betrachtet ihren Gesichtsausdruck im Spiegel. Die beiden Fionas sehen sich höchst besorgt an. Diese Seite von Gary kommt nur manchmal zum Vorschein. Schon mehrfach hat sie sich eingeredet, dass das keine »Seite« von ihm ist, sondern voneinander unabhängige, leicht entschuldbare einzelne Vorkommnisse. Aber da ist diese Seite wieder, und einen Moment lang, während sie ihr Kleid glatt streicht, hat sie keine Lust, wieder ins Zimmer zu gehen, zurück zu ihrem frisch Verlobten. Der Gedanke durchzuckt sie, dass sie heute Abend den schlimmsten Fehler ihres Lebens begangen haben könnte. Er durchzuckt sie in Form von zehn kleinen Erleuchtungen auf einmal:
1.  Er ist aufbrausend.
2.  Er wird insbesondere wegen Kleinigkeiten sauer, wie zum Beispiel wegen der Blumen, wegen Dingen, die seiner Ansicht nach den Tag verderben, wo doch seine Wutanfälle erst recht dazu beitragen.
3.  Er nennt Frauen in einem herablassenden Tonfall »Schätzchen«, was ihr unangenehm ist. Aber deswegen kann man doch jemanden nicht nicht heiraten, oder?
4.  Er wird grundsätzlich ungeduldig, wenn sie sich im Badezimmer aufhält, selbst wenn es nur ganz kurz ist. Und wenn sie drin ist, redet er mit ihr in einem Ton, der ihr nicht besonders gefällt.
5.  Er ist nicht sehr nett zu Hunden. Diesem Hund am Strand wollte er einen Tritt versetzen und tat dann so, als sei es nur ein Scherz gewesen.
6.  Immer wenn er mit seinen Freunden zusammen war, betont er eine Zeit lang übertrieben seinen Yorkshire-Akzent. Aber deswegen kann man doch jemanden nicht nicht heiraten, oder?
7.  Amanda mag ihn nicht, und Amanda ist eine gute Menschenkennerin. Bei dem Mann von der Tankstelle lag sie genau richtig.
8.  Es nervt ihn, wenn sie seine Schreibfehler korrigiert, dabei ist er in Rechtschreibung wirklich schlecht. Sie hat schon erlebt, dass er »Stiel« und »still« verwechselt hat.
9.  Er scheint ein besonderes Faible für ihre Zehen zu haben und hat schon zweimal versucht, an ihrem großen Zeh zu nuckeln, und obwohl sie ihm mit sehr deutlichen Worten klargemacht hat, dass sie das kein drittes Mal erleben möchte, ist sie sich nicht sicher, ob das bei ihm angekommen ist. Außerdem reibt er sich immer die Hände, wenn er davon ausgeht, dass sie gleich miteinander schlafen werden.
10.  Wenn man mit jemandem zusammen ist, hat sie irgendwo gelesen, und es gibt an ihm Dinge, die einen stören, dann sollte man sie ansprechen, weil sie sonst mit der Zeit immer ausgeprägter werden. Aber sie hat noch kein einziges dieser Themen angesprochen.
»Himmelherrgott«, hört sie ihn sagen und weiß nicht, ob das an sie gerichtet war oder sich auf das Blumenproblem bezieht. »Das kann einem ja wirklich die Laune verderben.« Und dann spürt sie es wieder: dass sie keine Lust hat, zu ihm ins Zimmer zu gehen. Sie soll den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen und hat schon jetzt keine Lust, diese trennende Wand hinter sich zu lassen, um ihm gegenüberzutreten.
Mach dich nicht lächerlich, Fi, tadelt sie sich. Du liebst ihn. Es liegt nur an der Situation. Das ist alles.


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