Hotel Alpha

STORY 43: Im Rauchersalon (1991)

Obwohl er die CD so oft gehört hat, dass er sie beinahe Wort für Wort auswendig kann, ist Chas wirklich noch zu klein, um viel von dem Lexikoneintrag über Wittgenstein zu verstehen. Aber bestimmte Konzepte hat er kapiert. Erstens, dass ein Mensch allein fürs Denken berühmt werden kann. Dass Denken ein Beruf sein kann: etwas, das man auch tun kann, wenn man blind ist. Außerdem, dass Wörter das Gleiche bedeuten wie »Dinge« – also können Wörter die Wirklichkeit vertreten. Und dieser Gedanke ist ausgesprochen inspirierend für jemanden, der sich ausschließlich auf abstrakte Vorstellungen verlassen muss, um in der Welt zurechtzukommen. Daher bringt er eines Tages JD dazu, mit ihm in den Rauchersalon zu gehen und den Band V–W der Encyclopaedia Britannica hervorzuziehen, um nachzusehen, ob darin noch mehr Informationen über diese längst verstorbene Persönlichkeit zu finden sind. JD grummelt auf seine übliche gutmütige Art und hievt ein großes Buch herunter. Drei weitere, die daran lehnen, kippen dabei um, und eines – ein Buch mit dem Titel Der Augenblick – poltert aus dem Regal. Eigentlich sollte JD es dahin zurückstellen, wo es war, doch wie sein Vater tut JD nicht immer das, was er sollte. Er lässt es also auf dem Beistelltisch neben dem Sessel liegen.
Der Nächste, der auf diesem Sessel sitzen wird, wird seine Teetasse auf dem Buch abstellen, einen kreisrunden Rand darauf hinterlassen und damit den Status des Buchs als Ablagefläche zementieren. In der Folge werden Gefäße aller Art auf Der Augenblick abgestellt. Das Personal räumt es nie zurück ins Regal, weil es anscheinend da, wo es jetzt liegt, zu mehr nütze ist. Der Tisch ist aus hellem Holz und hat im Lauf der Zeit ein paar Schrammen und Flecken abbekommen von den Drinks der Leute, die aus der Bar herüberschlenderten oder sich gezielt wegen einer Privatangelegenheit oder einfach, um allein zu sein, hierher verzogen. Der Augenblick scheint dafür gemacht, als Untersetzer zu dienen, was die Autorin bestimmt als Verunglimpfung empfinden würde. Andererseits hat dieses Buch gerade durch seine Position auf dem Tisch die große Chance, eines Tages gelesen und geschätzt zu werden – oder sogar, wie ursprünglich beabsichtigt, das Leben eines Menschen zu verändern.


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