Hotel Alpha

STORY 44: Auf der Euston Road, etwa 800 Meter vom Alpha entfernt (1985)

Er tänzelt in der Frühlingssonne die Straße entlang. Matthew Gillett, der mit Abstand beste Mann für den freien Posten im Hotel Alpha, hat sich herausgeputzt: Er trägt Anzug und Krawatte, und seine Schuhe hat er von einem Nigerianer am Bahnhof aufpolieren lassen. Er sieht auf die Uhr: Bis zu seinem Vorstellungsgespräch bleiben noch 45 Minuten. Genau die richtige Zeitspanne: noch lang genug, um sich keinesfalls zu verspäten, aber nicht so lang, dass er peinlich früh erscheinen und den Eindruck erwecken wird, er warte schon seit Wochen auf nichts anderes. Zeitmanagement ist entscheidend – eine Weisheit, die er sich in einem Buch mit dem Titel Der Augenblick angelesen hat. Jede Minute muss durchgeplant sein. Genau das hat Matthew gemacht. Den heutigen Tag, den Tag des Vorstellungsgesprächs, hat er ganz präzise durchgeplant: Er ist mit dem Weckerklingeln um 7:30 Uhr aufgestanden, hat genau zehn Minuten fürs Duschen gebraucht und dann ein wohlüberlegtes Frühstück zu sich genommen, das ihn mit der nötigen Energie versorgt. Anschließend hat er genau eine Stunde damit verbracht, womit er auch bisher täglich eine Stunde verbrachte: Er hat Antworten auf die Fragen eingeübt, die ihm sein Gesprächspartner, ein Mr. Adam, stellen könnte.
Was sind Ihre Stärken?
(Bescheiden lachen) Tja, mit dieser Frage begibt man sich auf ein Minenfeld. Ich würde sagen, vor allem einmal meine Bescheidenheit. (Aufpassen: erst einschätzen, ob in der Situation ein Scherz angebracht ist.) Nein, im Ernst: Ich halte mich für sehr teamfähig. Für mich steht das Wohl der Firma an erster Stelle. Das war schon so bei Lloyds und zuvor im Planetarium und bei Spar, meinen vorherigen Arbeitgebern. Ich würde mich auch als gut organisiert und effizient bezeichnen. Ich habe den Hotelbetrieb hier beobachtet und festgestellt, wie glatt alles läuft. Sie brauchen jemanden, der sich da einfügt, der Teil dieser gut geölten Maschinerie werden kann – ein wichtiger, aber unauffälliger Teil. Ich glaube, das könnte ich. Außerdem bin ich sehr stolz auf mein Zeitmanagement.
Und Ihre Schwächen?
Nun ja, natürlich hat jeder Schwächen. Ich würde sagen, meine ist es, an mich selbst unangemessen hohe Ansprüche zu stellen, ebenso wie manchmal an die Menschen meines Umfelds. Im Planetarium wurde ich manchmal regelrecht zurechtgewiesen, weil ich – ich weiß, das klingt absurd – einen so imponierenden Berg von Überstunden anhäufte und meine eigene Abteilung derart gut im Griff hatte, dass andere Bereiche des Museums dagegen richtig schlecht dastanden. Aber ich bin immer bereit, aus Kritik zu lernen, und habe die Erfahrung gemacht, dass man den anderen im Team stets auch eine gewisse Nachsicht entgegenbringen muss.
Und wo sehen Sie sich in einem Jahr?
Wo Sie jetzt sind! (hier respektvoll lachen). Nein, ernsthaft: Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich mit dem gleichen Qualitätsanspruch, den ich jetzt schon habe, auch weiterarbeiten werde – auf einem Posten mit größerer Verantwortung. Ich hoffe, dass ich bis dahin meinen Nutzen für das Hotel unter Beweis gestellt habe und eine wichtige Funktion in seinem Gefüge einnehme. Ich sehe das Alpha nicht als Sprungbrett zu etwas Höherem. Ich sehe die nächsten zehn Jahre als einen Prozess …
Eine Frau eilt an ihm vorüber, eine Zeitung unter den einen Arm geklemmt, in der anderen Hand einen Schirm – den sie an einem so heiteren Tag wie heute bestimmt nicht brauchen wird. Dieser Schirm verfängt sich in einer Falte seines Jacketts, und die beiden sehen sich kurz verärgert an. Das ist der einzige Augenblick, in dem sie sich je begegnen. Matthew blickt an sich herunter, um zu prüfen, ob der Zusammenstoß Spuren auf seinem Jackett hinterlassen hat, aber es ist nichts zu sehen, und er vertieft sich wieder in die Probe seines Vorstellungsgesprächs. Das Sonnenlicht auf den Mauern des King’s-Cross-Bahnhofs sieht wie verschütteter Orangensaft aus.
Was genau reizt Sie am Hotel Alpha?
Natürlich ist mir seit Langem der exzellente Ruf dieses Hauses bekannt, wie jedem, der sich für das Londoner Leben interessiert. (Aufpassen: Das muss so klingen, als lebe man schon ewig in London, nicht so, als sei man erst vor vier Jahren aus Kettering hergezogen.) Mich hat schon immer die Vorstellung fasziniert, dass man sich an diesem Ort nicht einfach nur aufhalten, sondern sich verwirklichen kann. Und ich würde gerne dazu beitragen, dass Gäste …
Ein Doppeldeckerbus rollt vorbei, und Matthew springt unwillkürlich zur Seite, als drohe der Bus einen Schwenk über den Gehsteig zu machen. Matthew wirft einen Blick auf die rote Karosserie, die wie alles heute übergossen ist von dem strahlenden Sonnenlicht, und nimmt nebenbei das Werbebanner für eine romantische Komödie wahr, die gerade in den Kinos läuft. Er hat das gleiche Plakat schon letzte Woche gesehen. Wie der Zufall es will, ist der Entwurf dafür im Rauchersalon des Alphas entstanden, genau dort, wohin er jetzt unterwegs ist. Weil die beiden Grafiker mehrfach abgelenkt wurden, versäumten sie es, das Startdatum des Films auf das Plakat zu nehmen. Hätten sie es getan, wäre es Matthew vielleicht letzte Woche, als er das Plakat zum ersten Mal sah, aufgefallen, und dann hätte ihm vielleicht gedämmert, dass sein Vorstellungsgespräch im Alpha just an demselben Tag stattfinden sollte. Aber so setzt Matthew, der mit Abstand beste Mann für den Posten, seinen Weg fort und probt im Geiste weiter seine sorgfältig ausgearbeiteten Antworten auf Fragen, die ihm nie jemand stellen wird. Im Hotel, das sich nun nur noch etwa hundert Meter entfernt befindet, ist diejenige, die den Job letztendlich bekommen hat, bereits mit Freude bei der Arbeit.


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