Hotel Alpha

STORY 46: An der Rezeption (1997)

»Eine entsetzliche Geschichte, das mit Prinzessin Diana.«
»Ganz entsetzlich. Wir hatten Leute hier … wir hatten Gäste im Hotel, die den weiten Weg von Scarborough auf sich genommen haben, nur um Blumen niederzulegen. Danach haben sie in der Bar einen Drink genommen. Besser gesagt, mehrere. Sie haben den Bus nach Hause verpasst. Wir haben alle sechs in ein Zimmer verfrachtet – so konnten sie sich die Kosten teilen. Eigentlich dürfen nicht mehr als drei Personen in einem Zimmer übernachten. Aber unter diesen Umständen natürlich … da muss man schon mal …«
»War sie denn jemals bei Ihnen im Hotel?«
Graham kann sich noch gut daran erinnern: Er wollte gerade Feierabend machen, es war elf Uhr abends, vielleicht auch später. Da kam Howard herbeigestürzt: »Graham, wir haben einen ganz besonderen Gast. Wir müssen die Bar schließen. Wir bringen sie durch den Hintereingang rein.« Kurz Hektik in der Halle. Eine blonde Dame, die inmitten ihrer Beschützer kaum zu sehen war. Die ganze Gruppe schwirrte wie ein Bienenschwarm in die Bar, die Türen wurden geschlossen. Zwei Stunden später das Gleiche retour, aber dabei hallte die Stimme der Besucherin hinauf zu den Galerien: »Es geht mir schon besser.« Diese Stimme erkannte er sofort, noch bevor er einen Blick auf sie erhaschen konnte, während sie einen mohnroten Kaschmirmantel anzog, dessen silberne Knöpfe wie neu glänzten, als sei das Kleidungsstück erst heute für sie geschneidert worden. Howards Anweisung war natürlich unnötig: »Graham, Kumpel, ich brauche ja nicht zu erwähnen, dass nie herauskommen darf, wer heute hier war.«
»Nein«, sagt Graham jetzt. »Ich glaube, wir hatten nie das Vergnügen. Und bei Ihnen, bei Fortnum & Mason?«
»Einmal war sie da. Wir mussten den Laden für eine halbe Stunde schließen, und sie hat sich umgesehen. Ich werde nie vergessen, wie höflich sie war. Sie hat sich bei jedem einzeln bedankt. Hat sich die Zeit genommen, nach den Namen der Angestellten zu fragen. Hat sich dafür interessiert, was jeder so arbeitet. Man erwartet immer, dass solche Leute hochnäsig sind oder vielleicht … na ja, auf jeden Fall war sie ganz entzückend. Sie hat nur ein paar ganz schlichte Sachen eingekauft. Das werde ich nie vergessen, wie sie zu mir sagte: ›Das hier ist so ein hübscher Laden!‹ Mit diesem lustigen, ein bisschen amerikanischen Akzent, den sie hatte.«
»Amerikanisch?«, fragt Graham überrascht, und am anderen Ende der Leitung entsteht eine Pause.
»Ach nein«, sagt der Angestellte von Fortnum & Mason. »Ich glaube, das war Elizabeth Taylor.«


Entdecken Sie das »Hotel Alpha« von Mark Watson: Zum Katalog