Hotel Alpha

STORY 47: In der Alpha-Bar (1998)

Kanns kaum erwarten!, simst sie, und der fehlende Apostroph stört sie, aber sie wird das jetzt nicht noch mal korrigieren. Es dauert sowieso schon so lange, auf dem dämlichen Handy Nachrichten zu tippen. Aber schwerer als die falsche Schreibung wiegt das Schuldgefühl, weil sie so rundheraus lügt. Es stimmt einfach nicht, dass sie es kaum erwarten kann. Sie hat nicht das geringste Verlangen danach, dort überhaupt hinzugehen. Eine Albumpräsentation, bei der alle die Platte hören, aber nicht alle zusammen, sondern jeder mit einem Kopfhörer auf den Ohren. Alle sitzen auf einem Haufen und sehen sich dabei an, wie sie feierlich über der Musik meditieren, der sie gerade lauschen. Also ehrlich, gibt es etwas Schlimmeres?
Sie würde sich bei dieser harmlosen Lüge weniger schlecht fühlen, wenn sie die Statistiken über die wahre Gemütsverfassung der vielen Menschen kennen würde, die diese Formulierung seit ihrer Entstehung benutzt haben:
34 Prozent stehen dem fraglichen Ereignis mehr oder weniger gleichgültig gegenüber. Es ist weniger ein aktives »Erwarten« als vielmehr ein Anfreunden mit dem Gedanken, dass es stattfinden wird.
28 Prozent freuen sich auf das Ereignis, übertreiben jedoch, wenn sie behaupten, sie könnten es kaum erwarten. In Wahrheit empfinden sie die Zeitspanne zwischen der Gegenwart und dem bevorstehenden Ereignis als angemessen.
18 Prozent sind tatsächlich außer sich vor Vorfreude und würden – wenn die Natur diesen Service böte – einen Knopf zum Vorspulen drücken um die Wartezeit zu verkürzen.
8 Prozent wählen diesen Gemeinplatz in wohlmeinender Absicht, zum Beispiel um jemandem eine Freude zu bereiten.
8 Prozent sind bei Verwendung der Formulierung so betrunken, dass sie nicht wissen, was sie sagen, und der Inhalt ihrer Aussage insofern grundsätzlich unerheblich ist.
4 Prozent würden in Wahrheit in der fraglichen Zeit lieber mit dem Kopf gegen die Wand rennen als an der Buchpräsentation/der Plattenpräsentation/dem Blind Date/der Hochzeit teilzunehmen.


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