Hotel Alpha

STORY 48: Zimmer 76 (1970)

Jedes Mal, wenn jemand an eine der Scheißtüren in diesem Hotel klopft, denkt man, es sei die eigene. Jetzt ist er schon zum dritten Mal aufgesprungen, um die Tür zu öffnen, aber nie stand sie davor. Einmal war es eine Besucherin für den Gast im Zimmer nebenan. Nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, sollte die Dame wohl besser gar nicht hier sein. Einmal war es ein Zimmermädchen in einem blendend weißen, nagelneu aussehenden Kittel. Sie guckte ihn schief an, bevor man ihr zwei Türen weiter aufmachte. Und nun, beim dritten Mal, ist überhaupt niemand zu sehen. Wer auch immer geklopft hat, ist entweder ganz geräuschlos irgendwo eingelassen worden oder nur das Produkt seiner Einbildung. Oder ein Geist.
Nicht, dass es wahrscheinlich wäre, dass sie es ist. Sie wird nicht zurückkommen. Er hat sie verloren. Sie ist entweder mit einem anderen zusammen oder alleine glücklich. Sie ist ohne ihn glücklich, das ist das Entscheidende, und es hat wahrscheinlich so kommen müssen, weil er wohl keine zweite Chance verdient. Es liegt einfach daran, dass ein Hotel alles verspricht, oder jedenfalls nichts ausschließt. Ein Hotel ist ein so neutraler Ort, dass alles vorstellbar scheint. Kein Normalsterblicher hört hier ein Klopfen an der Tür, selbst an der falschen, ohne für Sekundenbruchteile an das Unmögliche zu glauben – dass derjenige, nach dem man sich so verzweifelt sehnt, endlich gekommen ist.


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