Hotel Alpha

STORY 49: Zimmer 11 (1964)

Es war ein anstrengender und ausgesprochen unbefriedigender Abend für Dr. Noel Hargreaves, der sechs Stunden über den Tisch gebeugt verbracht hat; er hat die Blätter mit seinen Notizen überall verstreut, Sätze unterstrichen und auch sonst alles getan, was dazugehört. Zustande gebracht hat er in der ganzen Zeit genau eine Seite seines neuen Buches. Es soll eine kritische Würdigung Ludwig Wittgensteins werden, der offensichtlich selbst einmal an diesem Ort weilte, als das Hotel in seiner ursprünglichen Form noch Royal hieß. Aus diesem Grund hatte Noel beschlossen, hier zu arbeiten. Er hatte gehofft, es würde ihn inspirieren. Was für eine Schnapsidee. Wenn überhaupt, erhöht das Wissen, dass der große Mann in diesen Gemäuern geschlafen hat, noch den Druck. Nicht unwahrscheinlich, dass Wittgenstein gar nicht geschlafen hat, sondern die ganze Nacht auf und ab gegangen ist, so rastlos und zielstrebig und kreativ, wie er nun einmal war. Ganz anders als ich, hat Dr. Noel Hargreaves traurig gedacht, sich die Bettdecke über das Kinn gezogen und die Nachttischlampe gelöscht.
Aber nun, um zwei Uhr morgens, öffnet sich die Tür seines Zimmers – auch wenn er das nicht hört oder sieht, sondern dessen sozusagen lediglich gewahr wird. Ein bleicher, großer Mann steht an seinem Bett. Dann setzt er sich auf die Bettkante. Noel konstatiert das ohne Panik. Verwirrt, sicher, aber ohne Panik. Der Mann beginnt mit einer seltsamen Stimme und deutschem Akzent zu sprechen, und Noel begreift, dass es sich um Ludwig Wittgenstein handelt, der heute vor dreizehn Jahren verstorben ist.
»Ihr Problem besteht darin«, erklärt ihm der Philosoph, sein Held, der Mann, dem er die letzten zehn Jahre seiner wissenschaftlichen Laufbahn gewidmet hat, »dass Sie mit meiner Biografie und den weniger wichtigen Aspekten meines Werks angefangen haben. Sie müssen sich auf die Sprache konzentrieren. Auf das Verhältnis von Sprache und Realität. Die These, dass wir nur über Dinge sprechen können, die wir mit der Sprache exakt erfassen können. Irgendetwas darüber hinaus zu beschreiben ist jenseits unserer Möglichkeiten; wir können nicht einmal mit Sicherheit behaupten, dass es existiert. Aber das wissen Sie ja alles. Sie sind mit meinem Werk sehr vertraut. Und doch haben Sie bisher noch nichts davon in Ihrem Buch behandelt.«
Es ist ein Rascheln und Kratzen zu hören, und Noel sieht, wie Wittgenstein – Wittgensteins Geist – mit einem Blatt Löschpapier herumfuchtelt, das sich seiner Erinnerung nach noch nicht in diesem Zimmer befand, als er zu Bett gegangen ist. Mit einem Gegenstand, der wie ein Füller aussieht, schreibt der berühmte Denker nur das Wort Sprache auf dieses Blatt. Dann ist er verschwunden.
Dr. Noel Hargreaves erwacht sieben Stunden später, und noch bevor seine Erinnerung an die Nacht vollständig zurückkehrt, überfällt ihn Beklemmung, weil etwas sehr Eigenartiges passiert ist. Er setzt sich kerzengerade auf und entspannt sich dann. Es war nur ein Traum, und noch dazu ein wirklich schöner, ein nützlicher Traum. Jetzt weiß er, wie er das Buch angehen muss. Er muss eigentlich von vorne beginnen oder zumindest mit einem anderen Ansatz alles neu zusammenbauen. Wie er das tun wird, hat er schon klar vor Augen. Als der vor ihm liegende Tag Gestalt annimmt, kehrt eine weitere Erinnerung zurück: Er ist heute Nacht tatsächlich Wittgenstein begegnet – wie lächerlich ihm das nun auch vorkommen mag. Aber so war es, der Geist des Philosophen hat ihm Inspiration gebracht. Angesichts dieser Albernheit lächelt er in das leere Zimmer hinein. Welch kurioser Traum! Was für eine drollige Methode seines Unterbewusstseins, für den kreativen Durchbruch zu sorgen.
Er will nach dem Glas Wasser greifen, das er auf dem Nachtkästchen vermutet, doch seine Hand berührt etwas anderes: ein Blatt Papier. Er hält es sich vor die Nase und starrt voller Verblüffung auf ein einziges Wort: Sprache. Mit wachsender Beunruhigung fällt ihm wieder ein, wie der Geist das Wort vor seinen Augen niedergeschrieben hat. Er hat seinen Traum nun wieder präsent. Denn ein solcher war es natürlich – es muss ein Traum gewesen sein. Und doch steht da dieses Wort auf dem Papier. Es gibt nur eine Erklärung, die zu seiner Weltsicht und der der meisten rational denkenden Menschen passt – dass nämlich Noel selbst in der Tiefe des Traums dieses Wort geschrieben hat. Und doch ist Noel so gut wie sicher, dass er es nicht war. Die Handschrift ist nicht die seine. Außerdem ist Noel Linkshänder, weswegen er mit einem Füllfederhalter praktisch nicht schreiben kann. In der Regel kommt keine Tinte heraus. Und wenn doch, dann verwischt er das Geschriebene gleich darauf wieder mit seiner Handkante. Er hat noch nie einen Füllfederhalter benutzt, ohne dass das passiert wäre. Und von dem Stift keine Spur. In diesem Raum befindet sich kein Füllfederhalter.
Also gibt es drei Möglichkeiten:
1) Noel hat tatsächlich einen Füllfederhalter benutzt, der bis jetzt noch nicht aufgetaucht ist, und dieses Wort geschrieben, ohne es zu verwischen. Es geschah im Schlaf, er hat in der Dunkelheit sowohl Stift als auch Papier gefunden. Er ist danach zurück ins Bett gegangen und hat weitergeschlafen.
2) Ein anderer, der vorgab, Wittgenstein zu sein, hat dieses Wort geschrieben. Dann war es kein Traum, sondern die reale Begegnung mit einer Person, der es gelungen ist, sich Zutritt zu seinem Zimmer zu verschaffen und den Philosophen zu spielen. Das jedoch scheint enorm unwahrscheinlich.
3) Es war ein Geist. Es gibt eine Dimension des Seins, von der wir nichts wissen. Der Besucher war eine Art Personifikation des toten Ludwig Wittgenstein. Noel muss seine Sicht auf die Realität, die menschliche Existenz und alles andere komplett überdenken. Er muss sein Leben von diesem Moment an mehr oder weniger neu beginnen.
Und so liegt er da und schwankt zwischen Möglichkeit 1 und Möglichkeit 3.


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