Hotel Alpha

STORY 5: Zimmer 41 (1967)

Toby und Roberta sind seit 22 Jahren verheiratet, und diese 22 Jahre liefen auch ziemlich glatt, jedenfalls aus Tobys Sicht. Hin und wieder verspürte er natürlich eine gewisse Unzufriedenheit, das kennt schließlich jeder. Die Müdigkeit, als die Kinder noch klein waren, führte dazu, dass sie die Probleme in ihrer Ehe überbewerteten. Es gab ein oder zwei größere Auseinandersetzungen über Geldfragen. Aber alles in allem überwog die Zufriedenheit. Jedenfalls aus Tobys Sicht. Ihre beiden Kinder sind nun auf der Universität. Vorausgesetzt, Tony behält seinen Posten als stellvertretender Leiter, ist er bestens gerüstet für den Lebensabschnitt ab fünfzig. Auch Roberta scheint zufrieden, absolut zufrieden mit ihrem Buchclub und den Dinnerpartys am Sonntagabend und – eigentlich mit allem, was sie so treibt.
Doch nun, hier im Hotel, kurz nach halb ein Uhr nachts, kein Licht dringt durch die Vorhänge, schrickt Toby aus einem verschwommenen Traum, der irgendetwas mit Fischen oder Tiefseetauchen zu tun hat, was er seinerzeit in Polynesien gemacht hat, und stellt fest, dass Roberta ihn anschreit. Warum schreit sie ihn an, fragt er sich. Als sich seine Augen und sein Verstand auf die Situation eingestellt haben, stellt er fest: Sie schreit ihn gar nicht an, sie schreit im Schlaf. Aufrecht sitzend starrt sie geradeaus, als richte sie sich an ein Publikum an der gegenüberliegenden Wand. Mit rauer, eindringlicher Stimme sagt sie:
Du beschissener Ungläubiger, du Heide!
Warum sind hier so viele Vögel?
Dieser ganze Müll. Was soll ich mit dem ganzen Müll?
Wer ist Georgie? Was machst du mit ihr?
Die Schlangen!
Wie soll ich nur das Geld auftreiben? Wie soll ich das zahlen?
Ich weiß, dass du eine Affäre hast.
Ich wollte nie hier wohnen.
Jemand hat die Würfel gestohlen!
Das ist so nicht richtig! Es ist nicht richtig! Wir können so nicht weitermachen!
Nachdem sie all das von sich gegeben hat, macht Roberta einige tiefe, ruhige Atemzüge. Dann dreht sie ihren Kopf zu Toby, aber in der fast völligen Dunkelheit ist der Ausdruck in ihrem Gesicht nicht zu erkennen.
»Roberta?«, fragt er.
Sie gibt eine Art Grunzen von sich, es klingt fast empört, als habe er sie aufgeweckt und nicht umgekehrt, dann wälzt sie sich auf ihre Seite, weg von ihm. Bemerkenswert schnell fängt sie an zu schnarchen, was sie normalerweise nie tut, so laut und tief, als sei es ihr innerhalb dieser wenigen Sekunden gelungen, wieder in einen vollkommenen, allumfassenden Schlaf zu sinken. Oder als habe sie in Wahrheit die ganze Zeit geschlafen. Was gewissermaßen auch stimmt. Es kann gar nicht anders sein.
Und dennoch: Als Toby nun auf dem Rücken liegend plötzlich der fremden Geräusche draußen gewahr wird (eine knarzende Diele im Flur, ein keuchender Husten), fragt er sich, was Schlaf eigentlich ist, wo die Grenze zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein verläuft … oder ist das Unterbewusstsein das eigentliche Bewusstsein? Oder, was sowieso die entscheidende Frage ist: Wie ernst muss er das nehmen, was sie gesagt hat?
Wer ist Georgie? Toby kennt überhaupt niemanden dieses Namens. Ich weiß, dass du eine Affäre hast. Was zum Teufel soll das denn heißen? Ja, ein einziges Mal hatte er die Kellnerin in der Greek Street sehnsüchtig geküsst, aber das ist fünfzehn Jahre her, und sie haben sich auch nur einige wenige Male getroffen, und außerdem kann sie das unmöglich wissen, oder? Spielt das überhaupt irgendeine Rolle? Natürlich nicht!
Wir können so nicht weitermachen? Ich wollte nie hier wohnen? Ich verstehe nicht, was um Himmels willen das heißen soll.
Warum verdammt noch mal hat sie was von Schlangen gesagt?
Und nun, was tun? Morgen früh, wenn sie sich, wovon man ausgehen kann, an nichts von all dem erinnern wird, soll er dann fragen, was es bedeutet? Wird er versuchen, »Georgie« unauffällig zu erwähnen? Wird er versuchen herauszufinden, ob sie mit dem Haus unzufrieden ist? Oder wird er die ganze Sache als einen Haufen Unsinn abtun, als willkürlichen Querschnitt aus einem Strom von Wörtern, auf die er keinen weiteren Gedanken verschwenden muss? So absurd es klingen mag, wenn man bedenkt, dass vor zwanzig Minuten ihre Ehe noch kein Problem darstellte – plötzlich könnte sie allein davon abhängen.


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