Hotel Alpha

STORY 50: In der York’schen Wohnung im Hinterhaus des Alpha (1979)

Howard riecht gut heute Abend, oder nicht?
Er hat ein neues Aftershave. Es ist weder das, das sie ihm gekauft hat noch das, das er aus dem Duty-Free-Shop mitgebracht hat, als er letzte Woche unterwegs war – wo noch mal, Mexiko City? Es ist ein anderes. Er hat seit letzten Sonntag ein weiteres Aftershave gekauft. Komisch, oder?
Irgendetwas stimmt da nicht. Sie reibt die Nase an seinem Hals, er gibt sein typisches Knurren von sich und schiebt sich auf sie, sie legt eine Hand auf seine Brust. Fast alles stimmt. Nur dieser Geruch … er ist eigentlich ziemlich sexy. Das ist nicht das Problem. Das Problem besteht nicht darin, dass sie den Geruch nicht mag.
Obwohl er seine Sache hier nach wie vor gut macht – so gut wie vor 15 Jahren –, haben ihre Gedanken doch immer genug Zeit abzudriften, und sie wandern zu einer Nacht in ihrer Kindheit. Genau genommen muss sie mindestens siebzehn gewesen sein, weil sie alleine ausgehen durfte. Aber ahnungslos wie ein Kind war sie trotzdem noch gewesen. Sie erinnert sich, wie sie zurück nach Hause kam, auf der Vordertreppe ihren Schirm ausschüttelte und dann leise ihren Schlüssel ins Schloss schob, um niemanden aufzuwecken. Sie war im Kino, in einem Film mit Gregory Peck – den sie später im Alpha kennenlernte, wo sie aber zu schüchtern war, um mehr als ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Es regnete in Strömen, wie immer. Auf Zehenspitzen trat sie ein. Sie trug flache Schuhe, erst Jahre später sollte sie ihr erstes Paar Schuhe mit Absatz besitzen, denn da, wo sie aufwuchs, wo man ständig über matschige Wiesen lief, hätten sie nicht getaugt. Sie war überrascht, dass noch Licht in der Küche brannte, und als sie näher heranschlich, hörte sie ihre Mutter mit einer Freundin reden.
»Weißte, sein Atem war so frisch, ganz pfefferminzig«, sagte ihre Mutter. »Verstehste, er hatte nie schlechten Atem, normalerweise, das war das Komische. Du weißt schon, manche Leute müssen Pfefferminz lutschen oder so. Das war bei ihm nie. Nie dachte man, oh Gott, der sollte was tun gegen den Geruch. Er war nie einer von denen …«
»Er hatte nie Mundgeruch«, fasste ihre Freundin geduldig zusammen.
»Genau, genau das mein ich«, sagte Sarah-Janes Mutter, wobei damals Sarah-Jane noch einfach Sarah war, Sarah Garforth. »Also da dachte ich dann, da stimmt was nich’. Er hat wieder getrunken. So hab ich gemerkt, dass er wieder trinkt. Wenn er einfach nix mit seinem Atem gemacht hätte, dann hätt ich’s nich’ gemerkt. So kannte ich’s. Aber die Pfefferminzbonbons, weißte, da dachte ich, warum macht er das? Es war einfach, dass er sich so bemühte, es zu verstecken, dass ich mich genau deshalb gefragt hab, was er zu verbergen hat.«
»Er hat dich völlig unnötig misstrauisch gemacht«, resümierte die Freundin.
»Genau so war’s«, bekräftigte Mrs. Garforth.
Sarah-Jane richtet sich plötzlich auf, ihr ist, als müsse sie ersticken.
Howard rutscht zur Seite: »Was ist los, Captain?«
»Ach nichts, gar nichts«, sagt sie. »Habe mich gerade nur ein bisschen komisch gefühlt. Tut mir leid.«
Er rückt erneut ganz nahe an sie heran und streicht ihr übers Haar, und dabei wabert dieser warme, künstliche Duft wieder zu ihr herüber, und jetzt denkt sie darüber nach, wo sie ihn bereits gerochen hat. Nicht genau denselben Duft, aber einen ähnlichen. Immer, nachdem er weg gewesen war. Immer, wenn sie nicht hundertprozentig sicher war, wo er gewesen ist und was er getrieben hat. Sie ist fast überzeugt davon, dass er mit anderen Frauen zusammen war und befürchtet, er könne nach ihnen riechen. Das Aftershave soll etwas überdecken, von dem er glaubt, sie könne es bemerken, so wie Sarahs Vater zu viel Aufmerksamkeit mit seinen Pfefferminzbonbons erregte. Sie kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber sie ist so gut wie überzeugt davon.
Oder bildet sie sich das alles nur ein? Überhaupt hat sie selbst ein Geheimnis. Oder sie nimmt es jedenfalls an. Die letzten drei Tage war ihr morgens übel, und sie fühlt eine für ihren Körper ganz untypische Schwere und Schlaffheit. Morgen wird sie zum Arzt gehen, und sie hofft, dass er bestätigen wird, dass es wahr ist – das, worauf sie zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens schon kaum mehr zu hoffen wagt.
Sieben Jahre: Erst musste sie Howard überzeugen. Dann quälte sie die Befürchtung, mit ihr könne etwas nicht in Ordnung sein. Dann der Verdacht, bei ihm stimme etwas nicht, und wie sie mit ihm ringen musste, damit er sich damit auseinandersetzte. Dann, als sich herausstellte, dass es an ihr lag, das Elend all dieser Behandlungen. Die Quacksalber, die Heilpraktiker, die Ärzte, die über ihre Gebärmutter redeten wie über ein Möbelstück, die selbstzufriedenen Ratschläge von Leuten, die bereits mit einer Familie gesegnet waren. Die teuren Tricks der Mediziner, die zu nichts führten und nur ihr Gefühl verstärkten, eine Versagerin zu sein, nur ein Accessoire von Howard, das nicht einmal in der Lage war, die einzige Aufgabe zu vollbringen, für die sie unbestreitbar qualifiziert war. Sie hatte beinahe schon resigniert; es war zu schmerzlich, sich weiter Illusionen hinzugeben. Sie hatte sich einen besonderen, sanften Tonfall angewöhnt, in dem sie mit Kindern oder über sie sprach, sicher eine Form der Überkompensation, aber immer noch besser als Verbitterung.
Schließlich hatten sie auch wieder Sex, und zwar mit einer Hingabe, die ihnen unweigerlich abhandengekommen war, solange er mit einem Zweck verknüpft war. Und jetzt doch. Jetzt – sie ist sich nicht sicher, und es kann immer noch etwas schiefgehen – aber jetzt könnte es vielleicht … vielleicht …
Da wird sie doch nicht gerade jetzt ihren Mund aufreißen, weil sie den Hauch eines Verdachts hat, weil sie ein ungutes Gefühl hat wegen einer kaum benennbaren Sinneswahrnehmung, wegen einer Laune ihres Gedächtnisses? Behutsam lotst ihr Hirn sie weg von diesem bedrohlichen Gedanken und verschließt ihn in einem Kämmerchen, zu dem sie keinen Zutritt hat. Und die gedankliche Leere wird mit ihrem Lieblingslied der letzten Jahre gefüllt: »Ain’t No Way to Treat a Lady.«


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