Hotel Alpha

STORY 52: In der Alpha-Bar (2000)

»Und ihm zu Ehren ist dieser Tag, der 29. September, in Argentinien der ›Tag des Erfinders‹«, verkündet Natalia stolz.
»Aber er kam aus Ungarn, oder?«, fragt der Typ, den sie ins Gespräch verwickelt hat.
Jonathan David atmet tief, aber unhörbar ein, während seine Freundin es erklärt.
»Ursprünglich kam er aus Ungarn, aber er und sein Bruder sind nach Argentinien ausgewandert und haben in den USA ein Patent beantragt. Damit begann der weltweite Erfolg. Die Royal Air Force hat die Stifte benutzt, weil sie in großen Höhen besser funktioniert haben …«
»Wozu braucht die Luftwaffe Stifte?«
»Ich weiß nicht, zum Schreiben eben … die Flugzeugnummern vielleicht … also, das war doch vor dem Computerzeitalter.«
»Egal. Das war also dein Großvater?«
»Großonkel. Großonkel Lazlo. Deshalb sprechen wir zu Hause, in unserer Familie, auch nicht von Kugelschreibern, sondern sagen ›Biro‹. Das war sein Familienname. Und wir passen auch auf, dass die Leute nichts als Kugelschreiber bezeichnen, was kein Kugelschreiber ist. Da sind wir sehr streng.«
»Oh, dann muss ich jetzt auf der Hut sein. Ich bezeichne alle möglichen Dinge als Kugelschreiber. Also alle möglichen Stifte natürlich, nicht Sachen, die keine Stifte sind.«
»Na ja, in gewisser Weise«, sagt Natalia und schlägt dabei ihre Beine übereinander, sodass er einen Blick unter ihren engen Rock erhascht, was so prompt wirkt wie eine Injektion. Er fragt sich, in welches Zimmer er sie möglichst rasch zerren könnte; er hat den Eindruck, er werde einen ernsthaften körperlichen Schaden erleiden, wenn er nicht schnellstmöglich Sex mit ihr hat. »In gewisser Weise«, fährt sie im Stil einer PR-Agentin fort, die einen scheinbar spontanen Gedanken verdächtig gut formuliert, »denke ich, dass man dieser Erfindung eine Anerkennung ausspricht, wenn man vergleichbare Stifte als ›Kugelschreiber‹ bezeichnet. Es zeigt, wie sehr die Idee, ja, das Mem an sich, im kollektiven Bewusstsein verankert ist.«
»Verzeihung, aber was ist ein Mem?«
Oh Mann, denkt JD und trollt sich zur Bar, wo er ein Gespräch mit Ray, dem rothaarigen Barkeeper, anfängt. Von dort kann er immer noch Natalias Stimme hören, die so hell und klar klingt wie die Glocke auf dem Rezeptionstresen, mit dem die Gäste das Personal herbeirufen können. Sie wurde erst kürzlich wieder eingeführt, weil die Nachtschicht die Rezeption aufgrund mangelnder Nachfrage unbesetzt lässt. Die Leute scheinen heutzutage besser allein zurechtzukommen.
Natalias Stimme verwandelt jede ihrer Äußerungen in eine öffentliche Ansprache. »Im Prinzip ist ein Mem – du weißt doch, was Gene sind. Wie sie weitergegeben werden … Also ein Mem ist etwas Ähnliches, nur dass es um Ideen oder Ideenfragmente geht statt um biologische … äh … Information. Im Falle des Kugelschreibers etwa entwickelt die Idee des Kugelschreibers ein Eigenleben, die über das hinausgeht, was ein Kugelschreiber tatsächlich rein materiell gesehen ist, weil die Menschen ein Mem namens ›Kugelschreiber‹ geschaffen haben, das …«
JD bittet Ray um einen Whisky, der auf eine Rechnung gesetzt wird, die nicht wirklich existiert, weil das Hotel Mum und Dad gehört. Ist diese Rechnung ein Mem? Etwas, das nur als Idee, aber nicht wirklich existiert? Vielleicht hat er das Konzept noch nicht richtig verstanden. Er blickt hinüber zu Natalia, die eifrig gestikuliert mit ihren Händen mit den weiß manikürten Nägeln, den dünnen Fingern, den Armbändern am Handgelenk. Er hat sie vor drei Monaten auf einer Veranstaltung des Hotelgewerbes kennengelernt, bei der sie es irgendwie auf die Gästeliste geschafft hatte. Sie haben konstant erstklassigen Sex. Sie hat echte, laute Orgasmen. Er lässt sich gerne mit ihr sehen. Sie waren gemeinsam im Kino und haben in beiden Filmen meist an den gleichen Stellen gelacht, obwohl sie intelligenter ist als er und eine richtige Universität besucht hat. Mit Chas kommt sie super klar – sie sind sich im Gespräch über einen Philosophen nähergekommen, dessen Namen JD noch nie gehört hat und auch nicht hören wollte, und einmal wäre es ihr beinahe gelungen, Chas zu überzeugen, sie auf einen Spaziergang zu begleiten und das Hotel tatsächlich zu verlassen.
Ohne Zweifel, er mag Natalia wirklich sehr. Wenn nur diese Geschichte mit dem Kugelschreiber nicht wäre. Wirklich jedes Mal, wenn sie jemanden kennenlernt, nennt sie sofort ihren vollen Namen und lässt dann wie zufällig fallen, dass sie mit dem Erfinder des Kugelschreibers verwandt ist. Dann folgt jedes Mal das exakt gleiche Scheißgespräch, egal, wen sie vor sich hat. Soll man sich von jemandem trennen, nur weil diese Person von der Tatsache besessen zu sein scheint, dass ihr Großvater irgendeinen Stift erfunden hat? War es überhaupt ihr Großvater? Er hat den Eindruck, je öfter er die Geschichte hört, desto schlechter kann er sie sich merken.


Entdecken Sie das »Hotel Alpha« von Mark Watson: Zum Katalog