Hotel Alpha

STORY 53: Im Rauchersalon (1994)

Es sollte ihr nicht so viel ausmachen. Sie zittert, ihre Hände zittern. Sie hat ein Glas Weißwein bestellt, obwohl sie normalerweise tagsüber nie Alkohol trinkt. Der Portier, der in der Bar aushilft, weil an diesem Nachmittag an der Rezeption nichts los ist, hat ihr zugenickt, als könne er sie verstehen. Er hat sie freundlich angesehen, als sie das halbe Glas in einem Zug hinuntergekippt, es dann aus der Bar mitgenommen und quer durch die Halle mit ihrem Schachbrettboden getragen hat. Sie hatte viel zu schnell geatmet, die ganzen eineinhalb Kilometer vom Kaufhaus bis hierher. Vivian könnte nicht genau sagen, warum sie hergekommen ist. Sie hatte nur in Erinnerung, dass dies hier ein trostspendender Ort ist. Und Vivian hat Trost nötig.
Aber es sollte ihr wirklich nicht so viel ausmachen!
Und doch tut es das, und jetzt muss sie mit dem Unterrichten aufhören und ganz neu anfangen. Sie muss den Lehrberuf und damit fünfzehn Jahre sorgfältige Planung und Engagement aufgeben. Das scheint ihr unumgänglich.
Der Vorfall hat sich erst vor einer halben Stunde ereignet, hat in ihren Gedanken aber bereits enormes Gewicht. Er hat sich dort breitgemacht und wird dort bleiben, wie ein hässliches Möbelstück, das sie immer ansehen muss, sobald sie ihr Haus betritt. Die einzige Möglichkeit, diesen Anblick zu meiden, ist ein neues Leben. Und das bedeutet, die Schule und den Beruf überhaupt zu wechseln. Denn eigentlich sollte sie über mehr Selbstachtung verfügen, doch die hat sie sich durch das Unterrichten offensichtlich nicht erworben.
Sie war schon drauf und dran, den Laden zu verlassen, da ihr klar war, dass sie das Kleidungsstück, das sie suchte, dort nicht finden würde. Paulas vermeintlich hilfreiche Kommentare (»Die haben so seltsame Größen hier.« oder »Hier in dem grellen Licht kann man das nicht beurteilen.«) gingen ihr auf die Nerven, da sie noch zu unterstreichen schienen, dass Paula Größe 34 hat und jederzeit passende Kleidung findet, während das bei Vivian mit Größe 42 nicht der Fall ist. Doch Paula überzeugte sie davon, noch ein Kleid zu probieren. Ein gelbes Kleid mit einer Art Sonnenblumenmuster auf dem Ärmel. Es war so furchtbar, wie es sich anhört, und es macht sie rasend, dass sie auch nur ein paar Sekunden lang in Betracht zog, es könne nicht furchtbar sein.
Vivian ging mit inzwischen schon etwas gerötetem Gesicht zurück in die Umkleidekabine, pellte sich wieder aus ihrer Jeans, quetschte sich in das Kleid, zog mithilfe einiger erniedrigender Verrenkungen, die ihr Gesicht vor Anstrengung und Verärgerung noch röter machten, den Reißverschluss zu und verließ widerstrebend die Kabine, um Paulas Urteil entgegenzunehmen. Und da passierte es: Zwei Mädchen aus ihrer Klasse, Holly und Toni, die vorlautesten Lästermäuler von allen, rissen bei ihrem Anblick den Mund auf, so verblüfft waren sie, dass sie unverhofft eine so schöne Story serviert bekamen.
»Oh Gott«, sagte Holly. »Das ist doch Miss Hutchinson!«
Diesen beiden faulen, gehässigen, mittelmäßigen Schülerinnen genügte ein Blick von Sekunden, um zu begreifen, wie schwer es Vivian fällt, passende Kleidung zu finden, nicht nur heute, sondern seit Jahren, wie erniedrigend sie das Umziehen und Anprobieren findet, wie unglücklich sie mit ihrem Körper ist und darüber, was sie alles schon über sie gedacht und gelästert haben, in den Pausen, an der Bushaltestelle. Aber nun brauchen sie nicht mehr zu spekulieren, nun wissen sie Bescheid.
Schon immer hat sie sich davor gefürchtet, einem der Mädchen außerhalb der Schule über den Weg zu laufen. Sie geht nie in ein Schwimmbad, das in der Nachbarschaft eines der Mädchen liegt, und abends nur in solche Restaurants, wo es höchst unwahrscheinlich ist, ihnen zu begegnen. Doch nun ist es passiert, und unter den denkbar unglücklichsten Umständen. Ihr Gesicht wird schon beim Gedanken daran wieder ganz heiß. Und dann hat sie Paula danach auch noch angeschrien. Die beiden gingen schließlich in vorwurfsvollem Schweigen auseinander, da Paula der Ansicht war, sie sei geradezu krankhaft hypersensibel, womit sie wahrscheinlich auch noch recht hat. Sie nimmt einen weiteren großen Schluck. Sie hat wahrscheinlich wirklich überreagiert. Trotzdem entwirft sie im Geist bereits den Brief. Sie wird ihre Schule in zwei Wochen verlassen und nie dorthin zurückkehren.
Vivian steht auf. Ihr Glas ist leer. Sie wird ein zweites bestellen. Normalerweise würde sie das nicht tun. Nicht tagsüber. Man sollte damit warten, bis es dunkel ist. Aber es könnte genauso gut dunkel sein, denn sie wird dieses Gebäude so schnell nicht verlassen. Hier drinnen kommt es ihr so vor, als spiele die Welt dort draußen gar keine Rolle.
Ihr Blick gleitet über das Bücherregal. Manche der schweren Lederbände sehen aus, als stünden sie schon seit fünfzig Jahren da – wer würde heute noch Verfall und Untergang des römischen Imperiums lesen? Oder einen Band der Encyclopaedia Britannica zur Hand nehmen? Na ja, die Encyclopaedia vielleicht schon – wenn man etwas nachschlagen will. Doch dann springt ihr ein neuer aussehendes Buch ins Auge, auf dessen weißem Rücken Hoffnung verheißende blaue Buchstaben prangen: Der Augenblick.
Vivian liest den Rückseitentext. Es handelt sich offenbar um einen Ratgeber, wie man das Beste aus seinem Leben machen und die richtigen Entscheidungen treffen kann. Die richtigen Entscheidungen! Genau das, was ich brauche, sagt sie sich, öffnet das Buch und stößt auf eine Widmung der Autorin: Für alle im Alpha, denen ich einen großartigen Abend verdanke!, darunter das Datum. Schon ein paar Jahre her. Sie beginnt mit der Einleitung, in der Absicht, sie nur zu überfliegen, doch ihre Aufmerksamkeit wird gleich von einer Passage auf der ersten Seite gefesselt.
Wenn Sie also diese Zeilen lesen und denken: »Ich wäre gerne mutiger«, lassen Sie es! »Ich wäre gerne mutiger« gibt es nicht! Jeder Augenblick, den Sie mit dem Gedanken an eine gewünschte Veränderung verbringen, ist ein Augenblick, den Sie auch damit verbringen könnten, diese Veränderung herbeizuführen.
Die abstruse Idee, ihren Job aufzugeben, ist nicht länger nur eine Idee. Diese Worte vor ihren Augen – ja, es könnte auch am Wein liegen, aber das bezweifelt sie; sie ist überzeugt, dass es wirklich so ist – diese Worte scheinen ganz persönlich an sie gerichtet zu sein.
Sie wird nicht länger nur mit dem Gedanken spielen. Sie wird den Portier um Stift und Papier bitten, und sie wird noch ein Glas Wein bestellen, und sie wird die Kündigung sofort schreiben. Sofort. Und dann wird sie den Rest dieses wunderbaren Buches lesen, das sie soeben entdeckt hat.


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