Hotel Alpha

STORY 54: Zimmer 68 (1966)

»Ich rate Ihnen, noch ein bisschen im Kleiderschrank zu bleiben«, sagt der Portier mit gedämpfter Stimme. »Am besten, bis sie an die Tür klopfen.«
»Aber wenn …«, entgegnet der Rolling Stone.
»Machen Sie sich keine Sorgen, die Türen kriegt keiner auf. Nicht einmal die Polizei, haha.«
Der Rockstar hört das fröhliche Geraune und fragt sich, wie alt der Typ wohl sein mag. Er wirkt älter, als er aussieht.
»Passen Sie auf«, ist wieder die Stimme zu vernehmen. »Wenn sie klopfen, lenke ich sie mit ein paar Fragen ab. Ich tue so, als würde ich nicht glauben, dass sie wirklich Polizisten sind, oder mache einen ähnlichen Schabernack, der sie aufhält.«
Er muss schon mindestens fünfzig sein, denkt der Stone, einer von diesen Typen, denen man ihr Alter nicht ansieht.
»Die Tür auf der gegenüberliegenden Seite führt ins Zimmer nebenan«, erklärt der Portier weiter. »Sie lässt sich normalerweise nicht öffnen, aber ich habe mir erlaubt, alle derartigen Türen auf diesem Stockwerk aufzusperren. Während ich hier mit der Polizei rede, nehmen Sie am besten schnell diese und die folgenden Türen und gelangen so ans Ende der Galerie.«
»Aber es sind doch auch unten in der Lobby Polizisten«, wendet der Popstar besorgt ein.
»Im Atrium, stimmt«, bestätigt der Portier. Was zum Teufel soll denn ein Atrium sein, fragt sich der Stone. Das erinnert ihn an den Lateinunterricht in der Schule. Er kann sich gerade noch so an seine Schulzeit erinnern – die liegt zwar nicht allzu lange zurück, aber seither ist verdammt viel passiert. Schon allein in den letzten 24 Stunden ist genug passiert. Er kann sich nicht genau daran erinnern, wie er hier hergekommen und wann er zuletzt in einem Bett aufgewacht ist. Da kommt ihm ein Gedanke: Lichtjahre von zu Hause … 2000 Light Years from Home.
»… das ist dann Zimmer 44«, sagt der Portier. »Dort dürften Sie in Sicherheit sein, bis wieder Ruhe eingekehrt ist.«
Mist, er hat nicht aufgepasst. Aber zumindest hat er 44 gehört. Er wird einfach dorthin laufen. Er hört die Schritte der Polizisten draußen, ihren leisen Wortwechsel. Sie klingen so aufgeregt wie er selbst. Sogar noch aufgeregter. Aber was können sie ihm schon groß tun? Er hat nur gesagt, dass er mal kurz von der Bildfläche verschwinden müsse, aber das Hotelpersonal hat das sehr ernst genommen.
Es wird plötzlich still. Dann vermuten ihn die Polizisten in der falschen Richtung und laufen ans andere Ende der Galerie. Es wird eine Weile dauern, bis sie an alle Zimmertüren geklopft haben und hier ankommen. Alles wird wie am Schnürchen laufen.
Der Portier räuspert sich. »Mein Chef, also Howard, mag eines Ihrer Lieder ganz besonders«, sagt er, »das mit dem Titel Satisfaction.«
»Oh, das freut mich, danke.«
Der Stone will nicht gleichgültig scheinen, aber er weiß nie so recht, was er sagen soll, wenn Leute über einen speziellen Song ihre Begeisterung äußern. Er bedankt sich dann immer, aber es klingt wenig enthusiastisch. Lieber schreibt er einfach Autogramme, als über die Lieder im Einzelnen zu quatschen. Am schlimmsten ist es, wenn die Leute sie ihm vorsingen. Aber dieser Typ hier wird das sicher nicht versuchen.
»Ich nehme an, das Lied handelt davon, wie man in seinem Leben Befriedigung findet, oder?«, mutmaßt der Mann.
»Ganz genau«, sagt der Stone.
Ein dreimaliges lautes Klopfen erspart ihm jeden weiteren Kommentar. Der Portier öffnet lautlos den Schrank, legt einen Finger auf die Lippen und deutet zur Verbindungstür. Der Stone zwinkert ihm zu und schleicht demonstrativ auf Zehenspitzen über den Teppich davon. Das Leben wird diese beiden Männer nie wieder zusammenführen, doch in den darauffolgenden Jahren wird Graham öfter zufällig im Fernsehen sehen, wie der andere mit einem immer ein bisschen älter wirkenden Gesicht auf der Bühne herumhüpft.


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