Hotel Alpha

STORY 55: Zimmer 77 (1984)

Rachael geht nicht zum ersten Mal zum Babysitten in ein Hotel, auch wenn es natürlich eher ungewöhnlich ist. Normalerweise geht sie in Privatwohnungen. Aber die Leute nehmen nun mal ihre Kinder mit ins Hotel und manchmal bleiben sie dort ein paar Nächte und müssen auch mal raus. Sie findet die Vorstellung ganz schön hart, immer an ein Kind gebunden zu sein. Der Anruf kam von der Rezeption des Alpha. Sie steht beim Portier auf der Liste der kurzfristig verfügbaren Babysitter in Bloomsbury. Der Job ist wirklich nicht schlecht: Man muss nichts tun außer dazusitzen. Viel besser als das, was ihre Kommilitonen machen: Sie bedienen für lächerliche zwei Pfund die Stunde in einer lauten Bar und sind danach zu erschöpft, um ihre Seminararbeiten fertig zu schreiben. Sie bekommt fünf Pfund die Stunde, manchmal auch mehr, das weiß man in einem Hotel nie so genau: Vielleicht gerät man an ein total exzentrisches Paar, das einem fünfzig Pfund in die Hand drückt, weil Geld für die beiden keine Rolle spielt. Rachael hat eine Freundin, die Kellnerin im Café de Paris ist und einmal hundert Pfund Trinkgeld von einem Filmstar bekam. Normalerweise gehen die Trinkgelder in einen Gemeinschaftstopf, aber sie behielt es und hatte dann fürchterliche Angst, es würde herauskommen. In ihrer Panik gab sie auf dem Heimweg alles für Kartoffelchips und Schokolade aus, mehr, als sie in einem ganzen Jahr essen könnte.
Das einzig Lästige am Babysitten in einem Hotel ist, dass das Kind häufig in einem Bettchen in der Zimmerecke schläft, sodass man schlecht fernsehen oder etwas anderes machen kann, das Lärm verursacht. Aber sie hat ihre Seminaraufgaben, und eine kleine Taschenlampe dabei. Vielleicht kann sie was aus der Minibar stibitzen, oder die Frau erlaubt ihr, sich zu bedienen. Vielleicht kann sie sogar was aufs Zimmer bestellen.
Rachael fährt mit dem Aufzug nach oben und klopft an die Tür von Zimmer 77. Eine Frau öffnet, und Rachaels erste Überraschung besteht darin, dass sie nicht zum Ausgehen angezogen ist. Sie trägt einen dieser weißen Hotelbademäntel, die mit einem dicken Gürtel zugebunden werden. Ihr Haar ist zerzaust, ihr Blick müde. Sie lächelt Rachael an.
»Treten Sie ein. Vielen Dank fürs Kommen.«
Rachael betritt das Zimmer und bleibt verlegen neben dem Schreibtisch stehen. Sie versucht zu verbergen, dass ihr Blick sofort auf das ungemachte Bett fällt. Auf dem Boden verstreut liegen Spielsachen, Lego oder Brio oder Ähnliches, was auch ihr Neffe hat. Große Bausteine. Eine Polizeistation. Ein Hubschrauber. Bücher. Es sieht aus, als habe jemand mutwillig eine Spielzeugkiste nach der anderen auf dem Boden verteilt. Nirgendwo Kleidung für Erwachsene, überhaupt nirgends Erwachsenendinge. Und das Kind selbst ist auch nicht zu sehen.
»Er schläft nebenan«, erklärt die Frau, als sie Rachaels Gesichtsausdruck deutet, wofür Frauen, die etwas älter sind als sie, eine Gabe zu besitzen scheinen. »Das hier ist ein ziemlich großes Zimmer, es gibt zwei Räume.«
»Wie schön«, sagt Rachael.
»Ich heiße übrigens Roz.«
Nervös leckt sich Rachael über die Lippen. Das ist der schlimmste Moment beim Babysitten – der Moment, bevor sie weggehen. Sie hat es am liebsten – und da geht es wohl allen ähnlich –, wenn sie gleich aus der Tür schlüpfen und einen allein lassen. Es ist kein besonderes Vergnügen, dort rumzuhängen, während sie sich noch zurechtmachen. Sie kommen aus der Dusche, föhnen ihr Haar, suchen nach einem BH und sprühen sich mit Parfüm ein, und man muss so tun, als lese man ein Buch und kriege nichts mit. Aber diese Dame wirkt sehr nett. Das liegt an ihrem beinahe schüchternen Lächeln, obwohl doch eigentlich Rachael in dieser Situation schüchtern sein sollte.
»Also, ich muss eine Sache mit Ihnen bereden, wenn das … das tut mir leid«, sagt Roz. »Ach so, möchten Sie sich vielleicht setzen?«
»Ja, danke«, sagt Rachael und geht hinüber zu dem kleinen Zweisitzersofa. Roz Tanner nestelt weiter an ihren widerspenstigen Haaren und starrt an die Wand, während sie spricht.
»Die Sache ist, ich komme mir so dumm vor«, erklärt Rachaels Auftraggeberin für diesen Abend. »Also Chas … meinem Sohn geht es nicht so gut.«
Rachael fühlt Enttäuschung in sich aufsteigen. Sie weiß, was jetzt kommt. Eine Absage. Wenn die Frau ein wenig Anstand besitzt, sollte sie sie trotzdem bezahlen. Wenigstens das halbe Honorar. Scheiße, sie hat fest mit der Kohle gerechnet. Sie hat vor, am Wochenende auszugehen, und …
»Also, natürlich bekommen Sie Ihr Geld.« Rachael fragt sich, ob man ihrem Gesicht ablesen kann, dass sie an das Geld gedacht hat. »Die Sache ist die …« Roz Tanner hustet. »Ich meine, wahrscheinlich hatten Sie einen weiten Weg hierher. Wollten Sie vielleicht fernsehen? Ich weiß nicht, ob Sie … ich wollte mir EastEnders ansehen. Tut mir leid, finden Sie das seltsam? Wahrscheinlich bin ich seltsam, oder?«
Vielleicht ist sie das, aber Rachael spürt eine Welle der Zuneigung zu dieser fremden Frau in sich aufsteigen, die mindestens zehn Jahre älter ist als sie, ein Kind hat und so weiter, im Gegensatz zu ihr schon mitten im Leben steht und doch so schuldbewusst wirkt und mit Rachael spricht, als seien sie gleichaltrig. Außerdem mag Rachael die EastEnders und hatte tatsächlich vor, sie sich anzusehen, sobald Roz weg wäre.
»Das wäre echt super«, hört sie sich sagen.
Eine halbe Stunde später sitzt sie auf dem Sofa und hält ein Glas Wein in der Hand. Roz trinkt Archers mit Limonade. Eine Stunde später haben sie sich EastEnders angesehen und über einige der Figuren diskutiert, die gerade im Mittelpunkt der Handlung stehen, und darüber, was sie von den jeweiligen Darstellern halten und was sie selbst in einer solchen Situation tun würden. Eineinhalb Stunden später sprechen sie bereits über persönliche Angelegenheiten. Rachael erzählt Roz von ihrem Studium und dass sie nicht sicher ist, ob sie sich für das richtige Fach entschieden hat, weil es so schwer ist, als Übersetzerin Fuß zu fassen. Sie gesteht ihr sogar, dass sie eine geradezu paranoide Angst davor hat, dass Ricki über sie lästert, was sie sich bis heute Abend noch nicht einmal selbst eingestanden hat.
Im Gegenzug erfährt Rachael, dass Roz den Jungen alleine aufzieht, weil sie und der Vater – Tony – sich getrennt haben, bevor er geboren wurde.
»Er sagte ›Ich kann ohne dich nicht leben, Rosalynn‹«, erinnert sich Roz. »Er hat es nicht ernst gemeint, er war betrunken. Eine Woche später war er weg.«
So wie es sich anhört, hatte Roz danach eine ziemlich harte Zeit, aber dann hat der nette Mann, der das Hotel führt, ihr angeboten, in diesem Zimmer zu wohnen, bis sie ihr Leben in den Griff bekommt. »Was ich gerade versuche«, fügt Roz noch hinzu. Rachael nickt und sagt, dass das unglaublich hart sein muss und dass sie Roz sehr tapfer findet, und sie kommt sich dabei sehr erwachsen vor.
Schließlich öffnen sie die Flasche Rotwein auf dem Schreibtisch, und Rachael hat ihre Füße aufs Sofa gelegt und kann sich schon gar nicht mehr vorstellen, dass sie eigentlich nur zum arbeiten hergekommen ist und Roz nicht schon jahrelang kennt. Es ist ihr inzwischen egal, ob sie ihr Geld bekommt oder nicht. Sie denkt nicht einmal mehr daran. Sie denkt nur noch daran, wie wunderbar es ist, dass man so mir nichts dir nichts mit jemandem Freundschaft schließen kann. Als Roz fragt, ob sie nächste Woche wieder zum Babysitten kommen kann – sie will dann die Verabredung nachholen, die heute Abend ins Wasser gefallen ist –, sagt Rachael ohne zu zögern zu.
Roz geht ins Badezimmer. Sie ist ein bisschen beschwipster, als sie gedacht hat. Sie starrt auf die schwarzen und weißen Fliesen und blickt auf die Batterie von Kosmetikfläschchen auf der Ablage neben dem Duschkopf, die das Zimmermädchen netterweise immer wieder austauscht, obwohl sie nun schon seit einigen Wochen hier ist. Sie fragt sich, ob Rachael schon durchschaut hat, dass Roz, wenn sie nächste Woche zum Babysitten auftaucht, eine andere Entschuldigung finden wird, um das Zimmer nicht zu verlassen. Und ob sie das Spiel danach weiterspielen muss oder ob sie dann zugeben kann, ohne allzu wunderlich zu wirken, dass sie sich eigentlich nur nach Gesellschaft gesehnt hat und ihr keine andere Möglichkeit eingefallen ist, sie zu bekommen.


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