Hotel Alpha

STORY 56: Auf der Herrentoilette (2001)

»Ich bin gerade … äh … ich bin im Untergeschoss, da ist der Empfang nicht so gut.«
Er hält das Telefon etwas weg von seinem Ohr, damit die Lüge glaubwürdiger klingt, und hofft, dass nicht ausgerechnet jetzt jemand in einer Nachbarkabine die Spülung betätigen wird. Die Kabine links neben ihm ist leer, aber rechts hat ein Mann seine schwarzen Doc Martens auf den Boden gepflanzt. Er hätte nicht auf dem Klo ans Telefon gehen sollen, aber er will einfach unbedingt wissen, ob er die Stelle bekommen hat, und er konnte die Vorstellung nicht ertragen, fünf Minuten zu warten, dann zurückzurufen, vielleicht an den Anrufbeantworter zu geraten, worauf sich alles noch länger hinzöge als die sowieso schon unerträglich lange Zeit seit dem Vorstellungsgespräch.
»Verzeihung, das habe ich nicht verstanden.«
»Ach so, ich sagte, das Signal ist hier sehr schlecht.«
Er könnte schwören, dass der Kerl in der Kabine nebenan vor sich hin kichert. Scheiß drauf. Ist es möglich, dass die Frau am anderen Ende der Leitung, die ihm gerade diese entscheidende Nachricht überbringen will, nicht nur ganz genau weiß, dass er sich gerade in einer Toilette aufhält, sondern auch, dass er deswegen lügt? Und ob das eine oder beides es ihr unmöglich machen wird, ihn einzustellen?
Er bräuchte sich keine Sorgen zu machen, denn die Anruferin – die 130 Kilometer entfernt in einem Büro im vierten Stock inmitten eines Gewerbegebiets sitzt – ist bei diesem Anruf sowieso nicht bei der Sache. Sogar während des Telefonats mit ihm steht er auf der Prioritätenliste in ihrem Kopf nur auf Platz vier. Vor ihm rangieren erstens, ob ihr Freund diese Lianne aus dem Fitnessstudio vögelt, zweitens der kaputte Boiler, dessen Reparatur ein Vermögen kosten wird und drittens ein Song von Moby, den sie einfach nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Abgesehen davon interessiert es sie keinen Deut, wo er sich gerade befindet. Sie selbst hat eine gesamte Telefonkonferenz in einem Klo im Holiday Inn in Gateshead absolviert und behauptet, sie sei in einem Spa in Stockholm. Und vor allem wird sie ihm den Job sowieso nicht geben.


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