Hotel Alpha

STORY 57: In der Nähe des Alpha (2003)

TONY BLAIR IST EIN LÜGNER
GIB UNS UNSER LAND ZURÜCK, TONY!
TONY BLAIR IST EIN KRIEGSVERBRECHER!

Oh Gott, darauf war er wirklich nicht vorbereitet.
Wer hätte gedacht, dass der Name Tony überall derartig präsent sein würde? Tony ist die letzten sechs Jahre – ach was, sogar noch viel länger – nicht in England gewesen, sodass er mit diesem merkwürdigen Umstand bisher nicht konfrontiert wurde. Aber als er den Namen jetzt auf den Transparenten sieht … dabei ist es doch nur ein Zufall, dass er an dem Tag, an dem er nach London gekommen ist, um so etwas wie Frieden mit dieser Stadt zu schließen, seinen Namen überall auf der Straße im Zusammenhang mit diversen Beschimpfungen zu sehen bekommt. Es ist reiner Zufall.
Er hat von der Demonstration nichts gewusst, schließlich war er nicht hier. Er ist erst seit ein paar Wochen in London, und dort, wo er jetzt untergekommen ist, gibt es keinen Fernseher. Und obwohl er etwas über einen Protestmarsch gehört hat, ist er nicht davon ausgegangen, dass die Straßen abgeriegelt sein würden – überall berittene Polizei und Polizisten mit Megafonen und eine sich träge in alle Richtungen ausbreitende Menschenmasse.
LÜGNER!
Tony wird übel. Er hat heute Morgen kein Frühstück heruntergebracht, aber er fürchtet, sich dennoch gleich übergeben zu müssen. Er kommt sich vor wie der einzige Mensch in London, der in diese Richtung geht. Tausende Menschen, die ein gemeinsames Ziel vereint, kommen ihm entgegen, sodass er sich isoliert und eingeschüchtert vorkommt, als sei das alles gegen ihn persönlich gerichtet.
Alle gehen in eine Richtung, und Tony versucht, in die andere zu gehen. Es ist schwer, das nicht – wie sagt man? – metaphorisch aufzufassen. Auf jeden Fall ist es ein Zeichen. Er sollte es nicht tun. Er sollte nicht zum Hotel gehen. Er kehrt um. Er geht, ja rennt fast, bis er ein Café erreicht. Die Kellnerin hebt ihren Blick von einem Kreuzworträtsel in der Zeitung, als er eintritt. Als Tony an einem der hinteren Tische Platz genommen hat, normalisiert sich langsam seine Atmung. Er bestellt eine Tasse Kaffee.
»Latte? Cappuccino?«
»Verzeihung, wie bitte?«
»Was für Kaffee? Latte oder Cappuccino?«
»Äh, egal.«
London hat sich stärker verändert, als er es sich hat träumen lassen: Alle demonstrieren. Man kann nicht mehr einfach einen Tasse Kaffee bestellen. Der Busfahrer wollte heute Morgen kein Bargeld annehmen. Überall sind Dönerbuden. Aus Kirchen wurden Weinstuben, und jede Kneipe ist jetzt ein familientaugliches Gasthaus. Wo früher seine Bankfiliale war, steht heute ein Block mit Luxusapartments, der The Bank heißt. Na gut, kein Wunder, dass sich alles verändert hat. Er ist seit 1981 nicht mehr im Land gewesen. Zwei Jahrzehnte. Hat er vielleicht erwartet, er könne zurückkommen und einfach da weitermachen, wo er aufgehört hat?
LÜGNER!
Als der Kaffee kommt, zittern seine Hände zu sehr, um die Tasse zu heben. Sie haben sie bis zum Rand gefüllt, und er schüttet die Hälfte davon auf die Tischdecke. Die Frau am Nebentisch verzieht angeekelt ihr Gesicht und rückt ihren Laptop zurecht, als drohe diesem von seinem Kaffee Gefahr. Mit einer mühsamen Bewegung, bei der sich seine Hand alt und untauglich anfühlt, greift Tony nach einer dünnen grünen Serviette, um aufzuwischen.
Er ist der Realität ferner, als er gedacht hat. Er war auf all das nicht vorbereitet. Er dachte, er könne einfach im Hotel auftauchen und sagen – ja, was denn? Hören Sie, ich vermute, dass mein Sohn hier wohnt. Er hat mich nie kennengelernt. Ich habe ihn … ich habe ihn verlassen, als er noch klein war. Und dann war da dieser Brand, in dem Roz umgekommen sein soll, wovon ich erst vor ein paar Jahren gehört habe. Ich habe an allen möglichen Orten gelebt, verstehen Sie, ich bin vor all dem weggelaufen. Und je weiter ich weglief, desto mehr habe ich mich geschämt. Wie dem auch sei, ich hatte nie gedacht, ihn einmal zu finden. Ich habe erst kürzlich erfahren, dass Sie ihn aufgenommen haben. Abgesehen davon geht mich das auch nichts an. Er will mich wahrscheinlich nicht sehen … beziehungsweise nicht treffen, ich weiß, dass er blind ist. Sicher möchte er, dass ich postwendend wieder aus seinem Leben verschwinde. Was völlig in Ordnung wäre. Ich war ja auch nie für ihn da. Ich war ja derjenige, der weggelaufen ist.
Aber ich musste einfach zurückkommen. Ich musste es versuchen. Ich musste …
Ja, er hat diese Ansprache viele Male in den letzten zwei Wochen geübt, aber er ist noch weit davon entfernt, sie zu halten. Das weiß er jetzt. So gesehen ist es ein Glück, dass diese Demonstration stattfindet. Er muss das überdenken. Es war irgendwie ein Zeichen. Eine Botschaft, dass er es nicht tun sollte. Er wird es nicht tun. Er wird seinen Sohn – wo und wer er jetzt auch ist – sein Leben weiterleben lassen und auch die Leute um ihn herum. Er hat sich aus deren Leben verabschiedet und kann nun nicht einfach so wieder auftauchen, sagt er sich – nicht nach all der Zeit. Er ist nun beinahe dankbar, auf die Demonstranten gestoßen zu sein – das hat ihn zur Vernunft gebracht.
Tony trinkt den Rest Kaffee, der in der Tasse geblieben ist. Das Koffein macht ihn nicht zappelig, sondern scheint vielmehr seine Hände zu beruhigen. Er wird sich etwas weiter weg von diesem Tohuwabohu ein Museum, eine Galerie oder etwas Ähnliches suchen, wo er in Ruhe sitzen kann.
Keine drei Kilometer entfernt trinkt auch sein biologischer Sohn Chas Kaffee, und auch er denkt über die Demonstration nach. Und beide lecken sich nach dem letzten Schluck in exakt der gleichen Weise über die Lippen.


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