Hotel Alpha

STORY 58: Auf dem Vorplatz (1979)

Kerslake, der sich nun auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn befindet, schwankt besoffen aus dem Hotel, wo er wieder einmal ein Rudel Studenten zutiefst beeindruckt hat – mit seiner Weisheit. Dieses Wort stammt nicht von ihm, sondern einer der Jungs hat es benutzt, nachdem er mit dem Gratiskugelschreiber des Hotels auf einer Papierserviette skizziert hat, wie Spirochäten die Lymphozyten befallen und eine Lyme-Borreliose hervorrufen. Weisheit. Er blinzelt sich selbstgefällig zu, als er sich im Fenster eines Mercedes spiegelt, der abfahrbereit auf dem Vorplatz brummt. Weise zu sein … wie geht der Spruch noch mal? Weise zu sein ist menschlich, aber … Nein, er kann sich nicht mehr daran erinnern. Er muss pinkeln. Das hätte er im Hotel machen sollen. Ein schönes Urinal haben sie da, glänzend und gepflegt. Kann er einfach hier auf die Straße urinieren? Er findet, dass er verdammt noch mal tun kann, was er will. Er ist Doktor der Medizin, nicht einfach irgendein Doktor, sondern ein weiser Doktor. Bei einem »Haben wir einen Arzt an Bord?«-Notfall im Flugzeug (wie man ihn aus Filmen kennt) wäre Kerslake nicht nur befugt, mit gewichtiger Miene nach vorne zu eilen (oder eher nach hinten, da er normalerweise Businessclass fliegt), es würde ihm wahrscheinlich auch ein eventuell anwesender zweiter Arzt den Vortritt lassen.
»Dr. Bob Kerslake«, würde er sich mit lauter und Respekt heischender Stimme vorstellen. Sein Rivale würde, zur Einsicht gebracht, einen Schritt zurücktreten und den Blick ein wenig senken. Und das ganze Flugzeug würde voller Bewunderung den Atem anhalten, während sich der weise Arzt daran machen würde, ein Leben zu retten.
Wie heißt das? Weise zu sein ist … göttlich? Nein. Der Spruch geht völlig anders. Er muss das irgendwie verwechseln. Vielleicht gibt es gar keinen Spruch über Weisheit.
Kerslake beginnt zu pfeifen, während er schnellen Schrittes nach Süden geht, und die Schöße seines Jacketts flattern dabei im Wind. Er biegt einmal links und einmal rechts ab und landet hinter einem Gebäudeklotz, der selbst im Halbdunkel schmuddelig wirkt. Der Schmutz in diversen Schattierungen auf den weiß getünchten Mauern sieht wie Farbschichten auf einem modernen Gemälde aus. Er hat sechs Monate seiner Ausbildung hier verbracht, beziehungsweise im Vorgängergebäude, und war zu einem Vortrag vor ein paar Jahren wieder hier. Jetzt wird er hier seine Blase entleeren, jedenfalls hat er das vor. Doch als er mit dem Blick den Platz nach einer geeigneten Stelle absucht, lässt ihn ein Rascheln erstarren. Er hört Geklapper, als sich jemand an einer Mülltonne vorbeizwängt und dabei den Deckel herunterwirft. Kerslake erblickt eine Frau, vielleicht eine Inderin, etwas älter als er. Nachdem der Schreck sich gelegt hat, begreift er, dass sie keine Bedrohung darstellt, eher ein Bild des Jammers. Sie streckt eine knochige Hand aus: »Haben bisschen Geld übrig?«
Er ist erleichtert, dass es sich nur um eine Bettlerin handelt und nicht um jemanden mit härteren Methoden, ihm sein Geld abzunehmen. Doch seine Erleichterung verwandelt sich schnell in Verachtung für die Frau. Er hat kein Verständnis für Menschen, die sich herumtreiben und andere anbetteln, statt sich zu bemühen, selbst für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Er, Dr. Bob Kerslake, hat nie um etwas gebeten. Er wurde mit der Maxime erzogen, dass man nicht um etwas bittet. Man setzt sich nicht auf den Rücksitz und jammert, wie sein Vater es auszudrücken pflegte. Sein Vater pflegte sich auch taub zu stellen, wenn sie einen Nachtisch haben oder länger aufbleiben wollten. Er tat einfach so, als höre er sie nicht. Und es funktionierte. Eine strenge Methode, aber sie funktionierte. Als Bob sein Arztexamen machte, als er seine Praxis eröffnete und spürte, dass sein Vater ihn endlich respektierte, auch wenn er nicht mehr dabei sein konnte …
»Nein, tut mir leid«, sagt er.
Es tut ihm nicht leid, aber das sagt man eben so. Die Frau zieht ihre Hand nicht zurück, scheint seinen Widerwillen nicht zu bemerken. Sie wiederholt noch einmal, was sie bereits gesagt hat, genau das Gleiche. Kerslake spürt den Druck auf seine Blase. Der Wind bläst ihm in den Rücken. Er verschränkt seine Arme.
»Ich kann Ihnen nicht helfen, gehen Sie weg.«
»Sie können helfen, bitte«, beharrt die Frau. Sie trägt einen – wie nennt man das? – Sari oder so. Sie hat so einen Punkt auf ihrer Stirn und ein ausgebleichtes rosa Tuch auf dem Kopf. In der Zeitung stand, dass inzwischen mehr Inder im Land seien – was sagte die Statistik? Eigentlich egal, denn es ist ihm auch schon selbst aufgefallen. Viele von ihnen haben Geld. Viele absolvieren erfolgreich ein Medizinstudium. Die stören ihn nicht, das sind Leute, die sich ihren Besitz erarbeitet haben, und …
»Ich brauche, bitte, helfen Sie«, sagt die Inderin. »Meine Tochter, mein Enkel, meine Enkelin, wir alle leben in ein Zimmer.« Sie gestikuliert in der Dunkelheit, als würde das etwas belegen. »Zwei Kinder, haben Hunger.«
Kerslake spürt nun selbst stechenden Hunger, erinnert sich sekundenlang an die Qual, ohne Essen ins Bett geschickt zu werden und hungrig im Dunkeln zu liegen. Diese Erinnerung macht ihn noch wütender auf die Frau.
»Es ist unverantwortlich, Kinder aufzuziehen, wenn Sie nicht anständig für sie sorgen können«, sagt er. »Wenn Sie es sich nicht leisten können, sie zu ernähren, dann sollten Sie sie gar nicht erst bekommen. Tut mir leid. Ich kann Ihnen nicht helfen.« In seiner Tasche befinden sich zwei Zehnpfundnoten, die sich nun anfühlen, als würden sie vibrieren oder piepsen. Jeden dieser Scheine könnte er sofort hergeben, ohne dass er ihn vermissen würde. Er könnte zwanzig Pfund einfach in den Gully werfen und hätte es schon vergessen, wenn er nach Hause käme. Aber diese Frau wird er für ihre Unverschämtheit nicht auch noch belohnen.
Die Frau hat wieder angefangen zu reden. Er ist eigentlich davon ausgegangen, dass sie ihre Leidensgeschichte fortsetzen würde, aber sie ist jetzt auf einer anderen Spur. Ihre Stimme ist leiser geworden, aber Kerslake hört jetzt Böswilligkeit heraus, ja sogar eine Drohung. Er weist sie an, ihre Äußerung zu wiederholen.
»Ein Kind ist stärker als Sie«, sagt die Inderin. »Ein Kind, zwei Jahre, kann Sie umhauen.«
»Was zum Teufel wollen Sie damit sagen?«, fährt Kerslake sie an. »Überhaupt ist es mir ganz egal, was Sie da für einen Quatsch faseln.« Angesichts seines Alkoholpegels ist er recht angetan von seiner Eloquenz. Angetan, aber nicht erstaunt. »Wenn Sie es nicht sofort unterlassen, mich zu belästigen, werde ich die Polizei rufen. Ich gehe davon aus, dass es die Beamten höchst interessant finden werden, in welch unangemessenen Lebensverhältnissen Sie Ihre Kinder … halten … äh … unterbringen.«
Die Frau blickt ihn an – ja, wie? Mit stiller Belustigung, möchte er fast behaupten. Überheblichkeit. Als sei sie ihm irgendwie überlegen, was sie beim besten Willen nicht behaupten kann. Noch einmal wiederholt sie ihre Aussage, diese unsinnige Behauptung: »Ein Kind, zwei Jahre alt, kann Sie umhauen.«
»Das möchte ich sehen!«, schreit Kerslake ihr hinterher, als sie davonschlurft. Der Adrenalinstoß hat sein Blut in Wallung gebracht. Gut, dass er sich nicht hat erweichen lassen, findet er. Mit jedem Schritt, den sie sich von ihm entfernt, fühlt er sich mutiger und stärker. »Den Zweijährigen möchte ich verdammt noch mal sehen, der das hinkriegt.«
Er wartet nicht einmal darauf, bis sie endgültig verschwunden ist. Er tastet nach seinem Hosenschlitz und bringt sich in Stellung für die voraussichtlich überaus befriedigende Leerung seiner Blase.
Dr. Bob Kerslake, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, der Mann, den man bei einem Notfall im Flugzeug herbeirufen würde, hat jetzt für Dinnerpartys eine weitere schöne Anekdote über das merkwürdige Gesindel parat, das einem in London über den Weg läuft, und wie man mit einer Portion gesundem Menschenverstand damit fertigwird.


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