Hotel Alpha

STORY 59: Zimmer 70 (1991)

»Wie kommen Sie auf die Idee, es könnte irgendein Problem lösen, wenn Sie vom Dach springen?«
Im Spiegel erfasst sie den Ausdruck in ihrem Gesicht: überrascht, vielleicht auch ein bisschen empört. Sie hätte nicht erwartet, dass der Seelsorger ihre Entscheidung infrage stellen würde. Sie hat – sie weiß nicht genau, was sie erwartet hat: Mitgefühl vermutlich. Sie hat erwartet, dass man ihr erklärt, dass das Leben zu wertvoll sei, um es wegzuwerfen. Oder dass die Dinge am nächsten Morgen viel weniger schlimm aussehen. Um zu diskutieren, hat sie nun wirklich nicht angerufen. Aber warum dann? Eine Antwort auf seine Frage hat sie jedenfalls parat.
»Meine Lebensversicherung zahlt im Todesfall, auch bei Selbstmord. Ich habe es nachgeprüft. Ich habe einen Abschluss in Jura. Das Geld bekämen meine Eltern, da ich selbst keine Familie habe. Dann könnten sie die Schulden bezahlen, wenn meine Gläubiger sich an sie halten würden, und noch vieles andere. Meine Eltern und ich, wir stehen uns nicht wirklich nahe. Sie sind nicht direkt … begeistert davon, was aus mir geworden ist. Ich glaube, sie werden darüber hinwegkommen, und irgendwann werden sie denken, dass das gar kein schlechter Schachzug von mir war.«
»Und was ist mit den Menschen, deren Leben dadurch beeinflusst würde?«, fragt der Seelsorger. »Freunde? Geschwister? Ihre Eltern?«
Sie fragt sich, wo der Kerl ist und wie er aussieht. Sie hat, aus welchen Gründen auch immer, eine Frau erwartet. Sie ist ganz ruhig, als sie auf seinen letzten Einwand eingeht. Sie stellt sich vor, dass er vermutlich einen Imbiss oder eine Dose Bier vor sich hat. Ob er Alkohol trinken darf, während er im Dienst ist? Nein, bestimmt nicht, also ist es Cola. Und vermutlich sind sie zu dritt oder viert im Büro. Einer von ihnen steht immer wieder auf, um Wasser heiß zu machen, und dazwischen führen sie tröstliche Gespräche, um die Stimmung aufzuhellen. Trotz der Verantwortung muss es auf ganz eigene Weise auch Spaß machen. Als wäre man Mitglied einer Gang. Sie kann sich an die menschliche Wärme erinnern, die die Zugehörigkeit zu einem Team, zu einer kleinen verschworenen Gemeinschaft vermittelt. Doch zu diesen Zeiten führt kein Weg zurück.
»Ich behaupte ja nicht, dass niemand traurig wäre«, räumt sie ein. »Einige meiner Freunde – auch wenn sie mich lange nicht gesehen haben – wären bestimmt traurig und würden sich fragen, wie sie es hätten verhindern können. Und mein Bruder … na ja, wir haben nicht allzu viel gemeinsam, aber er hängt an mir. Und sogar meine Eltern … sicher wäre es furchtbar für sie, zumindest eine Zeit lang.« Es überrascht sie, wie ungehemmt und ruhig sie darüber sprechen kann. Das ist eben der Job von Seelsorgern und solchen Leuten. Sie sorgen für eine Art Ruhe, in der man redseliger wird als beabsichtigt. »Aber ich glaube, das Gefühl des Verlustes würde nicht allzu lange anhalten. Die Leute kommen über so etwas hinweg.«
»Für mich klingt es nicht so«, bemerkt der Seelsorger, »als ob Ihnen so wahnsinnig daran gelegen wäre, zu sterben. Ich finde, dass Sie hinsichtlich der Angelegenheit sehr gelassen wirken.«
Wider Willen muss sie fast lächeln. Das haben immer alle über sie gesagt, auf der Uni, in den Kanzleien: »Sie argumentieren sehr schlüssig, aber wir wollen ein bisschen mehr Leidenschaft sehen. Mehr von Ihnen selbst.« Als ob das so einfach wäre, »man selbst« zu sein. »Aber ganz leidenschaftslos bin ich auch nicht«, entgegnet sie. Sie genießt diesen Schlagabtausch jetzt beinahe. Also noch eine letzte Offensive: »Einerseits möchte ich natürlich nicht sterben, würde ich sagen. Es wäre mir lieber, ich bliebe am Leben und alles würde gut. Aber andererseits sind Sie über die Situation ja im Bilde. Ich sitze in der Falle.«
»Sie sitzen nur insofern in der Falle, dass Sie einen großen Berg Schulden haben, den Sie nicht zurückzahlen können«, sagt der Mann.
Sie lacht mit erstickter Stimme. Letztlich hat sie ihn doch überschätzt. So ein Trottel! Ist das alles, was er macht? Ihre Informationen aufnehmen und sie zu ihr zurückspielen, wie es angeblich die Psychiater machen? »Oh, vielen Dank für Ihr Einfühlungsvermögen.« Eigentlich ist Sarkasmus nicht ihre Sache, sie spricht lieber Klartext, da ist Sarkasmus nur hinderlich, aber das, also wirklich! »Sie sagen also, mein ›einziges‹ Problem sind 20000 Pfund Schulden, die ich innerhalb von 24 Stunden zurückzahlen muss.«
»Ja. Das ist zugegeben ein sehr großes Problem, aber doch mehr ein logistisches, kein moralisches. Sie haben niemanden umgebracht. Sie haben nichts Böses getan. Wenn ich Ihre Schilderung zu Anfang richtig verstanden habe, hatten Sie einfach Pech. Sie wurden übers Ohr gehauen. Sie haben unüberlegt Geld verliehen, das kann passieren. Sie haben es nicht verdient, in der Patsche zu sitzen.«
Sein sokratischer Ton macht sie immer ungehaltener und verleitet sie zu einer für sie untypischen unhöflichen Wortwahl: »Was zum Teufel hat das damit zu tun, ob ich es verdiene oder nicht? Es ist nun mal so. So ist halt das Leben. Das Leben ist nicht gerecht. Der Typ, der diese sogenannte Geldanlage vertickt hat, sitzt jetzt vermutlich auf den Bahamas. Der hat das auch nicht verdient. Pech gehabt!«
»Also manche Leute behaupten ja, man sei für sein Glück selbst verantwortlich«, sagt der Seelsorger. »Sagten Sie, dass Sie in London sind? Sie müssen mir nicht verraten, wo genau.«
»Ja. In einem Hotel. Im Hotel Alpha. Es ist mir egal, ob Sie das wissen, was macht das schon aus …«
»Im Hotel Alpha!« Der Mann am Sorgentelefon fängt an zu lachen. Das ist einfach unglaublich. Sie betrachtet ihr Gesicht im Spiegel und spielt mit dem Gedanken, einfach den Hörer aufzuknallen. Wie zum Teufel kann er lachen? Aber sie bringt es doch nicht fertig, aufzulegen, weil sie fast ebenso neugierig wie aufgebracht ist. Was hat der für ein Problem? Kann sie sich über ihn beschweren? Lohnt es sich, sich über ihn zu beschweren, wo sie doch beabsichtigt, innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden tot zu sein?
»Was finden Sie so lustig?«
»Nicht wirklich lustig«, entschuldigt sich der Telefonseelsorger. »Es ist nur so …« Er schweigt, als müsse er erst abwägen, was er sagt. Sie ist nach wie vor außer sich. Geht es hier um ihn oder um sie? Besonders demütigend findet sie, dass sie zu solch kleinlichem Groll fähig ist, wo sie doch der Auslöschung ihrer Existenz entgegenblickt.
»Na gut«, sagt nun dieser höchst lästige Mensch, den sie eigentlich angerufen hat, um so etwas wie Trost zu finden. »Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen sage, dass ich innerhalb von ein paar Stunden im Hotel Alpha sein und Ihnen einen Scheck über 10000 Pfund ausstellen kann, die Sie zurückzahlen können, falls und wann Sie die Möglichkeit dazu haben? Denn so etwas mache ich ständig.«
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder hat sie ihn nicht richtig verstanden, oder er verarscht sie nach Strich und Faden. Es gibt noch eine dritte: Es besteht die Chance, dass dies real ist, dass dies – und das Wort wäre dann nicht übertrieben – ein Wunder ist. Aber im Augenblick kann sie sich nicht erlauben, darüber nachzudenken.


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